Gesichtet

Orientalische Märchen und historische Fakten zum Islam (II)

Daniel Zöllner widmet sich in einem mehrteiligen Artikel den Mythen über den Islam und zerlegt diese mit wissenschaftlicher Literatur.

Mythos 3: „In der Bibel (und in den darauf beruhenden Religionen Juden- und Christentum) gibt es eine ebenso starke Tendenz zu Gewaltverherrlichung und Intoleranz wie im Islam.“

Dieser Mythos hängt eng mit dem vorhergehenden zusammen. Aus der eigenen Kultur ist man in Europa ein kritisches Verhältnis zu den heiligen Schriften, die diese Kultur geprägt haben, gewohnt. Kritik und besonders Selbstkritik gelten im Christentum und in christlich geprägten Kulturen als wertvoll, während sie im Islam eher als Provokation oder als Zeichen von Schwäche angesehen werden (vgl. Kleine-Hartlage, 109f.).

Erstens kann der Muslim kein kritisches Verhältnis zu seiner heiligen Schrift einnehmen, weil der Koran nach seinem Verständnis dem Propheten direkt von Allah diktiert worden ist (vgl. Pressburg, 15). Deshalb gilt – zweitens –, dass Allah den Muslim aus den Worten des Korans direkt anspricht. Anders als in der Bibel stehen die Worte des Korans nicht unter dem Vorbehalt, dass der Erzähler auch unzuverlässig sein könnte – ein Vorbehalt, der in der modernen historisch-kritischen Bibelforschung selbstverständlich geworden ist.

Drittens kennt der Koran keine relativierenden Interpretationen durch spätere autoritative Schriften. Im Falle des Christentums wird hingegen das Alte Testament und seine stellenweise von Gewalt durchzogenen Erzählungen durch das Neue Testament relativiert. Im Judentum hat der Talmud eine ähnliche Funktion. Eine solche Relativierung ist im Islam nicht denkbar, jede Behauptung muss sich hier vielmehr durch den Rückbezug auf den Koran und dessen ursprüngliche Aussageabsicht legitimieren.

Mythos 4: „Der Islam kannte ‚goldene Zeiten‘, in denen er sogar der christlich-abendländischen Zivilisation überlegen war.“

Die „goldenen Zeiten“ des Islam fallen nach gängigem Verständnis ins frühe Mittelalter, in die Zeit ab 750 n. Chr. unter der Herrschaft der „Abbasiden“. Hier hätten die Wissenschaften, die Philosophie und die Medizin im arabischen Kulturraum floriert. Nach den Thesen der Saarbrücker Schule der Islamforschung ergibt sich aber aufgrund der Analyse von Inschriften und Münzen ein ganz anderes Bild: Die „Abbasiden“ waren gar keine islamischen Kalifen, sondern christliche Herrscher (vgl. Pressburg, 124f.).

Zwar gab es tatsächlich eine Blütezeit der Wissenschaften im arabischen Kulturraum. Diese fiele dann jedoch in eine Zeit, in der sich der Islam als eigenständige Religion noch gar nicht etabliert hatte. Das 7. und 8. Jahrhundert war vielmehr die „Blütezeit der arabisch-syrischen Kirche“ (Pressburg, 124). Vor diesem Hintergrund kommt Pressburg zu dem Fazit, es habe die „goldenen Zeiten“ der islamischen Wissenschaften nie gegeben. „Aber es gab eine goldene Zeit der arabischen Wissenschaften. Diese fand ein abruptes Ende, als sich der Islam als dominierende Religion etablierte. Er verjagte das Wissen aus dem Orient nach dem Westen, wo es bis auf den heutigen Tag geblieben ist.“ (Pressburg, 178)

Die zukünftige Islamforschung mag diese Thesen weiter stützen oder auch widerlegen. Fest steht jedoch schon heute, dass der Islam spätestens seit Ende des 9. Jahrhunderts seine liberalen Strömungen immer mehr unterdrückte und sich illiberale Strömungen durchsetzten. In die Zeit Ende des 9. Jahrhunderts fällt nämlich die Niederlage des Mutazilismus (einer Strömung des Islam, die den Wissenschaften und der Philosophie aufgeschlossen war) gegen den Hanbalismus (eine orthodoxe, wissenschaftsfeindliche Strömung des Islam; vgl. Pressburg, 128f.).

Ein weiterer Schritt zur Verdrängung liberaler Strömungen aus dem Islam war die Verurteilung und Verbannung des Philosophen Averroes (Ibn Ruschd, 1126-1198). Hierzu schreibt der Mittelalterexperte und Philosophiehistoriker Kurt Flasch: „Mit der Verurteilung des Averroes endete die wissenschaftliche Kultur der arabischen Welt; der Sieg der philosophiefeindlichen Theologen war endgültig, und die arabischen Länder schieden für lange Zeit aus der Geschichte der Philosophie aus.“ (Flasch, 159) Entsprechend heißt es bei Pressburg (172): „Mit Ibn Ruschd ist die Zeit der unabhängigen Denker der arabischen Geistesgeschichte zu Ende.“

Die abschließenden Mythen 5 und 6 erscheinen in Kürze.

(Bild: Pixabay)

Literatur

Flasch, Kurt: Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustinus bis Voltaire. 2. Aufl. Frankfurt a. M.: Klostermann 2009.

Kleine-Hartlage, Manfred: Das Dschihadsystem. Wie der Islam funktioniert. Gräfelfing: Resch 2010.

Pressburg, Norbert G.: Good Bye Mohammed. Das neue Bild des Islam. 3., überarbeitete Aufl. Norderstedt: Books on Demand 2012.

Resch, Ingo: Islam und Christentum. Ein Vergleich. Gräfelfing: Resch 2011

Spaemann, Robert: Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne. 7. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta 2014.


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