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Sozialistischer Realismus der Sprache

Brigitte ReimannAnfang März spornte mich die erneute Ausstrahlung der Verfilmung des Lebens der jung gestorbenen DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann an, mich mit ihr näher zu beschäftigen. »Hunger auf Leben« heißt die TV-Biographie und benennt damit den entscheidenden Punkt, warum viele Kulturschaffende – gerade in Diktaturen – die friedliche Koexistenz mit freiheitsberaubenden Systemen gesucht haben und noch immer suchen.

Brigitte Reimann hatte einen besonders ausgeprägten Lebenssinn. Drei Ehen und etliche Affären belegen ihren Hunger auf Abenteuer und ständig neue Erfahrungen. Martina Gedeck spielt die DDR-Literatin hervorragend und verkörpert auch in »Das Leben der Anderen« eine ähnliche Künstlerrolle, die durch den ständigen inneren Konflikt zwischen Emanzipation und Konformismus interessant wird.

Die schauspielerische Leistung von Gedeck ist aber nun mal das Eine, das Werk von Brigitte Reimann jedoch für die Frage nach dem Wert von Kunst an der Grenze zum Tabubruch viel wesentlicher. Ich habe mir deshalb die Romane »Ankunft im Alltag« und »Franziska Linkerhand« besorgt. Der erste beschreibt das Leben dreier Abiturienten, die nach der Schule die Arbeiterwelt kennenlernen wollen und deshalb im Kombinat »Schwarze Pumpe« anfangen. Dabei lernen sie ganz einfache Menschen kennen und müssen sich in deren Welt zurechtfinden. Als Garnierung gibt es in diesem prägenden Roman der »Ankunftsliteratur«, die Arbeiter und Kulturschaffende näher zusammenbringen wollte, eine Dreiecksliebesgeschichte. Nach knapp 100 Seiten habe ich das Lesen dieses Romans abgebrochen, weil mir das geschilderte Leben einfach zu eintönig war und mich die Sprache von Reimann nicht fasziniert.

Noch viel weniger habe ich danach bei »Franziska Linkerhand« geschafft. Dieser erst nach ihrem Tod in verschiedenen Fassungen veröffentlichte Roman hätte mir dabei, rein politisch betrachtet, besser gefallen müssen, da er mit dem Konformismus der Ankunftsliteratur bricht und die Zustände in der DDR anhand des Lebenslaufs einer jungen Architektin kritisiert.

Ein ähnliches Leseerlebnis hatte ich vor einiger Zeit bei Erich Loests »Nikolaikirche«. Auch hier hatte mich der gleichnamige Film motiviert, mich dem Wenderoman zu widmen. Und auch hier habe ich es nicht bis zur letzten Seite geschafft, weil die Sprache von Loest trotz seiner kritischen Haltung zur DDR durchdrungen ist von sprachlichem »sozialistischem Realismus« und dieser macht meiner Ansicht nach alles Schöne der Literatur zunichte. Die Ausmerzung übernatürlicher Bezüge in der Sprache und das Festklammern am Faßbaren zerstören zumindest bei mir die Sinnsuche beim Lesen.

Ungelesen liegt bei mir noch Loests Roman »Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene« herum. Der Titel läßt bereits vermuten, daß ich wieder nicht bis zur letzten Seite gelange.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

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