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Rassismus gegen Balotelli. Ein Leserbrief

Der folgende kritische Brief stammt von einem Leser aus Bochum, der sich über die aktuelle Kolumne von Robin Classen über die Fußballeuropameisterschaft geärgert hat. Der Leser wirft Classen Rassismus vor, weil dieser sich über »söldnerähnliche Verhältnisse« in den Fußballnationalmannschaften beschwert und dabei explizit den italienischen Spieler Mario Balotelli herausgreift. In der Kolumne heißt es:

Traurig erscheint auch der fortschreitende Untergang des Grundsatzes, dass die Europameisterschaft ein Wettkampf der Nationen sein soll. Wo bei Deutschland, England und besonders Frankreich söldnerähnliche Verhältnisse zum guten Ton gehören – Spieler mit fremdländischen Wurzeln, die vordergründig aus Karrieregründen und nicht aus Stolz für die Nationalmannschaft spielen – hat nun offenbar auch Italien seinen langjährigen Widerstand gegen die Überfremdung der Nationalmannschaft aufgegeben und sich den ersten dunkelhäutigen Spieler für den Sturm der Squadra Azzurra geholt. Mario Balotelli, der aus Ghana stammt und bisher vor allem durch grobe Fouls und Wutausbrüche von sich reden machte.

Vor der EM kündigte er öffentlichkeitswirksam an, bei einer „rassistischen Beleidigung“ nach Hause zu fahren – ob er damit Ghana meint, ist nicht bekannt – oder ins Gefängnis zu gehen, weil er den Rassisten ermorden würde. Auch über die polnische Nationalmannschaft gab es Debatten, da einige ihrer Spieler im Ausland – Deutschland oder Frankreich – geboren und aufgewachsen sind, einige von ihnen nicht einmal die Sprache sprechen und allerhöchstens eine polnische Oma haben.

Wohltuend tun sich jene Mannschaften hervor, die den eigenen Nachwuchs fördern, anstatt Fremde mit heimischem Plastikkärtchen als Nationalmannschaft auflaufen zu lassen. Man kann nur hoffen, dass sich eines dieser Länder durch Spielwitz und Kampfgeist im Turnier durchsetzen wird.

Unser Leser aus Bochum schreibt nun dazu und hat auch eingewilligt, dies hier zu veröffentlichen, um eine Diskussion darüber in Gang zu bringen:

Ich lese schon seit einiger Zeit und bislang auch mit weitgehender Zustimmung euren Online-Blog.

Umso mehr war ich entsetzt, als ich gestern den vierten Teil eurer EM-Kolumne gelesen habe. Was der Autor Classen am Ende seiner Kolumne schreibt, ist meiner Meinung nach purer Rassismus. Da wird plötzlich davon gesprochen, dass die italienische Nationalmannschaft nun »überfremdet«, weil mit Mario Balotelli ein Spieler mit fremdländischen Wurzeln für Italien aufläuft. Da stellt sich mir die Frage, wie man zu so einem Schluss kommt. Offenbar hat es der Autor versäumt Balotellis Vita vorher zu recherchieren. Es stimmt zwar, dass seine Eltern ghanaischer Abstammung sind, aber man muss auch festhalten, dass er in Italien (Palermo) geboren ist und schon früh in die Obhut einer italienischen Familie kam. Das Einzige, was ihn von seinen Nationalmannschaftskollegen unterscheidet, ist demnach seine Hautfarbe, Schädelform etc., denn sozialisiert ist er als Italiener.

Und genau dort liegt mein Problem: Wie kann man Balotelli absprechen, dass er nicht doch aus Nationalstolz bei der Nationalmannschaft spielt? Ist »Rassenreinheit« etwa für euch das Kriterium dafür, dass man in der Nationelf spielen darf? Wenn ja, unterscheidet ihr euch in dieser Hinsicht nicht von den italienischen Faschisten, die Balotelli immer wieder nur aufgrund seiner Hautfarbe rassistisch beleidigen. Ich kann auch ein klein wenig Verständnis für Balotelli aufbringen, wenn er ab und zu aggressiv auf die Beleidigungen reagiert. Schließlich wird er immer wieder damit konfrontiert. Ich denke jedoch, dass er sich überhaupt nicht rechtzufertigen braucht, da Italien immer sein Heimatland war.

Aber auch bei Spielern wie Cacau (wie ich finde ein besonders gutes Beispiel für Integration), die nicht in Deutschland geboren wurden, sich aber als Deutsche fühlen und auch so leben wollen, sehe ich keinerlei Begründung dafür, dass diese nicht in der Nationalmannschaft ihres neuen Heimatlandes antreten dürfen. Statt einmal darüber nachzudenken, welche Folgen eure hier zutage tretende Einstellung hat, kategorisiert ihr Menschen nach rassistischen Kriterien, ohne ihre Integrationsbemühungen nur mit einer Silbe zu würdigen. Wie kann man einerseits propagieren, dass die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund sich endlich integrieren sollen und andererseits die gut integrierten Migranten aufgrund rassistischer Kriterien als »Passdeutsche« bzw. »Plastikdeutsche« abqualifizieren?

Und was ist der Sinn und Zweck dieser Kolumne? Wollt ihr, dass die EM »rassenrein« ist, damit ihr kein schlechtes Gewissen haben müsst Spieler »fremdländischer Abstammung« zu unterstützen? Dann würde ich euch nahelegen einen eigenen Verband zu gründen, Spieler zu casten und eure eigene »rassenreine« EM zu starten.

(Bild: Balotelli / sitemarca / flickr / CC)

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12 Kommentare zu “Rassismus gegen Balotelli. Ein Leserbrief

  1. Ali Trochaud

    Ist doch zunächst einmal überhaupt keine Unstimmigkeit zwischen Aussage der Kolumne und des Leserbriefes.
    Classen spricht doch explizit über jene Spieler, die lediglich aus Karrieregründen für eine fremde Nationalmannschaft spielen, wohingegen Bochum Balotelli ja aufrichtigen Patriotismus unterstellt.
    Letzten endes läuft alles auf die Frage hinaus, inwiefern solche Wettbewerbe nicht ein rassistisches Konstrukt in sich sind.

  2. Frau Maack

    Ich denke nicht, dass aufgrund dieser beiden Texte eine sinnvolle Diskussion zustande kommen wird. Beides sind pauschalisierende und polemisierende Texte – nur jeweils auf konträren Positionen – zumindest war es wohl die Absicht des Leserbriefschreibenden, eine konträre Position zu beziehen.

    Der Leserbriefschreibende greift sich zuallererst das kleine Skandalwort »Überfremdung« heraus und lässt alles andere (was Classen zur Erläuterung seiner Position auch noch geschrieben hat) hintenrunterfallen. Er spricht zum Beispiel an, dass er es merkwürdig findet in einer Nationalmannschaft für ein Land zu spielen, dessen Sprache man nicht kann – etwas, was ja durchaus zu überdenken ist.

    Beim Thema Bolatelli greift Classen einseitig die Hautfarbe heraus (und während er bei der polnischen Oma noch irgendwie im Ansatz Herkunftskriterien schildert, lässt er das bei Bolatelli völlig weg und belässt es bei dem diffusen Wort Abstammung) und schildert das cholerische Verhalten Bolatellis, das aber eigentlich als Kriterium für das von ihm beschriebene Phänomen völlig irrelevant ist. Desweiteren spricht er verallgemeinernd irgendwelchen Leuten (die er nicht definiert) irgendeinen Nationalstolz ab und bringt damit einfach ein paar wichtige Vokabeln unter, ohne dabei etwas auszudrücken. Das sind größtenteils keine Argumente, sondern polemisch verkürzte Anrisse.

    Der Leserbriefschreiber ist nicht viel besser. Anstatt das zu erkennen und auf die wahren Schwachstellen des Artikels hinzuweisen, bricht ein Wortschwall aus ihm heraus, in dem er die Worte »Rassenreinheit« und »Schädelform« unterbringt, Integration in Deutschland und Cacau anspricht, obwohl bei Classen davon gar nicht die Rede war. Dass der Sinn und Zweck der gesammten EM-Kolumne sei, die EM »rassenrein« zu bekommen, ist ein Vorwurf, der auf seinen eigenen Suggestivfragen und genauso verkürzten, polemischen Scheinargumenten beruht.

    Desweiteren glaubt er, über diesen Artikel oder diese Kolumne eine »zutagetretende Einstellung« von Leuten ermitteln zu können, die er »ihr« nennt – was immer er damit meint: die Redaktion, alle Autoren, die je mal bei der BN geschrieben haben oder nur die Autoren der Kolumne – und vergisst dabei, dass so manche Schlußfolgerung, die er da gezogen hat, von ihm selbst stammt. Ein weiteres polemisches Mittel.

    Um eine sinnvolle Diskussion zu führen müsste man all das erst mal herausfiltern und ich denke, da lohnt die Mühe nicht. Wahrscheinlich würde man sich lediglichein paar Reizvokabeln an den Kopf werfen, um dann mit der Gewissheit auseinanderzugehen, dass man selbst sicherlich am allerrechtesten hat.

  3. Frau Maack

    Und ich hab immer Bola-, statt Balotelli geschrieben. Nya.

  4. Vinneuil

    Geh bitte…

  5. Vinneuil

    Es ist zwecklos, mit Leuten zu diskutieren, die noch an »Rassismus« glauben, und das Wort überhaupt in den Mund nehmen.

  6. Martin Süß

    Ich glaube weniger, der Autor der Serie unterscheidet aufgrund rassistischer Kriterien “Passdeutsche” bzw. “Plastikdeutsche”. Man stellt sich woanders die Frage auch, wer dort in der National-Elf kicken soll. 2004, als Griechenland gewann, haben Griechen in einem Armenviertel Athens einen Afrikaner böse verletzt, der ein GR-EM-Hemd trug, und gesagt, er dürfe sich nicht mit ihnen freuen, gehöre nicht recht zu ihnen. Würde da mal ein ›Fremder‹ egal wo her, in die Nationalmannschaft aufgenommen, gäbs was Händel, und nicht nur bei 4-5 % der Griechen. Ob etwa Juventus Turin inzwischen Spieler von woanders einstellt, weiß ich nicht, doch kam es zur Gründung des Vereins sicher keinem der Beteiligten in den Sinn.

  7. Götz Kubitschek weiß Rat, wer in der Nationalmannschaft spielen soll und wer nicht: http://www.youtube.com/watch?v=kFI_67my8tI

  8. Der Leserbriefschreiber

    Ich muss sagen, dass es mich freut, dass mein Leserbrief dazu Anlass geboten hat eine Diskussion zumindest einmal anzustoßen.

    An Frau Maack: Ich finde ihre Kritik an meinem Leserbrief durchaus berechtigt und angemessen formuliert, muss aber ehrlich sagen, dass es genau meine Intention war zu provozieren und in Teilen auch etwas zu übertreiben, um alle Leser, Autoren und die Redaktion einmal aufzuwecken und darauf aufmerksam zu machen (das sind die besagten »Ihr«, die ich in meinem Leserbrief anspreche), dass etwas grundsätzlich falsch läuft, wenn man als einzige Kriterien zur Bewertung eines Menschen dessen Körpermerkmale (Hautfarbe, Schädelform etc.) und Abstammung in Betracht zieht, auf der anderen Seite aber vergisst, dass dessen Charakter, Sozialisation und Integrationswille bzw.-unwille eine viel entscheidendere Rolle spielen. Gerade dieses Versteifen auf körperliche und abstammungsartige Merkmale einer Person und die damit verbundenen Vorurteile stellen für mich Rassismus dar.

    An Vinneuil: Ich werde mich von dir bestimmt nicht vertreiben lassen. Es zeugt nicht gerade von einer toleranten Einstellung deinerseits meine Meinung von vornherein abzulehnen und daher die Diskussion mit mir zu meiden. Eine Frage habe ich dann aber doch: Wie kannst du sagen, dass es Rassismus nicht gäbe, wenn bei BN doch immer wieder vom Rassismus gegen Deutsche zu lesen ist?

    An Martin Süß: Solche Situationen wie die von dir beschriebene machen mich traurig. Wie hohl im Kopf muss man eigentlich sein jemanden, der sich wirklich bemüht sich in sein neues Heimatland zu integrieren und seinen Stolz nach außen hin zu zeigen, tätlich anzugreifen, nur weil einem seine Hautfarbe oder Abstammung nicht passt? Aber das ist es eben, was ich sagen will. Rassismus ist etwas, was auf der ganzen Welt geschieht und worüber darum gesprochen werden muss. Allerdings sollten wir als Deutsche uns nicht damit herauszureden versuchen, dass der Rassimus in anderen Teilen der Welt viel schlimmer ausgeprägt ist als hier, sondern den Migranten, die sich hier integrieren wollen, unsere Unterstützung zusagen und ihnen die Hand reichen.

    An Hirsch: Genau das, was Kubitschek ab 1:08 sagt, entspricht meiner Meinung. Es besteht eben für jeden Migranten, der nach Deutschland kommt, die Möglichkeit Deutscher zu werden, wenn er sich an die genannten Bedingungen hält.

  9. Sebastian R.

    Lieber Leserbriefschreiber,

    ich glaube nicht, dass der Artikel von Robin Classen, auch wenn ich finde, dass er in seiner Polemik etwas übertreibt, ein Anzeichen dafür ist, dass bei allen BN-Autoren etwas grundlegend falsch läuft. Bei internationalen Veranstaltungen wie der Fußball-EM sollten sich alle beteiligten Nationen in ihrer wertvollen Einzigartigkeit präsentieren können. Für denjenigen, der die Vielfalt der Völker erhalten möchte macht es keinen Sinn, dabei Kriterien wie »Sozialisation und Integrationswile« zum Maßstab zu erheben. Man muss sich eben entscheiden: Vielfalt der Völker, ODER »bunte Republik«.

  10. Vinneuil

    »Ich werde mich von dir bestimmt nicht vertreiben lassen.«

    Du Armer, wer will dich denn »vertreiben«? Ich halte es nur für Zeitverschwendung, mit dir zu diskutieren. Es gibt keinen eindeutig definierten »Rassismus«-Begriff, wie du zu glauben scheinst. In dem Sinne, wie du ihn benutzt, ist er erst recht unbrauchbar.

  11. Sothi Gneauthon

    Es geht doch nicht darum, ob der Autor jetzt rassistisch ist, oder wie man Rassismus genau definiert, sondern darum, was jemand der entweder ausländische Eltern(oder ein Elternteil) hat oder im Ausland geboren ist und der evtl. eine andere Hautfarbe(oder Religion oder so) hat alles machen muss um in seiner (neuen) Heimat akzeptiert zu werden.
    Der Balotelli kann ja nix dafür, dass er schwarz ist, sozusagen.
    Und sich dauernd für sowas rechtfertigen zu müssen ist halt auch uncool.

    Allzuviel Einwanderung ist problematisch, aber in geringerem Umfang können Einwanderer durchaus komplett integriert werden.

  12. Tortuga

    Wenn man ein Glas Wein in ein Fass Jauche schüttet, dann ist das immer noch ein Fass Jauche. Wenn man ein Glas Jauche in ein Fass Wein schüttet, dann ist das danach leider auch ein Fass Jauche!

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