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SPIEGEL skandalisiert unseren Houellebecq-Preis

houellebecq_preisEhrlich gesagt, sind wir chronisch ein bißchen angepißt, weil sich kein Schwein für unseren Jugendkulturpreis interessiert. Das war bei dem Wettbewerb mit Rilke als Namenspatron genauso wie vor zwei Jahren mit Kafka. Unser Buch zum Rilke-Preis hat sich auch nicht gerade toll verkauft (keine Sorge, es sind noch welche da) und die Druckausgabe zum Kafka-Preis hätten wahrscheinlich viele nicht mal geschenkt genommen.

Mit Houellebecq als drittem Namenspatron war das nicht anders. Bis 6. Januar 2015 war ich der festen Überzeugung, daß wir die einzigen sind, die ihn überhaupt kennen und die Bedeutung seiner Romane und Gedichte hervorheben. Dann änderte sich binnen weniger Stunden alles, weil ein paar durchgeknallte Islamisten wild um sich schossen und genau dieses Szenario dummerweise in Unterwerfung, dem neuen Roman von Houellebecq, beschrieben wird.

Zu diesem Zeitpunkt war mir schon klar, daß es nicht lange dauern dürfte, bis irgendein Idiot der deutschen »Lügenpresse« (Demonstranten bei PEGIDA) unseren Jugendkulturpreis skandalisieren wird. So ist es nun gekommen: Der SPIEGEL hat investigativ herausgefunden, was seit Monaten jeder im WWW nachlesen kann. Ja, unser Verein hat für seinen Jugendkulturpreis Michel Houellebecq als Namenspatron gewählt. Die Entscheidung hatten wir bereits am 22. April 2014 bekanntgegeben. Bis Ende November 2014 wurden schließlich fast 300 Arbeiten für den Wettbewerb eingereicht und wir sind gerade dabei, die besten Einreichungen herauszufiltern. In einigen Wochen dürften die Sieger feststehen.

Was gibt es nun zu dem SPIEGEL-Artikel zu sagen?

  1. Eine Distanzierung von Houellebecq zu bekommen, war sicherlich eine leichte Übung. Ich stelle mir das Telefonat wie folgt vor:
    SPIEGEL-Journalist (hysterisch): Ähm, ähm, ähm, Herr Houellebecq, wußten Sie eigentlich schon, daß eine deutsche Nazizeitung mit Ihnen Werbung macht?
    Houellebecq (zieht noch einmal an seiner Zigarette; ob er Restalkohol im Blut hat, ist unbekannt): Ich wußte nichts von diesem Preis und habe niemals mein Einverständnis dazu gegeben.
    Richtig ist, daß wir tatsächlich noch nie mit Houellebecq gesprochen haben und weder eine E-Mailadresse, bei der Antworten erfolgen, noch eine Telefonnummer haben. Sein Verlag wollte uns die Kontaktdaten auch noch nie geben, sonst hätten wir schon längst eine Interviewanfrage gestellt.
  2. Mit seinem deutschen Verlag (DuMont) hatten wir allerdings in den letzten Jahren häufig Kontakt (letzte Mail vom 22. Januar 2015). Abgesehen von Unterwerfung hat man uns auch immer fleißig mit Houellebecqs Büchern versorgt. Bis zur SPIEGEL-«Recherche« hat sich von dem Verlag noch nie jemand bei uns über irgendetwas beschwert. Die jetzige Aufregung ist dem üblichen »Nazi«-Alarm geschuldet.
  3. Wir hatten ja vor einigen Wochen einen SPIEGEL-Mitarbeiter in unserem Dresdner Büro zu Gast. Damals war Houellebecq noch kein Thema, aber unsere politische Verortung. Ich habe Wolf Wiedmann-Schmidt bei dieser Gelegenheit erklärt, daß ich eine politische Selbstbezeichnung ablehne und mich über Inhalte definiere. Die Gründe dafür habe ich in unserer aktuellen PEGIDA-Druckausgabe ausführlich dargelegt. Den SPIEGEL interessiert das natürlich alles nicht. Wie ein roter Faden zieht sich der Versuch durch den Artikel, uns in die Nähe irgendwelcher Nationalisten und Rechtsextremen zu schieben.
  4. In dem Artikel wird unter anderem behauptet, wir hätten PEGIDA »unterstützt«. Das ist falsch und auch das habe ich Wiedmann-Schmidt bei unserem Gespräch erklärt. Wir haben PEGIDA von Anfang an mit Interesse und Wohlwollen journalistisch beobachtet. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.
  5. Der SPIEGEL suggeriert, wir hätten Unterwerfung entweder nicht gelesen oder nicht kapiert. Aber keine Sorge: In meiner Rezension finden Houellebecqs Angriffe gegen die Identitären genauso Erwähnung wie sein recht positives Bild vom Islam.
  6. Zum Abschluß: Unser Jugendkulturpreis ist unser unpolitischstes Projekt. Wir haben uns immer gegen eine politische Instrumentalisierung von Kunst gewehrt und finden übrigens die unpolitischeren Romane von Houellebecq viel gelungener als Unterwerfung.

Hier geht es zur Seite des Jugendkulturpreises.

+ Wer die Siegerbeiträge des Wettbewerbs lesen möchte, darf sich auf die Mai-Ausgabe unserer gedruckten Zeitschrift freuen. Man erhält sie, indem man am besten gleich den Jahrgang 2014/15 unserer Zeitschrift kauft.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

8 Kommentare zu “SPIEGEL skandalisiert unseren Houellebecq-Preis

  1. Arminius Arndt

    Sorry Herr Menzel,

    aber mit der plakativen Benennung Eures Jugendkulturpreises nach Schriftstellern im Duktus »XY-Preis« begeht ihr irgendwie schon Trittbrettfahrerei. Jugendkulturpreis, 2015 gewidmet M.H. oder ähnliches, wäre da schon ehrlicher gewesen. Aber egal, alles was in die Nähe von Pegida gekommen zu sein scheint, wird zur Zeit pseudo- investigativ zerlegt. So rächt sich eben die Lügenpresse für den Lügenpressevorwurf der Pegida Demonstranten. Man holzt quer durch die veröffentlichte Web-Welt, ob die jeweiligen nun etwas damit im engeren Sinne zu tun haben oder nicht, ist egal.

    Noch eines:

    Irgendwie habe ich wohl einen anderen Roman Namens »Unterwerfung« gelesen, als Sie. In dem Buch, welches ich gelesen habe (bin vor ca. 1 Woche damit fertig gewesen), gibt es keinen islamistischen Terroranschlag alá Charlie Hebdo. Auch findet kein Bürgerkrieg statt, auch wenn alles dafür vorbereitet zu sein scheint. Es werden lediglich gewaltsam einige Wahlurnen entwendet und das Land ist kurz in einer Art Schockstarre, aber der Bürgerkrieg, auf den zunächst vieles hinzudeuten schien, blieb eben gerade aus und dass er ausgeblieben ist, wurde bewusst so von M.H. geschrieben, damit das Buch eben auch zu dem Ende kommen kann, welches es dann schließlich hat. Das Buch ist auch weitaus weniger politisch, als immer wieder behauptet wird und es ist schon gar kein politischer Roman im eigentlichen Sinne. Das Politische bildet eher die Oberfläche, den Rahmen für die tieferen Vorgänge.

    M.H. hat auch noch lange nicht seinen Zenit überschritten. Das heute zu behaupten, bei einem Schriftsteller, der demnächst erst 59 (oder gar erst 57) wird, ist eigentlich anmaßend bis unverschämt. Im Gegenteil, mit »Unterwerfung« ist M.H. ein sehr gutes Buch gelungen. M.H. knüpft an eine alte Stärke an, die er schon mit seinem Essay über Lovecraft (Gegen die Welt, gegen das Leben) gezeigt hat und stellt anhand eines Schriftstellers und seines Werkes eine Weltsicht dar, diesmal ist es eben Huysmans. Das Buch rührt viele Handlungsstränge an, bricht aber bewusst mit den Erwartungen der Leser und führt stattdessen zu einem recht ruhigen Ende, zu einer Unterwerfung.

    Das einige Konvertiten zuvor »Identitäre« waren wird von M.H. mit keinerlei Häme dargestellt, wie der Spiegel-Schmierant es dem Leser vorgaukeln will. Nein, M.H. zeigt deutlich auf, dass gerade das Konservative, das Identitäre eben durchaus Schnittstellen mit einer integralen Weltsicht, wie dem Islam, haben kann. Nicht umsonst erwähnt M.H. in »Unterwerfung« bspw. gerade Guénon, einen der bekanntesten Konvertiten. Identitär, integrale und »traditionale« Weltauffassung bspw. im Sinne eines Guénons oder Evolas, all das kann durchaus in einer »Unterwerfung« unter eben die letzte größere bestehende »traditionale« Weltanschauung, wie eben dem Islam, führen. Der vorherige Beitrag auf diesem Weblog von Herrn Poensgen, in dem von einer gottgegebenen Ordnung geschrieben wird, deutet ja auch durchaus in eine solche Richtung.

    Aber egal, 2 Leser, 3 Meinungen, so ist das bei guter Literatur. Ich jedenfalls hätte ein derart starkes Buch, wie »Unterwerfung«, M.H. nicht mehr so ohne Weiteres zugetraut, zumal in »Karte und Gebiet« es sich ja eigentlich irgendwie andeutete, als ob es keinen größeren Roman von M.H. mehr geben könnte.

  2. Arminius Arndt
    Die Benennung des Jugendkulturpreises nach Houllebecq kann keine Trittbrettfahrerei sein. Ganz ehrlich.
    Wer wußte von dem Preis der BN mit dem Namenspatron Michel Houllebecq? Oder von Kafka? Rilke? Der Spiegel ist doch nur aufmerksam geworden, weil „Unterwerfung“ mit Charlie Hebdo zusammenfiel. Der Preis selbst wurde aber schon vor Monaten angekündigt.
    Mir ist neu, dass die BN von der Kulturpreisaktion einen so großen Nutzen zieht bzw. aus dem Namen M.H. gezogen hätte.

    Herr Menzel, klären Sie uns doch mal auf was die grundlegende Idee für den jährlich wechselnden Namen ist.
    Und vielleicht sagen Sie Arminius Arndt was für ein Umsatz mit dem Kulturpreis möglich ist.

  3. 1. Lest das alles da oben und sagt mir, Kultur und Politik wären bei Euch voneinander zu trennen!

    2. Was soll der ganze Kulturscheiß? M.H., Rilke, Evola und Kafka nützen niemandem am dunklen Nordausgang eines x-beliebigen Bahnhofs in Deutschland – höchstens als Kopfkino im späteren Wachkoma.

  4. Felix Menzel

    Zu den Fragen, die hier diskutiert worden:

    1. Warum wechselnder Namenspatron? Damit wir uns alle zwei Jahre mit einem neuen Schriftsteller intensiv beschäftigen können.

    2. Umsatz bzw. Kosten/Nutzen: Wir erzielen mit dem Jugendkulturpreis jedes Mal ein vierstelliges Minus.

  5. @Buxe
    Wer behauptet denn sowas? Das einzige was einem vielleicht »am dunklen Nordausgang eines x-beliebigen Bahnhofs in Deutschland« etwas nützt, ist es, seinen Arsch hoch zu bekommen und trainieren zu gehen. Ein paar Kumpel, auf die man sich verlassen kann, schaden auch nichts. Wenn man das nicht vernachlässigt, kann man durchaus auch ab und zu mal ein Buch lesen.

  6. Wunderbar.

    Ein geplanter Skandal? – Ich hoffe!

    Die Weinerlichkeit und Pseudoanständigkeit von Teilen der »Szene« ist ja nicht zum Aushalten.

    (Insbesondere, wenn man weiß, wie es diese Tretbuckler im Persönlichen halten).

    Aber versuchen wir uns doch nur EINMAL ein Vorbild am »linken« Feind zu nehmen –
    schließlich haben sie gewonnen, immerhin.

    Nachdem wir den herrschaftsfreien Diskurs ebenso wie die »aaaber wir sind doch gar keine Nazis«-Nummer knicken können…

    Hergehört! Das wird nichts, der hysterische Hitlerismus ist die neue Weltreligion.

    Also: Bad News are Good News und vielen Dank an den SPIEGEL für die Werbung!

  7. Wir wissen ja wie das läuft…
    Der SPEICHEL…, Verzeihung der SPIEGEL liebt es eben zu lügen, jammert dann aber rum wenn er als »Lügenpresse« bezeichnet wird 🙂
    Machen Sie sich nichts draus; wenigstens hat das Blatt kostenlose Werbung für Ihren Jugendpreis gemacht.

  8. Kreuzberg

    »Bis 6. Januar 2015 war ich der festen Überzeugung, daß wir die einzigen sind, die ihn überhaupt kennen und die Bedeutung seiner Romane und Gedichte hervorheben.«

    Bitte Felix, nun sag aber, daß das Sarkasmus ist… andererseits hättest Du die Weltgeschichte verschlafen.

    »Unterwerfung« ist nicht mehr und nicht weniger »politisch« als irgendein anderer Roman von Houellebecq. Wenn eure Beschäftigung mit ihm bisher so intensiv war, dann verstehe ich eine solche Aussage nicht.

    Abgesehen davon, finde es schon etwas vermessen, den Namen eines lebenden Autors ohne sein Einverständnis zu benutzen. Auf eine andere Art gilt dasselbe für die Wahl der wirklich GANZ großen Namen für die anderen Preise. Geschmackssicher ist das jedenfalls nicht.

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