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Replik zum Handeln: Über Schachtschneider, Spengler und immer wieder Hannah Arendt

Unser Autor Daniel Lemmen hat am Wochenende die Euro-Aktionskonferenz besucht. Diese gipfelte darin, daß Jürgen Elsässer Karl Albrecht Schachtschneider zum Kandidaten für das Bundespräsidentenamt vorschlug. Tosender Beifall im Publikum! Die Mehrheit war von diesem Vorschlag begeistert. Endlich wird mal ein Zeichen gesetzt. Endlich geht es nicht nur theoretisch zur Sache, sondern auch politisch-praktisch.

Der Kater nach dieser Euphorie kam indes schneller, als von vielen vielleicht gedacht. Schachtschneider ist ein kluger Mann und hat deshalb bereits gestern zu verstehen gegeben, daß er nicht gegen Joachim Gauck antreten werde, weil es überhaupt keine Erfolgsaussichten für ihn gibt.

Auf den ersten Blick gibt der politische Vorstoß des linksnationalen Compact-Chefs Jürgen Elsässer den Schilderungen von Benjamin Jahn Zschocke in seinem neuen Beitrag »Warum ich keinen Spengler lese« Recht. Er beklagt, daß sich die Konservativen der Realität verweigern würden und sich intellektuelle Luftschlösser bauen. Dabei würden sie vergessen, das Leben zu leben – und zwar jetzt!

Nun steht aber eben Elsässer zum Glück nicht repräsentativ für die Konservativen. Er ist nicht mal einer. Das kleine Studentenvölkchen, das Jahn Zschocke beschreibt, steht ebenfalls nicht repräsentativ für die Konservativen. Gleiches trifft auf konservative Kleinparteien zu und natürlich auch auf konservative Publizisten.

Jahn Zschocke verkennt, daß die Konservativen zunächst immer eine Schweigende Mehrheit sind. Zu ihr zählen all jene, die ihr Leben absolut vernünftig führen, politische Experimente gekonnt ignorieren, aber sich eben auch niemals öffentlich zu Wort melden. Die meisten von ihnen haben einen anständigen Beruf gelernt (Handwerker, Betriebswirt, Versicherungskaufmann/-frau, …), nur wenige einen Facebook-Account und sie fallen selbst einem bekennenden Konservativen erst auf, wenn sie auf dem Elternabend ihrer Kinder den neusten Blödsinn der modernen Pädagogik verhindern wollen.

Am Wochenende führte ich wieder einmal mit solchen Menschen ein Gespräch. Es begann mit dem Satz meines Gegenübers: »Ich habe ja nichts gegen Türken, aber …«. Er war mit seiner Frau gerade wieder in die neuen Bundesländer zurückgekehrt, weil er es im überfremdeten Westen nicht mehr ausgehalten hat, obwohl man dort mehr verdienen kann.

Das Sichtfeld von Jahn Zschocke ist aber noch aus weiteren Gründen verengt: Gerade die Konservativen, die Spengler gelesen, verstanden und praktisch umgesetzt haben, sind derzeit die erfolgreichsten. Spengler hat gerade nicht dafür plädiert, den Untergang des Abendlandes zu bedauern und in Nostalgie zu verfallen. Wenn wir ihn vollkommen ernst nehmen würden, müßten wir unsere publizistische Tätigkeit sofort einstellen und zu cäsaristischen Technokraten werden. Zur Verwaltungs-, Finanz- und Wirtschaftselite gehört deshalb ein nicht zu unterschätzender Teil von überzeugten Spenglerianern. Sie haben für sich eingesehen, daß das Zeitalter der Kultur abgelaufen ist und knallhart die Konsequenzen gezogen.

Wenn ich mir wiederum diese Elite ansehe, bin ich froh über jeden Studenten, der im Humboldt´schen Sinne abseits der verschulten Bachelor- und Master-Studiengänge die Universitätsbibliothek nach alten Schätzen durchsucht. Studieren im ursprünglichen Sinne bedeutet immer, sich ohne pragmatische Zwänge ein breites Wissen über die Welt anzueignen. Man mag über die Konservativen, die in der Bibliothek oder ihrem Studierzimmer hocken und sich den Kopf über Spengler oder Carl Schmitt zerbrechen, schmunzeln, aber trotzdem sind sie große Vorbilder für die gleichgeschalteten Studenten, die nur das lesen, was der Dozent vorgibt. Ich bin mir darüber hinaus sicher, daß ein Großteil dieser vergeistigten Studenten in ein paar Jahren die Literatur Literatur sein läßt und eine ganz normale Arbeitsstelle annehmen wird.

Damit sind wir beim entscheidenden Punkt angelangt, den ich bereits einmal in einem Blogbeitrag über »Die Bedeutung des Handelns« beschrieben habe. Das Handeln beginnt – mit Hannah Arendt – dort, wo das Sich-Verhalten aufhört. Deshalb ist auch die Sehnsucht nach manueller Arbeit nicht zielführend. Manuelle Arbeit hat mit dem Handlungsbegriff nur sehr wenig zu tun, weil sie nach Plan gemacht werden muß. Der Bauer ist also gar nicht handlungsfähig, weil er mit seiner Arbeit zunächst einzig seine natürlichen Bedürfnisse befriedigen muß.

Einzig in einer hochentwickelten Welt wie der unseren, wo man für das Fleisch auf dem eigenen Teller eben nicht mehr selbst sorgen muß, ist Handeln im politischen Sinne für die breite Mittelschicht möglich. Es beginnt mit dem »Finden des rechten Wortes im rechten Augenblick, ganz unabhängig von seinem Informations- oder Kommunikationsgehalt an andere Menschen« (Arendt).

Wenn Jürgen Elsässer Schachtschneider also zum Bundespräsidenten vorschlägt, dann ist das schlichtweg eine schlechte Handlung, weil sie keine Perspektive hat. Wir haben dieses Fass ja schon gefühlte 20.000 mal aufgemacht: Parteipolitisch können Konservative in Deutschland erst agieren, wenn es ein gutes vorpolitisches Umfeld gibt. Dieses aufzubauen, ist unsere große Aufgabe. Wir fangen damit an zu handeln, indem wir uns anders als die Masse verhalten.

(Bilder: 1. Spengler, 2. Schmitt, 3. Arendt)

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9 Kommentare zu “Replik zum Handeln: Über Schachtschneider, Spengler und immer wieder Hannah Arendt

  1. Ich halte den Beitrag für einseitig. Man muss sicher sehr wohl zwischen »Instinktkonservatismus« und der Suche nach einem konservativen Habitus unterscheiden. Es handelt sich aber nicht um einen Willensakt, der über (Nicht)Lebenstauglichkeit entscheidet. »Die politische Farbe ist genetisch, wie die Augenfarbe« (Dávila), dies schließt aber unterschiedliche, ebenso determinierte Zugänge nicht aus.Selbst wenn man aber in der Lage wäre, sich bäuerlich zu ernähren, ein Schwein zu schlachten und Kartoffeln anzubauen: Wieviel Konservative könnten das realisieren und zugleich politisch aktiv sein (abgesehen von Ausnahmen wie Götz Kubitschek). Wir leben in der Moderne, das ist unsere Lebenswirklichkeit, die vor allem intellektuell erschlossen wird. Insofern schließen sich geistige Auseinandersetzung und praktisch konservative Lebensführung nicht aus – es sei denn, man begnügt sich mit einem apolitischen Biedermeier-Ideal, das aber an den Verhältnis nichts ändern und dem politischen Gegner ebensowenig auf Augenhöhe antworten will. Im übrigen gibt es genügend Beispiele promovierter konservativer Geisteswissenschaftler, die sehr wohl eine Familie gegründet haben, in der Großstadt leben und trotzdem einen authentischen Lebensstil praktizieren.

  2. Petrus Urinus Minor

    Wenn Jürgen Elsässer Schachtschneider also zum Bundespräsidenten vorschlägt, dann ist das schlichtweg eine gute Handlung, weil sie wagt, die Machtfrage zu stellen.

    Es ist nie das Ziel gewesen, tatsächlich Professor Schachtschneider zum Bundespräsidenten zu wählen. Wählen? Wir leben in einer Diktatur!
    Alleiniges Ziel wäre gewesen, die Aufmerksamkeitsschwelle der Medien (die es in unserer Staatssimulation notwendig noch gibt), zu überschreiten und auf das einzige Thema, das zählt: die jetzige und kommende Diktatur hinzuweisen.

    Da sind mir selbst knallharte Marxisten allerdings tausendmal lieber als geschmäcklerische anämische Bürschchen mit Feuilletonambitionen zu Stellungnahmen und Gegenstellungnahmen.

  3. Niemand zieht den Gewinn, den man aus dem Studium gewisser Autoren ziehen kann, in Frage – den einen drängt es aus Eigeninteresse dazu, der andere sollte sich nicht dazu quälen, wenn es ihm allzu schwer fällt und er besseres zu tun hat …

    von den linken kann man aber sehr gut lernen, dass Netzwerke rein publizistischer Art nett sind, aber nicht alles sind. Man muss zum Gang durch die Institutionen – und zwar alle – aufrufen.

    Studiert Lehramt, Jura, BWL und Ingenieurswissenschaften und habt ein Elefantengedächtnis!

    Bildet Netzwerke!

    Geht in Vereine und Verbindungen aller Art!

    Reitet den Tiger!

  4. Sebastian Rast

    »Einzig in einer hochentwickelten Welt wie der unseren, wo man für das Fleisch auf dem eigenen Teller eben nicht mehr selbst sorgen muß, ist Handeln im politischen Sinne möglich.«

    Allein dieser Satz wäre schon eine ausführliche Erläuterung in einem eigenen Artikel/ Aufsatz wert. Instinktiv würde ich dem abso0lut nicht zustimmen, die Frage halte ich allerdings für äußerst relevant.

  5. @ Sebastian

    Der Satz braucht noch eine kleine Ergänzung, damit er stimmig ist: “Einzig in einer hochentwickelten Welt wie der unseren, wo man für das Fleisch auf dem eigenen Teller eben nicht mehr selbst sorgen muß, ist Handeln im politischen Sinne für die breite Mittelschicht möglich.”

  6. Hans-Christof Tuchen

    Ich beobachte diese Versuche, Gramscis Strategie von rechts umzusetzen sei 30 Jahren (Criticón, JF, Sezession), und sah nur Blütenträume welken. 1992 schien dieser Weg kurzzeitig von Erfolg erkrönt zu sein, als Rainer Zitelmann Herausgeber bei Ullstein und Propyläen wurde. Doch nachdem man ihn auch bei der WELT kaltgestellt hatte, zog er es vor, sich dem Immobliengeschäft zu widmen.
    Den Weg von Familie Kubitschek finde ich sehr sympathisch, doch in der aktuellen Ausgabe der Sezession zeigt sich ihr Herausgeber realistisch resignativ.
    Das Wichtigste ist am Ende vielleicht, es überhaupt versucht zu haben. Dann kann man sich (wie der George-Kreis) damit trösten, zum Geheimen Deutschland zu gehören, während das reale Mehmet und Ay?e gehört.

  7. Zustimmung. Wenn man die Geschichte betrachtet, sieht man, daß ursprünglich nur der Adel Politik machte und dann im Mittelalter mit dem zunehmenden Wohlstand und der dadurch zunehmenden Macht einschließlich der freien Möglichkeiten, auch das Bürgertum. Ansonsten muß ich bei Artikel von Benjamin immer etwas schmunzeln. Sie lesen sich immer wie von einem Neunmalklugen und bei dem Verweis auf die Realität sehe ich so seine Verhältnisse und vergleiche es mit den Realitäten wie man sie als Familienvater, Arbeitsmensch und Exilossi ohne der Möglichkeit der spontanen Rückwanderung erlebt.

  8. Eine besonders abartige Methode, Verantwortungslosigkeit, Feigheit, Egozentrismus, Karrierismus und von politischen Unverstand durchtränkte »Bürgerlichkeit« schönzureden. Wir haben es mit einem umfassenden gesamtesellschaftlichen Gesamtversagen der 99% der Deutschen und mit zu erwartenden unvorstellbaren Gesamtschäden zu tun, die inzwischen nur noch beim Geldverdienen und -einsacken konsensfähig sind. Ekelhaft.

  9. Sebastian Rast

    @Felix: Und was, wenn wir bis dahin zurückdenken, als es noch keine dieser Kategorien (Mittelschicht, etc.) gab und das »politische« noch der Definition bedurfte? Wie gesagt, das ist meiner Meinung nach die interessanteste Frage, die im oben stehenden Text aufgeworfen wird und sogar eine ganz zentrale Frage für die Zukunft. Wo fängt das politische an und was befähigt den weitgehend saturierten Bürger gerade dazu, ihm nachzugehen; wo ist der psychologische Einschnitt zwischen Selbstversorger und Konsument im Hinblick auf deren Verhältnis zum politischen?

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