Gesichtet

Schwarz-Weiß-Rote Ehrenrettung

„Wir sind damals wie heute Hitlerleute.“ So sprach ein Redner auf der Kundgebung zum 1. Mai 2019 in Duisburg. Veranstalter war die Partei „Die Rechte.“ Im Hintergrund ein Meer aus schwarz-weiß-roten Fahnen.

Es soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden, ob eine Partei wie „Die Rechte“ überhaupt als rechts im klassischen Sinne bezeichnet werden darf. Auch nicht, wie groß der Schaden für die ideologisch nicht gebundene freie Geschichtsforschung durch den Europawahlkampf dieser Partei ist. Vielmehr soll es um den allgemeinen Umstand gehen, dass auf dieser und auch auf vielen anderen Veranstaltungen der neo-nationalsozialistischen Szene die Fahnen in den Farben Schwarz, Weiß und Rot geschwenkt werden.

Der Ursprung

Die Farbenkombination Schwarz, Weiß und Rot in waagerechter Balkenformation hat ihren Ursprung in den 1860er Jahren. Im Rahmen der Gründung des Norddeutschen Bundes, der alle deutschen Staaten außer Österreich, Bayern, Württemberg, Baden und Hohenzollern-Sigmaringen umfasste, war es der Sekretär der Handelskammer zu Hamburg, Adolf Soetbeer, der zuerst den Vorschlag machte die preußischen Farben Schwarz-Weiß und die Farben der Hansestädte, Weiß-Rot, miteinander zu verbinden. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck griff diesen Vorschlag wenig später auf.

In der Verfassung des Norddeutschen Bundes finden wir dann folgenden Artikel: „Kauffahrtsschiffe sämtlicher Bundesstaaten führen dieselbe Flagge: Schwarz-Weiß-Rot.“ Nach dem Krieg gegen Frankreich 1870/1871, an dem sich auch die süddeutschen Staaten mit Ausnahme von Österreich beteiligten, stieg die Fahne des Norddeutschen Bundes nach und nach zur reichsweit anerkannten Flagge auf. Unter Wilhelm II. wurde sie 1892 offiziell zur Nationalfahne erhoben. Diesen Status behielt sie bis zur Gründung der Weimarer Republik 1918, als sie von der uns heute bekannten Nationalfahne abgelöst wurde.

Welche Werte wurden durch Schwarz-Weiß-Rot symbolisiert?

Doch welche Werte symbolisierte die erste deutsche Nationalfahne? Insbesondere die Farbenkombination Schwarz und Weiß wird auf ewig mit dem Staate Preußen in Verbindung gebracht werden. Wofür Preußen stand, und für treue Herzen immer noch steht, sind in erster Linie die viel genannten Sekundärtugenden, für Toleranz, ohne dabei seine eigene Identität aufzugeben, für Freiheit, ohne dabei in Individualismus zu verfallen, für Aufklärung, ohne dabei die naturgegebenen Unterschiede der Menschen zu leugnen, und, und, und …

Die Farben der Hanse stehen letztendlich für freien Handel, für Wohlstand und Zusammenarbeit. Diese Farben zusammengenommen, symbolisierten ab 1892 einen Staat, wie er in der Weltgeschichte wohl seinesgleichen sucht.

Ein Staat, der geprägt war von Bildungs- und Sozialreformen, von blühender Wissenschaft und blühendem Handel. Ein Staat, dessen demokratische Gesetzgebung diejenigen der USA und Großbritanniens bei weitem übertraf. Ein Staat, der seinen Bürgern ein Maß an Meinungs- und Pressefreiheit gab, gegen die so manche Einschränkung der freien Meinungsäußerung in der heutigen Zeit nahezu reaktionär wirkt.

Bevor der Einwand kommt: Ja, es gab damals kein Wahlrecht für Frauen. Das gab es jedoch nirgendwo. Und ja, für den preußischen Landtag galt das Drei-Klassenwahlrecht. Für die bedeutendste Parlamentskammer, den Reichstag, galt jedoch die gleiche und geheime Wahl.

Schwarz-Weiß-Rot in der Nazizeit

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und dem Zusammenbruch der Weimarer Republik sowie der Machtübernahme Hitlers, machte Präsident Paul von Hindenburg die alte Fahne des Deutschen Kaiserreichs und die Hakenkreuzflagge bis zur endgültigen Klärung der Fahnenfrage erneut zur Nationalfahne. Die endgültige Klärung folgte 1935. Mit dem Ergebnis, dass die alte Reichsfahne verboten und allein die Hakenkreuzflagge zur Nationalfahne erhoben wurde.

Das Reichsflaggengesetz vom 15. September 1935 besagt: „Reichs- und Nationalflagge ist die Hakenkreuzflagge. Sie ist zugleich Handelsflagge.“ Die Hakenkreuzflagge war in den Farben Schwarz-Weiß-Rot gehalten.

Der rote Grund sollte den Sozialismus repräsentieren, der weiße Kreis dessen nationale Interpretation. Das Hakenkreuz wiederum ist ein über 10.000 Jahre altes Symbol. In asiatischen Kulturen wird es vielfach als Glückssymbol verwendet.

Die ursprüngliche Gleichsetzung der alten Reichsfahne mit der Hakenkreuzflagge diente wohl dem Zweck, den konservativen Kräften zu suggerieren, sie hätten beim Aufbau des neuen Staates ein Wörtchen mitzureden. Spätestens mit dem Flaggengesetz von 1935 sollte sich diese Illusion in Luft auflösen.

Gemeinsamkeiten?

Der bisher letzte Kaiser, Wilhelm II., kommentierte das Reichflaggengesetz äußerst treffend: „Man wird die einzige Fahne, die sie noch übriggelassen haben, die mit dem Hakenkreuz, noch einmal verfluchen, und die Deutschen selber werden sie eines Tages verbrennen.“

Ebenso treffend war die Analyse des Kaisers, dass die Nazis sich zwecks Volkstäuschung nur den „Mantel Friedrich des Großen“ übergeworfen hätten. Dies zeigt uns auch deutlich, dass es den Nationalsozialisten außerhalb ihrer Propaganda nie darum ging, an die Werte Preußens oder des Kaiserreichs anzuknüpfen. Die in den alten Reichsfarben gehaltene Hakenkreuzflagge war somit der vom Kaiser angesprochene symbolisierte „Mantel Friedrich des Großen“. Es sollte etwas suggeriert werden, was in Wahrheit gar nicht vorhanden war. Die Wertesysteme, welche die Reichsfahne aus der Kaiserzeit und die Hakenkreuzflagge symbolisierten, könnten wohl unterschiedlicher nicht sein.

Die Flagge Schwarz-Weiß-Rot in der Form, wie sie zwischen 1867 und 1918 benutzt wurde, ist also mitnichten eine Nazifahne. Und alle jene, die auf ihren Demonstrationen „Nationaler Sozialismus: Jetzt, Jetzt, jetzt!“ brüllen, sollten sich einmal überlegen, ob sie die Geschichte tatsächlich so gut kennen, wie sie selbst meinen. „Hitlerleute“, die eine durch Adolf Hitler verbotene Fahne mit sich herumtragen – das hat beinahe schon etwas Satirisches an sich. Würden diese Leute durch ihr Gebaren nicht eine höchst ehrwürdige Fahne für sich vereinnahmen, wäre dies tatsächlich zum Lachen.

(Bild: SsolbergjTRAJAN 117, CC BY-SA 3.0 sowie Karte des Norddeutschen Bundes 1866–1871, Putzger – Historischer Weltatlas, 89. Auflage, 1965, CC BY-SA 3.0)


5 Kommentare zu “Schwarz-Weiß-Rote Ehrenrettung

  1. Weserlotse

    Im Nationalsozialismus sehe ich etwas durch und durch Undeutsches, etwas Unpreußisches sowieso. Das betrifft nicht nur das äußere Erscheinungsbild mit dem ganzen römischen Theaterfundus, dem albernen Gladiatorengruß und den fremdartigen Uniformen der NS-Verbände, sondern das ganze innere Wesen. Das Wesen des Deutschen, das verkörpert der Wanderer über dem Nebelmeer, nicht die Menschenkulisse auf dem Zeppelinfeld.

  2. Klaus-P. Kurz

    In weiten Teilen ist Herrn Schaars Beitrag zuzustimmen: Ja, Schwarz-Weiß – Rot steht für einen einmalig erfolgreichen Deutschen Staat, dessen preußische Idee – bei weitem nicht nur für Sekundärtugenden stehend- heutigen, an Deutschland Verzweifelnden die Röte des Fremdschämens auf’s Gesicht treiben muß.
    Nicht zu folgen vermag ich allerdings seiner allzu forcierten Schwarz-Weiß Malerei, wenn er die »gute« preußische der »bösen« nationalsozialistischen Flagge gegenüber stellt. Denn sehr vieles in der Zeit von 1933 bis 1939 muß ebenfalls positiv gesehen werden, da führt nun mal kein Weg vorbei, auch nicht in der heutigen polarisierten und politisch korrekten Welt. Der Leitspruch »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« z.B. wäre für jede Volksgemeinschaft genauso wertvoll wie »der erste Diener seines Staates« zu sein, und das damals anvisierte, neuartige Wirtschafts-und Finanzsystem wäre dem heutigen Globalismus fraglos überlegen.
    Ernst Jünger, der der Idee des Nationalsozialismus grundsätzlich gewogen war, ließ seinen Blick genauso wenig von negativen Entwicklungen trüben wie der sich der Demokratie verpflichtete Churchill, als er sagte, daß das beste Argument gegen die sogenannte »Volksherrschaft« ein fünf- minütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler sei.
    Das Deutsche Reich hat unter nationalsozialistischer Führung den schlimmsten aller Kriege bitter verloren, allerdings so knapp und unter Aufbringung aller feindlicher Anstrengungen – auch schwerst krimineller – daß die Sieger auch seine Staatsform vernichten und nachträglich für immer verteufeln mußten, um selbst nie zur Verantwortung für ihre Untaten gezogen zu werden.
    Wenn der Autor dies bei seiner Betrachtung in Rechnung gestellt hätte, wäre möglicherweise ein gerechteres Bild entstanden.

  3. Felix Menzel

    Lieber Herr Kurz, weil Meinungsfreiheit ein hoher Wert für uns ist, haben wir Ihren Kommentar zugelassen. Trotzdem muß ich als verantwortlicher Redakteur entschieden widersprechen: Der braune Sozialismus kann für uns kein Vorbild sein und was den Umgang mit Schulden betrifft, ist er dem heutigen System sogar erschreckend ähnlich.

  4. Klaus-P. Kurz

    Lieber Herr Menzel,

    vielen Dank für Ihren Mut, in der heutigen Zeit meinen Beitrag »zuzulassen.« Weniger ist jedoch Ihren – wenn auch sehr kurz gehaltenen – Begründungen für Ihren entschiedenen Widerspruch zuzustimmen:
    Mit keinem Wort habe ich den Nationalsozialismus im Ganzen gelobt, sondern lediglich seine Idee (wie dies ja auch viele andere tun) als etwas für uns Deutsche durchaus Nachdenkenswertes dargestellt. Merke: Die Ausführung ist oft ganz anders als die grundlegende Theorie. Man denke nur an den Kommunismus oder die Demokratie. Erstens war dem Deutschen Reich ein Krieg aufgezwungen worden, der über Sein und Nichtsein entscheiden sollte. Dies ließ selbstverständlich jede noch so gut geplante Wirtschafts- und Finanzreform scheitern. Da blieb nur Schulden machen übrig. Und zweitens sah die damalige Führung ganz klar welchen Weg die Weltmächte gehen wollten: Nämlich denselben, den wir heute erleben und beklagen. Leider hatte man sich selbst überschätzt. Aber dies darf nicht dazu führen, daß man grundsätzlich begrüßenswerte Gedanken eines bedauerlichen Zeitgeistes wegen ablehnt. Die Freie Universität Brüssel hat folgenden Leitspruch:
    »Das Denken darf sich niemals unterwerfen, weder einem Dogma noch einer Partei, noch einem Gefühl, noch einem Interesse, noch einem Vorurteil, noch gegenüber was auch immer, außer den Fakten selbst. Denn sich Unterwerfen bedeutet das Ende allen Denkens.«

  5. Die schwarz-weiß-rote Fahne, wie sie hier schreiben, wurde nicht durch Adolf Hitler verboten. Sie wurde gar nicht verboten, sondern fiel eben als gleichberechtigt zur Hakenkreuzfahne einfach weg! Das ist ein großer Unterschied, auch zur heutigen BRD, in der die Hakenkreuzfahne tatsächlich verboten ist und deren öffentliches Zeigen und vorrätig halten mit empfindlichen Strafen verbunden ist.

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