Rezension

Stauffenbergs Hoffnung

Bereits im März diesen Jahres erschien eine neue Stauffenberg-Biographie. Anspruch des Verfassers, Thomas Karlauf, ist es dabei, nicht nur die Lebensgeschichte des Hitler-Attentäters zu erzählen, sonders sie insbesondere durch ein „Nachvollziehbar Machen“ seiner Beweggründe zu erschließen.

Hierfür beachtete Karlauf im Zuge seiner Recherche ebenso die Verhörakten, die nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 angelegt wurden, und die man in der bisherigen Forschung eher vernachlässigte. Anfangen muß eine jede Stauffenberg-Biographie jedoch auch hier mit dem Dichter Stefan George.

Das geheime Deutschland

Der George-Kreis, dessen Mitglied Stauffenberg war, verstand sich selbst, ganz im Sinne des Dichters, als eine Auslese der Besten, die dazu bestimmt war, Volk und Reich zu führen. Auch und gerade in dunkler Stunde, wenn es nach ihrem elitären Selbstverständnis auf die Haltung einiger Weniger ankommt. Insbesondere die Brüder Stauffenberg galten dem Dichter bereits aufgrund ihres Namens als eine Fügung des Schicksals. Denn schließlich war es der Stauferkaiser Friedrich II., den man im Kreis verehrte und auf dessen Erlösung man wartete – für die sich der Kreis zugleich berufen fühlte.

Aufgewachsen in zwei gesellschaftlichen Eliten, dem Adel und dem Kreis um Stefan George, stellte die Reichswehr schließlich die dritte elitäre Säule Stauffenbergs dar. Die Armee galt ihm bereits früh als eine bedeutende Möglichkeit, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Dabei muß Karlauf zufolge bedacht werden, daß die Armee – und insbesondere das Offizierskorps – Stauffenbergs Gedankenwelt nach mit der Politik auf Augenhöhe sei. So bekommt nun Stauffenbergs bekannter Ausspruch „Der Narr macht Krieg“, den er im April 1939 über Hitler äußerte, eine völlig andere Bedeutung: „Der Narr macht Krieg – ohne uns einzubinden!“

Der „angloamerikanischen Normalameise“ entgegen

Ein dementsprechend elitäres Bild hatten Stauffenberg und dessen Brüder Alexander und Berthold, die ganz ähnlich geprägt waren, auch von der Politik. Demokratie etwa war nach ihrem Verständnis „das kapitalistische Herrschaftsmodell der angelsächsischen Welt. Und das galt ihnen als das Letzte, woran sich die Deutschen beim Neuaufbau orientieren sollten.“

Daran anknüpfend, ist der Teil von Karlaufs Biographie, welcher sich mit Stauffenbergs Beweggründen für den Umsturzversuch beschäftigt, der interessanteste Teil des Buches. Viel weniger als bisher angenommen, seien diese etwa in den Verbrechen im Osten zu suchen, sondern in der Entschlossenheit, den Krieg für Deutschland noch zu einem verhältnismäßig guten Ende zu bringen.

Der Gedanke daran, daß die Verschwörer des 20. Juli Deutschland vor dem Untergang retten wollten, ist hingegen heute vielen in Zeiten der nationalen Selbstabschaffung unbegreiflich und damit aus ihrer Sicht kein legitimer Handlungsgrund, weshalb das offizielle Gedenken diesen wichtigen Aspekt gerne vergißt.

Stauffenberg „nicht den Rechten überlassen“

Eine bedingungslose Kapitulation schloss dabei auch Stauffenberg aus, solange die Fronten noch hielten. Daß die Verhandlungsbereitschaft in Ost und West – auch und gerade mit einer souveränen Regierung nach Hitler – gering sein wird, sei jedoch auch ihm klar gewesen. Dennoch bestand die Hoffnung auf einen Verhandlungsfrieden; oder besser gesagt: auf ein gegenseitiges Ausspielen der Kriegsgegner: Verhandlungsangebote sollten sowohl an die Westalliierten, als auch an die Sowjetunion gehen.

Etwas verwirrend ist an der Biographie hingegen die Absicht ihres Verfassers. In einem Interview mit der FAZ empfahl Karlauf der etablierten deutschen Politik, man solle Stauffenberg „nicht den Rechten überlassen“. Der Leser fragt sich hingegen an dieser Stelle, ob das nicht eben die richtige Konsequenz wäre in einer Zeit, welche mit jedwedem nationalen Pathos aufräumen möchte.

Mit seiner Biographie, die gerade einen Stauffenberg zeichnet, der um Deutschland hoch besorgt ist, dürfte er seinem Ansinnen also selbst eher entgegenwirken, als es zu unterstützen. Man bekommt an dieser Stelle einen Sinn dafür, wie eng Politik mit Geschichtsschreibung verquickt sein kann.

Thomas Karlauf: Stauffenberg – Portrait eines Attentäters, Blessing Verlag, Berlin, 2019, 366 Seiten, 24,00 Euro.


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