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Probleme der Décroissance

shareIn den letzten Wochen ging es bei uns im Blatt viel um Décroissance und Postwachstums-Ökonomie. Fabian Schwarz hat »Auswege aus dem Massenkonsum« aufgezeigt und wir haben uns hier, hier und hier mehrere kritische Positionen zur Wachstumsgesellschaft angehört. In der FAZ von heute beschäftigt sich nun Melanie Mühl mit der »Shareconomy« und bringt einige Probleme zur Sprache, die auftreten, wenn man sich vom Überfluß befreien will.

Wohl alle Theorien zur Postwachstums-Ökonomie betonen, daß wir zum menschlichen Maß zurückkehren müssen, bescheiden leben sollten sowie eine Kultur der Reparatur und des Teilens etablieren könnten. Das klingt immer erstmal ganz toll. Aber wie sieht das in der Praxis aus?

In den letzten Jahren hat sich eine regelrechte »Shareconomy« herausgebildet. Egal, ob das Auto, Fahrrad, die Möbel oder die Bibliothek, heute kann man fast alles teilen und sich dabei sogar ein gutes Gewissen einreden, weil man besonders umweltbewußt agiere. Mühl blickt nun hinter die Fassade dieser tollen Grundidee der »Shareconomy« und kommt zu einem differenzierten Urteil:

In einer Welt ständiger Verfügbarkeitsversprechungen sind Teilen und Tauschen in erster Linie ökonomisch motivierte Vorgänge, auch wenn davon selten die Rede ist, wenn es ums Sharing geht. Dessen Befürworter verschanzen sich lieber hinter dem umweltschonenden, weil ressourcenschützenden und sozialen Pseudoaspekt der Tausch- und Teilbewegung. Menschen vernetzen sich, rücken zusammen, teilen, anstatt zu besitzen, da sich teilen moralisch viel besser anfühlt.

 

(…)

 

Dass die vermeintlichen Konsumverweigerer einander gern auf die Schultern klopfen und ihre Besitzmüdigkeit gegenseitig loben, ist naiv. Durch die neuen Möglichkeiten wurden nur neue Bedürfnisse geschaffen und tief verankert. Sharing bedeutet nicht zwangsläufig weniger Konsum, es verändert nur die Art des Konsums. Genaugenommen befeuert es sogar die Lust darauf.

Mühl kritisiert, daß die Menschen, die da etwas gemeinsam teilen, einander fremd bleiben. Sie teilen aus Eigennutz, weil sie flexibel und mobil sein wollen. Das heißt, und hier hat Mühl natürlich recht und legt den Finger in die richtige Wunde: Über die »Shareeconomy« entstehen keine neuen festen Gemeinschaften. Im Gegenteil: Unsere nach Flexibilität und Ungebundenheit verlangende Gesellschaft wird sogar noch zementiert, weil man sich alles mal kurz ausleihen kann, solange man es braucht.

Ein zweites Problem benennt Mühl ebenfalls:

Die »Shareconomy« funktioniert nur so lange gut, solange der Einzelne für die Dinge, die er auf Zeit benutzt, Verantwortung übernimmt, sei es für ein Fahrrad, das nicht ihm gehört, oder für eine Bohrmaschine. Doch die Anonymität der Masse fördert offenbar die Asozialität Einzelner. Die Sozialität unter Fremden ist eine andere als unter Freunden. Das ist der größte Haken der Sharing-Kultur. So gesehen, liegt die wahre Beschränkung gerade im Besitz. Dessen Wert ist einem bewusst, weshalb man naturgemäß sorgfältig mit seinen Besitztümern umgeht.

(Bild: SHARE-Magazin)

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