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Skandalisierung fehlgeschlagen: Christian Kracht ist beleidigt und erhält Schützenhilfe von ZEIT und Jakob Augstein

Es ist Georg Diez vom SPIEGEL nicht gelungen, Christian Krachts Imperium auf die Liste verbotener Literatur zu setzen. Kracht ist zwar beleidigt und hat seine Premierenlesung in Berlin abgesagt, weil er vorerst nicht nach Deutschland kommen möchte, aber die Debatte hat trotzdem eine gute Richtung für ihn eingeschlagen. Was mich an den Solidarisierungen mit Kracht insbesondere wundert, ist, wie auf einmal linksliberale Blätter wie die ZEIT und »Im Zweifel linke« Journalisten wie Jakob Augstein Argumente bringen, die ansonsten nur von Konservativen angeführt werden.

Die ZEIT schreibt:

Kurzum: Man kann Krachts zuweilen ästhetisierende, ironisch unverbindliche Ausflüge in die Herzen der Finsternis vergnüglich, irritierend oder auch geschmacklos finden. Von ihnen jedoch auf die tatsächliche politische Gesinnung des Autors zu schließen, sprengt zwar nicht den »Rahmen der Literaturkritik«, wie Krachts Verlag etwas hysterisch wissen ließ, dient aber in diesem Fall vorrangig einem Zweck: der wohlfeilen Skandalisierung eines in anderer Hinsicht durchaus streitbaren Stücks Literatur. Diese scheint nun leider geglückt zu sein.

Was ist denn hier los? Wir sollen tatsächlich wieder über Literatur streiten dürfen, auch wenn sie nicht durchtränkt vom Geist des Grundgesetzes ist? Noch seltsamer: Auch Jakob Augstein ist auf einmal dieser Meinung und spricht sogar von der ominösen Faschismuskeule, die doch eigentlich eine Vokabel der Rechten ist:

Der Faschismus-Vorwurf ist die größte Keule, mit der man im öffentlichen Diskurs hantieren kann. Gegen Christian Kracht geht der Schlag aber ins Leere: Schriftsteller sind nämlich keine Sozialkundelehrer.

Augstein kritisiert seinen Kollegen Diez weiter dafür, daß er ein »schlimmes Missverständnis von Kunst und Politik« in die Welt gesetzt habe.

Das ist eine Kritik, die eigentlich das Verhältnis von Kunst und Politik berührt und dieses Verhältnis so verkehrt, dass am Ende die Kunst der Politik dienstbar gemacht werden soll, sich ihren Regeln beugen soll, ihren Maßstäben gehorchen soll. Eine Kritik, die am Ende die Freiheit der Kunst vernichtet und dabei die Freiheit in der Politik nicht befördert.

Es kommt noch besser:

Vielleicht ist Kracht ein Faschist der Literatur, im Sinne Sloterdijks, der sich dem gleichen Vorwurf ausgesetzt sah und gesagt hat: »Der Faschismus ist ein Expressionismus, während der Humanismus im Grunde ein Erziehungs- und Optimierungsprojekt ist.« Ein Humanist ist Kracht sicher nicht. Er hat aber als Schriftsteller keinen Bildungsauftrag. Die Politik muss auf die Unterdrückung der Gewalt hinarbeiten. Die Kunst kann der Gewalt folgen. Was ist das für ein Vorwurf, ein Autor platziere sich »außerhalb des demokratischen Diskurses«, und dann auch noch »bewusst«? Schriftsteller sind keine Sozialkundelehrer. Es gibt keinen kategorischen Imperativ der Literatur: Schreibe nur, was Du selber erleben willst.

Abschließend möchte ich zu diesem Thema noch ein Interview aus unserem Archiv empfehlen: Im Gespräch mit Michael Klonovsky: »Wenn Literatur politisch wird, ist sie fast immer schlecht!«

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3 Kommentare zu “Skandalisierung fehlgeschlagen: Christian Kracht ist beleidigt und erhält Schützenhilfe von ZEIT und Jakob Augstein

  1. Nachdem sich abzeichnete, daß die Nummer nicht durchkam hat sich Augstein beeilt, nicht den Anschluß zu verpassen, und hat dem ohnehin schon allseits gedissten Diez, seinem eigenen Autor, einen Tritt in der Hintern verpaßt, damit es alle sehen können. Wenn die Sache einen anderen Verlauf genommen, wer weiß…

  2. Richtig. Diez ist jetzt bloß das arme Schwein, das die Charakterlosigkeit seines Chefs einmal selbst zu spüren bekommt. (Nicht dass ich Mitleid mit ihm hätte. Eher das Gegenteil ist der Fall.) Augstein ist ja sonst auch nicht um die bescheuertsten Argumentationen verlegen, wenn er allgemeine Zustimmung wittert.

    Auch wäre es typisch konservativ sich jetzt über den Debattenverlauf zu freuen, nur weil der Ausgang ganz erfreulich scheint. In Wahrheit handelt es sich bloß um sozialistische Selbstkritik für offensichtliches Fehlverhalten im Sinne eines Mangels an Subtilität des Verrisses. Den Leuten bspw. bei der Zeit ist schon klar, dass man auch nicht zu platt sein darf, wenn man auf Dauer erfolgreich die Diskursmoderation in den Händen halten möchte. Von einer Zugangsverbreiterung von konservativen Positionen kann man dadurch nicht reden, weil Skandale solcherart die Beteiligten Schreiber bloß dazu anregt, um die Insinuationen etwas geschickter zu platzieren.

  3. Liegt es nicht eher daran, dass erwähnte Journalien (zumindest bzgl. der ZEIT) bereits VOR Diez‹ Kampagne das Buch positiv rezensiert hatten?

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