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Presseschau zum NSU-Prozeß

Im NSU-Prozeß ist noch nichts geschehen. Lediglich die Medien haben ihre häßlichste Fratze gezeigt. Eine Presseschau:

Angemessen über den Prozeß berichtet erstaunlicherweise einzig die taz, die Zweifel an der Stabilität der Anklage äußert:

Generalbundesanwalt Harald Range stützt seine Vorwürfe gegen Beate Zschäpe vor allem auf Spekulationen – eine wasserfeste Beweisführung sieht anders aus.

 

(…) Theoretisch ist es möglich, dass die Angeklagte nur in die Überfälle auf Banken und Supermärkte eingeweiht war und dass ihr Tarnverhalten nur das Leben in der Illegalität absichern sollte.

 

(…) Trotz aller Schwächen der Anklage dürfte Generalbundesanwalt Range nun keine schlaflosen Nächte haben. Denn das Oberlandesgericht (OLG) München hat die Mordanklage im Januar zugelassen. Damit haben die Münchener Richter implizit auch erklärt, dass sie eine Verurteilung Zschäpes nach dieser Anklage für wahrscheinlich halten.

Die taz geht nicht so weit, den Prozeß deshalb als einen »politischen Prozeß« zu bezeichnen, setzt sich aber zumindest kritisch mit ihm auseinander. Ganz anders sieht das bei der bürgerlichen Presse aus.

Am peinlichsten ist dabei die Berichterstattung der WELT. Per Hinrichs schreibt:

Es geht um zehn hinterhältige Morde. Hinrichtungen per Kopfschuss. Und was macht Beate Zschäpe? Sie lächelt. Ja, manchmal lacht sie sogar.

 

Die mutmaßliche Terroristin ist gerade in den Gerichtssaal gekommen. Ohne Hand- oder Fußfesseln. Aus einem Phantom, das man fast nur von Fahndungsplakaten kannte, wird in diesem Moment eine schlanke Frau, die in weißer Bluse und schwarzem Blazer nicht auffällt zwischen ihren Anwälten. Beate Zschäpe sieht nicht mehr aus wie eine Terroristin.

Den Award für den dümmsten Beitrag bekommt allerdings der Schriftsteller Georg M. Oswald, der die Nachnamen der Anwälte von Zschäpe kritisiert:

Wenn sich nun aber die Hauptangeklagte des NSU-Prozesses ein Verteidigerteam aus der ganzen Republik mit den Nachnamen Heer, Stahl und Sturm zusammenstellt, liegt die Vermutung ziemlich nahe, dass sie uns etwas damit sagen will. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Terrorist nicht glaubt, der Staat, den er bekriegt, bereite ihm ein faires Verfahren. Er wird deshalb nichts unversucht lassen, ihm Hohn zu sprechen.

Nun handelt es sich dummerweise um Pflichtverteidiger. Zschäpe wird gerade nicht von irgendwelchen rechten Szene-Anwälten vertreten. Wolfgang Heer, der erste Pflichtverteidiger, suchte sich vielmehr seine zwei Kollegen selbst aus.

Hingewiesen werden muß auch auf das Twitter-Donnerwetter, an dem sich auch normale Journalisten beteiligen. Daniel Hähle etwa photographiert die Zschäpe-Anwalte beim Gang zum Bäcker und geilt sich an Maik Eminger und seinem Glatzen-Freund auf.

Auffällig ist insgesamt: Was man von der BRIGITTE erwartet hätte, machen alle anderen Medien auch zu dem Mittelpunkt ihrer Berichte: Wie hat Zschäpe die Haare? Frisch gefärbt. Wie kleidet sie sich? Wie eine Geschäftsfrau. Was verraten ihre Gesten? Sie ist tatsächlich die heimliche Drahtzieherin im Hintergrund, die ganz unauffällig agiert (n-tv).

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

2 Kommentare zu “Presseschau zum NSU-Prozeß

  1. Richard Feldmann

    Wer von den sogenannten deutschen Leitmedien etwas anderes erwartet hatte, dürfte unter Realitätsverlust leiden. Es ist so, dass der NSU-Prozess ein reiner Schauprozess darstellt, der von politischen Motiven geleitet wird und bei dem das Urteil von Anfang an feststeht.
    Und wer allen Ernstes Antworten auf die vielen offenen Fragen erwartet, wird auch enttäuscht werden. Im Zusammenhang mit dem »nationalsozialistischen Untergrund« fällt mir immer wieder das Stichwort »Strategie der Spannung« aus den 80er Jahren ein. (http://de.wikipedia.org/wiki/Strategie_der_Spannung) Es gibt hier durchaus eine ganze Reihe von Parallelen und Ungereimtheiten, für die es bis heute ebenfalls keine schlüssigen Erklärungen gibt. Ähnlich wie beim Fall der http://de.wikipedia.org/wiki/Bande_von_Nijvel, könnte es auch bei den Verbrechen des NSU darum gegangen sein, ein politisches Klima und daraus resultierend die Rechtsgrundlagen dafür zu schaffen, politisch unerwünschte Kreise final mit vernichtenden Sanktionen überziehen zu können.

  2. BN am 6.5. »Sie habe die Aufgabe, die scheinbar unendlichen Möglichkeiten in einem freiheitlich-?demokratischen System durch eine Normalisierung der Bevölkerung einzuschränken. Wie funktioniert diese Normalisierung und was hat sie mit dem NSU-?Prozeß zu tun?«

    Normalisierung? Da ist wohl eher die Normierung gemeint.

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