Alter Blog

Prostitution oder: Die Herrschaft des Skandals

emmaZur aktuellen Debatte über Prostitution fällt mir nur eins ein: Haben wir keine wichtigeren Probleme? Damit sind wir auch am eigentlich heiklen Punkt angelangt: Warum schenken wir dem Belanglosen so viel Aufmerksamkeit und sind zugleich unfähig, die Kontroversen zu führen, die für unsere Zukunft entscheidend sind?

Der Appell gegen Prostitution von Alice Schwarzer und ihrer EMMA kommt zu keinem ungewöhnlichen Zeitpunkt, denn sie hat zum einen gerade ein Buch über Prostitution. Ein deutscher Skandal geschrieben und betreibt somit eine bestens laufende Buch-PR. Zum anderen sind die Bundestagswahlen vorbei, die dieses Thema wohl verdrängt hätten, wäre es früher gelaufen.

Hitler, Sex und Gewalt

Auch aus machtstrategischen Erwägungen ist es natürlich clever, diese Debatte in die Zeit der Koalitionsverhandlungen zu legen, weil sich dann die Politiker unter Skandaldruck aufgefordert fühlen, eine Änderung des Prostitutionsgesetzes zumindest in ihre losen Absichtserklärungen aufzunehmen. Wie ich heute früh einem Interview im Deutschlandfunk entnehmen konnte, hat es Alice Schwarzer auch schon soweit geschafft. Eine SPD-Politikerin sagte sinngemäß: Verbot der Prostitution: Nein! Aber ein paar Änderungen am Gesetz zur Eindämmung des Menschenhandels: Ja!

Viel erschreckender ist jedoch, wie die gesamte Öffentlichkeit inklusive derjenigen, die sich als Gegen-Öffentlichkeit begreifen, auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind. Das trifft sowohl auf Linke, Liberale als auch Konservative zu. Boulevard-Medien schlachten das Thema genauso aus wie die Intellektuellen. Und die Printmedien verhalten sich dabei keinesfalls besser als das Fernsehen. Als Indikator dient für mich immer das Thema des Sonntagabendfilms in der ARD (Schimanski: Loverboy) und der sich anschließenden Quasselrunde von Günther Jauch (»Großbordell Deutschland«). Was hier verhandelt wird, bewegt in einer Art freiwilligen Gleichschaltung die Republik mindestens eine Woche lang. Im Fall von Christian Wulff hat es sogar über Monate hinweg geklappt.

Debattenverhinderungskultur

In meinen Thesen zur Skandalokratie habe ich einmal versucht, dieses Phänomen analytisch anzugehen. Wir haben es heute mit einer Debattenverhinderungskultur zu tun, die es schafft, die eigentlichen Herausforderungen unserer Zeit zu verdrängen. Wir alle sind schon so sehr von Boulevardisierung, Personalisierung, Ritualisierung, Beschleunigung der Neuigkeiten sowie Virtualisierung bzw. Anonymisierung (im Internet) geprägt, daß es uns kaum noch möglich ist, der »Herrschaft des Skandals« zu entkommen, weil sie unsere Wahrnehmung geprägt hat.

Alice Schwarzer hat die Debatte über Prostitution mit dem Drücken einiger bekannter Knöpfe ausgelöst, die immer funktionieren:

  1. den roten Verbots-Knopf: Egal, ob NPD-, Rauch- oder Prostitutionsverbot. Diesen Knopf zu betätigen, klappt immer. Verbote zu fordern, gehört zum Standardrepertoire eines guten Propagandisten – gerade im verbotsgeilen Deutschland.
  2. Zur Auswahl stehen des weiteren die Knöpfe: »Hitler«, »Sex« und »Gewalt«. Am besten ist es, wenn man zwei gleichzeitig drückt – in diesem Fall »Sex« und »Gewalt«.
  3. Jetzt kann man nur noch einen Fehler begehen: sich ein Thema aussuchen, das nicht zu einer der großen Leitideologien der Gegenwart paßt. Alice Schwarzer hat natürlich alles richtig gemacht und auf den Feminismus gesetzt. Die aktuelle Debatte über Prostitution ist zwangsläufig eine feministische, weil nur diese Ideologie derzeit im Mainstream akzeptiert ist. Somit versteigt man sich in einen naiven Irrglaube, wenn man meint, im Rahmen dieser Debatte über christliche Moral und Sittlichkeit sprechen zu können.

Wie wäre es denn damit, alle Debatten bewußt totzuschweigen, bei denen a) Verbote gefordert werden, b) auf »Hitler«, »Sex« oder »Gewalt« gesetzt wird und c) eine der Leitideologien der Gegenwart transportiert wird?

Könnte eine Zeitschrift mit diesem hohen Anspruch überleben? Gibt es noch genügend Leser, die sich für etwas anderes als Skandale in diesem weitgefaßten Sinn interessieren?

Verwandte Themen

Die Rückkehr der Erotik Georg Immanuel Nagel erklärt, warum die Rechte eine ästhetische Ausdrucksform des Sexuellen für sich erschließen muss. Erotik ist rechts, weil Sc...
Jusos wollen subventionierte Vielfalts-Gangbangs Von den Jugendorganisationen der etablierten Parteien ist man schon so einiges gewohnt. So erinnert man sich vielleicht noch an das verbale Getöse der...
Die Tragik der lieblichen Studentinnen Die Station „Schottentor“, bei der sich zahlreiche Linien kreuzen, liegt gleich bei der Wiener Hauptuniversität, dem Zentrum des organisierten Linksex...

Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

4 Kommentare zu “Prostitution oder: Die Herrschaft des Skandals

  1. Zitat eines Unbekannten: »Jede Gesellschaft führt die Diskurse, zu denen sie noch imstande ist.«

    Einer der zentralen Glaubenssätze im heutigen Deutschland ist, daß Biologie nichts – und Soziologie alles sei. Demzufolge erscheint dann auch alles als diskutabel. Prostitution muß also schon soziologisch definierte Frauendiskriminierungsgründe gehabt haben, als sie sich in der Stunde Null ihrer Entstehung anschickte, bis heute zum ältesten Gewerbe der Welt zu werden. Schön, daß das nach tausenden von Jahren endlich entdeckt worden ist und die armen Frauen aus der misslichen Lage befreit werden sollen, mit nichts anderem als ihrer Geschlechtlichkeit einen Lebensunterhalt zu »verdienen«.

    Die Jungen Liberalen erregen die Gemüter zur Zeit mit der Forderung, das Schlachtverbot für Hunde und Katzen aufzuheben. Wahrscheinlich geht es wieder um die verhassten »Herrschaftsstrukturen« – hier: Die Herrschaft von Sitte und Tradition über den gleichheitsvernebelten, dennoch angeblich »gesunden Menschenverstand«. Der rebelliert halt aus einem edlen Gerechtigkeitsgefühl heraus dagegen, daß das Hundetier nicht mit dem Schweinetier gleichgestellt ist. Den Jungen Liberalen läuft vor lauter Gleichheitsbegeisterung wahrscheinlich das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an »gegrillte Ratte am Spieß« denken. Schließlich könnte man sie essen, so wie Hunde und Katzen auch. Das war ja die Begründung für die Forderung nach der Abschaffung des Schlachtverbotes. Wahrscheinlich haben die Jungen Liberalen auch schon darüber nachgedacht, den Moslems nahezulegen, daß man Schweine essen könnte. Vielleicht haben sie sich aber danach gleich überlegt, daß sie es besser bleiben lassen sollten, weil womöglich der gemeine Moslem nicht so diskutierfreudig ist wie der säkularisierte Deutsche, der einfach alles für diskutabel hält. Da scheint also noch ein gewisser Angleichungsbedarf zu bestehen.

    Wir dürfen aber sicher sein: Wenn das Problem jemand angeht, dann werden es wohl die Jungen Liberalen sein. Sie dürften sich dann auch nicht beschweren, wenn ihnen ein Moslem den Kopf abhackt, denn: Wenn ein Hund und ein Schwein dasselbe sind, weil man sie beide essen kann, dann sind ein Jungliberaler und ein Christ auch dasselbe, weil beide einen dekapitationsfähigen Kopf haben. Nur, um hier einmal meine grundsätzliche Toleranzbereitschaft unter Beweis zu stellen: Wäre der Jungliberale auch ohne Kopf vegetierfähig, dann wäre ich grundsätzlich dafür, daß er ihn verliert. Wer braucht schon Überflüssiges, wenn er dafür die Gleichheit haben kann?

    Gleichheit macht Spaß. Sie muß einfach Spaß machen, weil wir neben einer gleichheitsvernebelten Schwachdenkergesellschaft auch noch eine überaus debattierfreudige Spaßgesellschaft sind. Oder eine spassige Debattiergesellschaft, was wiederum nur humorlose Feinde der Gleichstellung von allem mit jedem unlustig finden können. Aus einem rein persönlichen Interesse heraus habe ich mir schon öfter überlegt, wann meine Humorlosigkeit den Punkt erreichen würde, an dem ich der spassigen Debattiergesellschaft eine Atombombe in die Diskussionsrunde werfen würde. Ich bin zu einem Ergebnis gekommen. Knallen würde es an dem Tag, an dem ich meine Steuererklärung bei »My Finanzamt« abzugeben hätte.

    Wenn man sich Gedanken zum Urgrund aller Verbotsdebatten in diesem Land macht – und warum sich der mündige Gleichheitsfetischist voll infantiler Begeisterung in selbige stürzt, dann kommt man unweigerlich zu zwei Ergebnissen. Erstens erscheint das Verbot als ein Mittel, eine bessere Gesellschaft zu erschaffen, was wiederum erkennen läßt, wo der infantile Gleichheitskollektivist seine persönliche Lebensqualität vermutet – und zweitens zeigt es deutlich, daß sich der debattierfreudige Pluralismustrottel gerne einbringt um der Einbringung Willen. Er vertritt ja nicht mehr einen Standpunkt, sondern er »bringt sich in die Debatte ein«. Es geht also nicht mehr um Objektivierbares, sondern um ihn selbst. Weil das so ist, ist auch egal, worüber debattiert wird. Dabeisein ist alles.

    Daß also ein Prostituionsverbot diskutiert wird, hängt weniger mit der Prostitution zusammen, als vielmehr damit, daß es als Thema einer allgemeinen Debatte freigegeben worden ist. Eine Meinung in einer freigegebenen Debatte frei zu äußern, ist einfach geil. Geil ist es, weil es Spaß macht. Keinen Spaß macht es, an nicht freigegebenen Debatten teilzunehmen oder an solchen, bei denen man erst einmal etwas wissen müßte, um Spaß zu haben. Die Debatte um das Prostitutionsverbot ist nicht zuletzt deswegen allgemeinheitsfähig, weil jeder Debattierfreudige zur Teilnahme qualifiziert ist. Es gibt nämlich niemanden, der keinen Geschlechtstrieb hätte. Alles, was irgendwie mit Sex zusammenhängt, ist deswegen ein hervorragendes Diskussionsthema in einer Gesellschaft, in der es als allgemeines Freiheitsrecht begriffen wird, sich seine persönliche Ignoranz zu bewahren und dennoch eine Meinung frei äußern zu dürfen.

    Das hat auch Alice Schwarzer glasklar erkannt. Sie hat – oh Zufall! – just zum Zeitpunkt der Debatte über ein Prostitutionsverbot ein Buch herausgebracht, das sich genau diesem Thema widmet. Es verzichtet zwar weitestgehend auf Fakten, strotzt dafür aber vor Mitgefühl mit den Prostituierten. Es ist also mindestens so gefühlsecht wie ein Kondom. Und darauf kommt es an.

  2. Arminius Arndt

    Man kann mit jeder Diskussion auf den Hund kommen – q.e.d. …

  3. Mir fällt jetzt Ist das nicht auch ein Anlass, über Zwangsprostitution zu reden?
    Auch ich würde versuchen eine Öffentlichkeit während der Koalitionsverhandlungen zu bekommen.

    LG, Florian

  4. Am Montag, 25.11. ist internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Das wäre doch ebenso Anlass das zu thematisieren. … Sorry, iwie hats den Kommentar davor zerpflückt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo