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Radikal denken mit McLuhan: Das Ende der Börse, der Stadt und des traditionellen Verkehrs

Jedesmal, wenn ich eines seiner Bücher aufschlage, bin ich auf´s Neue fasziniert von der Radikalität des Denkens, die Marshall McLuhan zelebriert. Er ist nicht nur ein Prophet des digitalen Zeitalters, er ist einer der wichtigsten Geschichtsphilosophen, mit denen wir in die Zukunft blicken können. An Marx und Spengler kritisiert er, daß sie die Gründe der von ihnen beschriebenen Wandlungen in der Weltgeschichte nicht gut genug beschreiben würden. Sein Kritikpunkt: Sie vergessen die Medienrevolutionen und begreifen nicht die Tragweite neuer Technologien. Denn:

Jede neue Technologie erfordert einen neuen Krieg.

Daß wir diesen Satz nicht verstehen, liegt besonders daran, daß wir noch vollkommen vom utopischen Denken des Zeitalters des Kinos geprägt sind. Die linke Hegemonie erklärt sich daraus ganz leicht: Wir befinden uns in einem medialen Entwicklungsstadium der Träume, das die harte Realität, auf die Konservative unaufhörlich hinweisen, ignoriert. Aber keine Sorge, es wird sowieso noch schlimmer. In dem Buch Krieg und Frieden im globalen Dorf (1967) schrieb McLuhan:

All die nichtindustriellen Gebiete wie China, Indien und Afrika eilen durch die elektronische Technologie nach vorn. Dies hat die amerikanische Vorstellungswelt zutiefst durcheinandergebracht, denn alle diese zurückgebliebenen Länder sind im erhabensten Sinne des Begriffs tribal. Das heißt, sie haben nie ein neunzehntes Jahrhundert gehabt; sie haben das zwanzigste Jahrhundert betreten, und ihre Sippenorganisationen und ihre engen, alles einbeziehenden Gemeinschaftsformen sind noch unangetastet. Das bedeutet, sie sind weit »kommunistischer« als Rußland, aber vielleicht nicht »kommunistischer«, als unsere eigenen Teenager wahrscheinlich werden.

Die neue Technologie des Computers werde uns noch in eine umfassende Identitätskrise stürzen, die eigentlich nur mit dem eigenen Untergang oder einem Krieg beendet werden kann. Was kommt also noch auf uns zu? McLuhan stellte sich das so vor und es bewahrheitet sich immer mehr:

Es ist nicht nur unser Erziehungssystem, das nicht gegen die neue elektronische Geschwindigkeit ankommt. Die Börsen der Welt sind so hilflos und werden in wenigen Jahren unter dem Druck des Computers verschwinden. Die großen Städte unserer Erde sind so antiquiert und unbedeutend, daß sie alle das Schicksal der London Bridge erleiden werden, die zwar nicht eingestürzt ist, die aber abgebaut und auf das Privatgrundstück eines Texaners geschafft wird. Innerhalb von zehn Jahren wird man New York abbrechen, und der normale Bürger wird zum Leben auf dem Lande zurückgekehrt sein. Es wird keine Straßen und keine Räder mehr geben, sondern nur schwerelosen Transport.

Mehr davon? Krieg und Frieden ist gerade neu beim Kulturverlag Kadmos erschienen.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

1 Kommentar zu “Radikal denken mit McLuhan: Das Ende der Börse, der Stadt und des traditionellen Verkehrs

  1. Rodrigo Diaz

    »Die Börsen der Welt sind so hilflos und werden in wenigen Jahren unter dem Druck des Computers verschwinden.«

    Die Zockerei ist aber durch Computer und Internet erst so richtig losgegangen.

    »Die großen Städte unserer Erde sind so antiquiert und unbedeutend … Innerhalb von zehn Jahren wird man New York abbrechen, und der normale Bürger wird zum Leben auf dem Lande zurückgekehrt sein.«

    In der Realität entstanden seit den 60er Jahren immer größere Megacities (Lagos, Cairo, Bombay, Mexico City, Rio). Immer mehr Menschen leben in urbanen Ballungsräumen. Eine beispiellose Landflucht findet statt.

    »Es wird keine Straßen und keine Räder mehr geben, sondern nur schwerelosen Transport.«

    Rad, Straße und Schiene werden sich wohl noch 100 Jahre halten. Die allgemeine Tendenz zu energiesparenden Antriebstechnologien läßt schwebenden Transport auf viele Jahrzehnte noch ein Luxusgut bleiben.

    »McLuhan stellte sich das so vor und es bewahrheitet sich immer mehr«

    Verstehe ich nicht, zumindest das, was Du hier zitierst schaut nach dem typischen naiven Techno-Optimismus der 60er aus.

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