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Katechon Europa, oder: Sinnsuche im Zeitalter der Komplexität

Norbert Bolz gehört zu den wenigen originellen und unabhängigen Geistern in Deutschland. Ganz besonders zu empfehlen ist sein Buch Die ungebliebte Freiheit. Darüber hinaus muß man Die Sinngesellschaft gelesen haben. Das Buch ist bereits 1997 erschienen und wurde in diesem Jahr vom Kadmos-Verlag neu aufgelegt.

Der Medienwissenschaftler Bolz wirft in dem Buch die Frage auf, wie man der Komplexität unserer Tage begegnen kann und wo Gefahren lauern. Er beginnt dabei mit der Feststellung:

Pessimismus ist Denkfaulheit. In der Welt der Warner und Mahner wird die Apokalypse zur Ware – wer sie kauft, erspart sich die Mühe zur Differenzierung. Die »Katastrophe« entlastet.

In erster Linie sind diese Sätze an linke Weltverbesserer adressiert, die der Komplexität begegnen, indem sie den Teufel an die Wand malen und zugleich ein Allheilmittel präsentieren. Wer sich Debatten wie die um die »Klima-Katastrophe« anschaut, erkennt schnell, daß Bolz hier ins Schwarze trifft.

Auf der anderen Seite darf Komplexität niemals zu einer Ausrede werden. Wenn die Bundesregierung Bedenken gegenüber ihrer Euro- und Bankenrettungspolitik mit dem Hinweis auf die für Laien nicht zu verstehende Komplexität der Dinge kontert, macht sie es sich zu leicht und verkennt, daß dies nicht allein zu Politikverdrossenheit führt, sondern auch zu anderen Kompensationen des fehlenden Sinns. Bolz betont, daß sich immer mehr Menschen vom großen Ganzen abwenden und statt dessen in kleinen Stammesgemeinschaften (Subkulturen) Halt suchen.

Zweifelsohne läßt sich die Mehrheit der Menschen aber noch von Komplexitätsfiltern täuschen. Die Sensationsgier der Massenmedien (Stichwort: Skandalokratie), der Betroffenheitsgestus, die Tendenz, »Theorieprobleme in Moralprobleme« umzuwandeln, sowie die Sorgen des Alltags (Familie, Arbeit) sind dafür verantwortlich, daß die kritische Masse derjenigen, die nach Sinn fragen, nicht (als ein wahrnehmbares Kollektiv) erreicht wird.

Die Gefahr dieses Vorgangs liegt auf der Hand. Denn:

Nach dem Sinn zu fragen heißt, die postmoderne Gesellschaft nicht zu wollen.

Bolz vermutet nun sehr logisch, daß unsere Gesellschaft »so unwiderstehlich« funktioniert, »weil sie sich die Frage nach einem höheren Sinn nicht stellt«, obwohl es jeden Tag eine ordentliche Dosis massenmedial vermittelter Erschütterungen verabreicht gibt.

Die Krise ist nicht Ausnahmezustand, sondern Normalzustand unserer modernen Existenz.

Man könnte folglich auch von einem permanenten Ausnahmezustand sprechen, der solange aufrechterhalten werden kann, bis das System an der Überstrapazierung seiner Leistungsfähigkeit zugrunde geht, oder bis ein mächtiges Kollektiv eine Alternative zur »Alternativlosigkeit« der Globalisierung durchsetzen kann.

Den Alternativangeboten, die es bisher gibt, fehlt es schlichtweg an der Macht. Den kleinen Stammesgemeinschaften, die ausscheren, gelingt es höchstens auf sehr beschränktem Raum, sich ein de-facto-Machtmonopol unter stillschweigender Duldung des Staates bzw. der Herrschaft des Geldes zu erkämpfen. Bolz führt des weiteren Pasolinis »Katechontik der Unterentwicklung« an, die mit der »Entdeckung der Langsamkeit« radikal mit dem hektischen Stil der globalen Welt bricht.

Machtpolitisch betrachtet ist aber auch diese Idee harmlos. Das dürfte Bolz wohl auch auf regionalistische Bestrebungen erwidern.

Der Regionalismus ist ein Konservativismus der Herkunft, der die Globalisierungslasten kompensiert.

Was die Alternativen zur alternativlosen Globalisierung angeht, treibt es Bolz in Die Sinngesellschaft so weit, auch jede Europa-Idee über Bord zu werfen. Europa gebe es »als Geldfluss und als Datenfluss«. Bolz beschreibt Europa damit als eine Zwischeninstanz des globalen Dorfs. Für die Gegenwart mag das als Lagebeschreibung zutreffen, jedoch vergißt er das in der europäischen Kultur steckende Potential, das er gerade in seinem Buch Die ungeliebte Freiheit betonte.

Zunächst sollte klar sein, daß es – mit Nietzsche gesprochen – nur die Kultur als »dünnes Apfelhäutchen« sein kann, die uns vor »glühendem Chaos« bewahrt. Wer die Welt rein rationalistisch und vor dem Hintergrund der Ideologie der Komplexität denkt, öffnet damit die Tore zu einem neuen barbarischen Zeitalter, das enthemmt allein ökonomischen Gesetzen folgt. Markt funktioniert aber immer nur in Verbindung mit Moral. Sobald also der europäische Stil wegbricht, haben wir ein 1984 verwirklicht.

In Die ungebliebte Freiheit hat Bolz sehr schön den Zusammenhang der Sinnsetzung mit diesem europäischen Stil herausgearbeitet. Zunächst:

Freiheit ist die Möglichkeit, das eigene Leben sinnvoll zu gestalten.

Dazu bedarf es als erstes eines lauten »Neins« (Bolz: »Mein Widerwille bleibt frei.«). Zum Stil wird dieses »Nein«, wenn aus dem Widerwillen eine vorbildliche Haltung wird. Das ist zwar selten, doch glücklicherweise gerade in der europäischen Geistesgeschichte besonders häufig aufgetreten:

Und tatsächlich spüren wir immer deutlicher, dass die Freiheit des Einzelnen eine historische Anomalie zu sein scheint, singulär in der Geschichte und beschränkt auf Europa. Sie ist eine unwahrscheinliche evolutionäre Errungenschaft der westlichen Welt, die weder in anderen Kulturen noch in der Natur des Menschen verankert ist.

Hoffnung sollte jedoch geben, daß sittliche Freiheit überhaupt erst einmal in der europäischen Tradition liegt und nur darauf wartet, gegen den Universalismus der Weltgesellschaft in Stellung gebracht zu werden. Bolz argumentiert hier mit Carl Schmitt:

Für Schmitt war klar, dass nur noch ein Katechon Europa retten kann. Ein verzweifelter Gedanke, den man aber durch eine kleine Wendung sehr fruchtbar machen kann – indem man nämlich Europa als katechontischen Begriff fasst. Die wahren Grenzen Europas, heißt das, werden gegen die Evolution der Weltgesellschaft erfragt.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

2 Kommentare zu “Katechon Europa, oder: Sinnsuche im Zeitalter der Komplexität

  1. Hans-Christof Tuchen

    Ich babe Herrn Bolz noch als Assistenten von Jakob Taubes im Nietzsche-Seminar an der FU Berlin erlebt, daher wohl die Affinität zu Carl Schmitt. Mittlerweile kann ich Bolz nicht mehr ernst nehmen, da er alle Naselang eine neue Sau durch die Medien jagt, um auf sich aufmerksam zu machen. Vor einigen Jahren versuchte er noch, den Konsumismus zur neuen Religion zu erheben, jetzt macht er mal wieder auf Metaphysik. Ein ambitionierter Dummschwätzer!

  2. Emma Linde

    Prof. Bolz sagt: »Freiheit ist die Möglichkeit, das eigene Leben sinnvoll zu gestalten.«
    Daraus ergibt sich: Der Sinn des Lebens ist die Freiheit.

    und

    »Nach dem Sinn zu fragen heißt, die postmoderne Gesellschaft nicht zu wollen.«
    Das unterstellt im Zusammenhang mit dem obigen Satz: Die postmoderne Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Unfreien.

    Wie vertragen sich diese beiden Statements von Prof. Bolz miteinander?

    Also 1. Der Sinn des Lebens ist die Freiheit!
    und 2. Die postmoderne Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Unfreien!

    Ganz einfach: Er hält die Postmoderne für eine Gesellschaft, in der Freiheit und somit Leben nicht existieren kann. Wenn das kein Kulturpessimismus ist.

    Aber er sagt selbst: »Pessimismus ist Denkfaulheit«

    Mir kommt Prof. Bolz vor wie jemand, der mit dem Balken im eigenen Auge, anderen vorwirft, sie hätten ein Brett vorm Kopf.

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