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Die Quelle des Lebens

quellendeslebensIch bin immer sehr vorsichtig mit Diagnosen über den deutschen Film. In unserem Magazin wurde er ja schon häufig schlecht geredet. Aber verhält es sich nicht viel eher so, daß es nun einmal in der Breite immer viel Mist gibt und Qualität selten ist?

In diesem Jahr war ich sehr angetan von dem Film über Hannah Arendt. Letztes Jahr war ich beeindruckt von Barbara. Die Liste der empfehlenswerten deutschen Filme möchte ich nun unter geringfügigen Vorbehalten erweitern: Am Sonnabend habe ich mir Quellen des Lebens, der Anfang 2013 in den Kinos lief und auch noch ins Fernsehen kommen soll, aus der Videothek ausgeliehen.

Fast drei Stunden geht der Film von Regisseur Oskar Roehler (Elementarteilchen, Jud Süß, Subs). Es ist die Verfilmung seines autobiographischen Romans Herkunft, der 2011 erschien. Der Regisseur ist der Sohn der kommunistischen Schriftstellerin Gisela Elsner und von Klaus Roehler, die kein sonderlich großes Interesse an ihm zeigten. Ab seinem vierten Lebensjahr lebte er deshalb bei seinen Großeltern.

Politisch-korrekte Geschichte der BRD?

Der Film porträtiert diese drei Generationen. Er setzt ein mit der Rückkehr des Großvaters Erich Freytag (Jürgen Vogel) aus der Kriegsgefangenschaft. In diesen ersten Minuten hatte ich das Gefühl, der Film müsse eine politisch-korrekte Verfilmung der Geschichte der Bundesrepublik sein. Die Familie von Freytag nimmt den Rückkehrer nur ungern auf und seine Frau hat anscheinend eine Liebesbeziehung mit der Schwester ihres Mannes begonnen. In der ersten Stunde des Films plätschert die Geschichte dann ohne Überraschungen so vor sich hin: Erich Freytag wird mit dem Verkauf von Gartenzwergen Teil des Wirtschaftswunders. Sein Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu) will Schriftsteller werden, gerät in den Sog der 68er und verliebt sich dabei in ein junges Mädchen mit kommunistischen Phantasien.

Richtig gut wird der Film jedoch erst, als diese beiden ungewollt einen Sohn bekommen und Roehler nach langer Vorgeschichte damit beginnt, seine eigene Kindheit und Jugend nachzuerzählen. In Quellen des Lebens heißt diese an Roehler angelehnte Figur Robert Freytag. Robert wird von seinen 68er-Eltern, die sich schnell nicht mehr füreinander interessieren, vernachlässigt.

»Das bleiche Herz der Revolution« (Sophie Dannenberg) zeigt sich also auch hier im Privatleben. Aus der politisch angestrebten Befreiung von allen Lebenszwängen wird eine Zerstörung der Strukturen, die jedes Kind braucht. Robert Freytag erlebt seine Eltern sturzbetrunken. Er muß ansehen, wie sie Sex mit wildfremden Menschen haben und wird schließlich nach einem verkorksten Italien-Urlaub von seinen Großeltern aufgenommen.

Die Schattenseite der Befreiung

Der Spiegel schrieb über den Film: »Gesellschaftlich relevanter Diskurs sieht anders aus.« Tatsächlich ist es so, daß Quellen des Lebens immer dann schwächelt, wenn er Stereotype über die politische Zeitgeschichte der Bundesrepublik reproduziert: Kriegsgefangenschaft, spießige Gartenzwerge und Wirtschaftswunder, »Befreiung« und 68er-Revolution – all das hätte Roehler viel kurzer und weniger klischeehaft fassen können.

Herausragend ist der Film hingegen immer, sobald er sich um die Menschen dreht und erzählt, wie Robert unter seinen ach so fortschrittlichen und intellektuellen Eltern leidet, wie er sich der Nachbarstochter der Großeltern nähert und wie sich die Beziehung des »Nazi-Opas« zu seiner Frau entwickelt. Man könnte die Aussage des Films mit der Behauptung zusammenfassen, nicht die Politik, sondern die Liebe sei die »Quelle des Lebens«. Und nur wenn die Liebe zu den engsten Mitmenschen über die politischen Verstrahlungen, die es zu allen Zeiten gegeben hat, siegt, ist ein erfülltes und glückliches Leben möglich.

Der Film nimmt hier auch eine deutliche Wertung vor: Die 68er mit ihrer Bindungslosigkeit und ihren Utopien läßt er scheitern und verurteilt den Umgang mit ihren Kindern. Zum Erschrecken des Spiegels ist es gerade der »Nazi-Opa«, der sich als zur Liebe fähig erweist und immer zu seiner Familie steht. Zu den emotionalsten Szenen des Filmes zählt jene, in der er kaum aufnahmefähig im Krankenhaus liegt, nachdem er seiner Frau eine Niere überlassen hat. Diese, selbst noch von der Transplantation geschwächt, läßt sich neben ihren Mann legen und versöhnt sich quasi symbolisch noch einmal mit ihm nach einem langen Leben voller Turbulenzen.

Liebe versus Politik

Neben den Großeltern ist es der junge Robert Freytag, der trotz seiner schwierigen Kindheit zur Liebe findet und nicht etwa wie seine Freunde Zuhälter werden möchte. Er kommt – fast schon kitschig – mit dem Nachbarsmädchen seiner Großeltern zusammen und führt mit ihr eine für junge Menschen ungewöhnlich vorbildliche Beziehung.

Damit entläßt der Film den Zuschauer mit einem optimistischen Fazit: Liebe besitzt eine größere Kraft als Politik. Allen politischen Verirrungen zum Trotz bleibt also zwischen den Menschen zum Glück alles beim Alten.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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