Alter Blog

Rebellen, die nicht rebellieren

daggerDer Skandal um die Überwachung durch die NSA hält sich deshalb so beständig, weil er die Phantasie der Menschen anregt. Sie malen sich aus, wie es wohl ist, beim Geschlechtsverkehr heimlich beobachtet zu werden, welche Äußerungen von ihnen Verdacht erregen und wie sie insgeheim schon alle umzingelt von allwissenden Sicherheitsbehörden sind. Der Fall Daniel Bangert zeigt, daß nicht nur der Überwachungsstaat schlimm ist, sondern auch diejenigen an Realitätsverlust leiden, die sich besonders verfolgt fühlen, obwohl sie nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun können.

Da haben wir also den 28-jährigen Daniel Bangert, der in seinem Leben noch nie so richtig aufgefallen ist. Dieser junge Mann erlaubt sich einen kleinen Scherz und lädt auf Facebook zu einem Spaziergang zum »Dagger Complex« in Griesheim, dem mutmaßlichen NSA-Stützpunkt in Deutschland, ein.

Ein Staatsfeind, der keiner ist

Die Polizei und der Staatsschutz erkundigen sich daraufhin, was er denn vorhat. Ein harmloser Besuch und ein paar Telefonate geben ihm nun den Anlaß, groß aufzutrumpfen und sich zum Staatsfeind Nr. 1 zu stilisieren. Sein Vorwurf: Die NSA müsse geflüstert haben.

Bangert scheint keine Ahnung davon zu haben, daß dies schon immer so lief. Bei der Bürgerstreife Ebersdorf hat bei mir auch das Telefon geklingelt und es gab einen kleinen Besuch. Bei der Eröffnung unseres Zentrums für Jugend, Identität und Kultur hat die Polizei ebenso eine seltsame Rolle gespielt. So ist das eben. Mit »Überwachung« im digitalen Zeitalter hat all das noch nichts zu tun.

Über den Fall Bangert berichten dennoch die großen Medien. Es paßt grad zu gut. Der Spaziergang ist so auch etwas größer ausgefallen. Bangert hat brav eine Demonstration angemeldet und ist mit 70 Leuten zum »Dagger Complex« gelaufen.

Die Berechenbarkeit der Welt

Ist das Mitglied des »Team Edward« deshalb ein Held oder zumindest mutig? Überhaupt nicht. Was macht Bangert denn zum Rebell? Hat er uns irgendetwas zu sagen? Eine Vision anzubieten für unsere Gesellschaft? Oder setzt er sich Gefahren aus, um die Rechte anderer zu wahren? Nein! Er ist nur ein kleiner Wichtigtuer, der jetzt von den Medien gehypt wird, weil gerade alle so ein bißchen gegen Überwachung sein wollen. Das ist grad voll Mainstream – von links bis unpolitisch.

Harald Staun hat in der aktuellen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dagegen das wahre Problem der Big-Data-Industrie und der Staaten, die diese Instrumente nutzen, entlarvt. Es ist der Glaube an die Algorithmen, an die Berechenbarkeit der Welt. Er zitiert dabei Friedrich Schlegel:

Wahrlich, es würde euch bange werden, wenn die ganze Welt, wie ihr es fordert, einmal im Ernst durchaus verständlich würde.

Der Artikel von Staun endet schließlich mit einem Appell an die Fähigkeit zum Träumen (Träume dürfen dabei nicht mit Utopien verwechselt werden):

Wenn man sich gegen die Zukunft wehren will, in die die eigene Datenspur so vermeintlich unausweichlich weist, darf man nicht unsichtbar weden; man muss undurchschaubar bleiben. Unsere Profile verraten nur, wer wir »wirklich« sind, nicht, wer wir sein wollen. Einer Politik aber, die mehr sein will als das Management herrschender Verhältnisse, käme es darauf an, unsere Träume abzuhören.

(Bild: Joachim Müller, Creative Commons, CC-BY-SA)

Verwandte Themen

Ein toter Schwarzer und eine weiße Polizistin Am 16. September 2016 wurde der schwarze Terence Crutcher auf offener Straße erschossen. Von einer weißen Polizistin. Die Zeitungen wurden nicht müde ...
Staat läßt sich von Flüchtlingen erpressen Unser Staat läßt sich erpressen. In diesem Fall Berlin. Von ein paar "Flüchtlingen" – sie belagern weiterhin die Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kr...
Geblitzdingst Mit einem angekündigten "Blitzmarathon" will die Polizei gegen Raser vorgehen. Die Aktion, an der fast 15.000 Polizisten beteiligt sind, diene ausschl...

Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

1 Kommentar zu “Rebellen, die nicht rebellieren

  1. Tatsache ist doch, dass die Welt berechnet wird. Und was berechnet wurde, muss mit aller Macht auch eintreten, deshalb wurde ja gerechnet. Zurueck zum Fall Daniel Bangert: Inwieweit konnte mit diesem Ereignis gerechnet werden? Irgendwann musste doch irgendein Mensch einen Marsch zum »Dagger Complex« starten, das war doch sicherlich abzusehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo