Alter Blog

Ulrich Beck und die Empörung der Europäer

Durch Europa schwappt eine Welle der Empörung. In Deutschland protestieren die biederen Schwaben gegen einen Bahnhof, in London schmeißt man Steine und in Spanien campen junge Leute für »echte Demokratie«. Die einfachste Erklärung für diese Proteste ist zugleich die häufigste und kursiert in etlichen Variationen in den Feuilletons: Es gehe den Menschen um Gerechtigkeit. Daß dies zumindest Jammern auf hohem Niveau ist, hat jüngst die NEON unfreiwillig entlarvt, indem sie den Wohlstand der »echten Revolutionäre« vergaß auszublenden.

Ulrich Beck gehört in Deutschland zu den Alpha-Intellektuellen, die genauso wie Peter Sloterdijk diese Empörungswelle für sich entdeckt haben – wohlwissend, daß ein französischer Weltbürger auf dieser Welle ganz gut surft und so ein paar Bücher verkauft hat. Beck jedenfalls rief im Spiegel vom 22. August 2011 die Europäer ganz originell dazu auf, sich zu empören. Das Motto laute heute: »Mehr Gerechtigkeit durch mehr Europa«.

Europa – damit meint er die EU – müsse sich zwischen einem hegelianischen und einem »Carl-Schmitt-Szenario« entscheiden. Mit Hegel will Beck einen »kosmopolitischen Imperativ« begründen, der sich für eine transnationale Solidargemeinschaft stark macht. Als vernünftige Notwendigkeit dafür nennt er die Stellung Europas in der Welt. Nur gemeinsam werde man gewinnen, alleine dagegen verlieren. Damit verkennt Beck, daß die Zahlen eher für eine Renaissance der Kleinstaaterei sprechen. Rainer Hank hat diese europäische Besonderheit in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 24. Juli 2011 wie folgt zusammengefaßt:

Wissenschaftliche Neugierde, nutzbringende Erfindungen und wirtschaftliches Wachstum entwickelten sich im Wettstreit der Völker und Nationen. Dezentral verteilte und begrenzte Macht hat die Meinungsvielfalt gefördert, Kreativität ermöglicht, den Ehrgeiz des Wettbewerbs angestachelt und den Wohlstand genährt. Zeiten mit viel Kleinstaaterei (die Renaissance in den oberitalienischen Städten um 1500 oder die deutsche Klassik am Hofe von Weimar und anderswo) gebaren Genies und neues Wissen. Kleinstaaterei bietet den Bürgern die befreiende Möglichkeit zu emigrieren, wenn sie sich anderswo bessere Lebenschancen erhoffen.

Beck sieht genau darin das von ihm gefürchtete Carl-Schmitt-Szenario einer Rückbesinnung auf die eigene Identität. Dem setzt er aber nur scheinbar etwas Vernünftiges entgegen. Vielmehr sind die Bausteine seiner Argumentation altbekannte Diskursverhinderungsvokabeln: Die EU zeichne sich durch ein »Nie Wieder!« der Vergangenheit aus. Sie müsse deshalb Vereinigungspolitik betreiben, um »drei selbstzerstörerische Prozesse in Europa« aufzuhalten: »Ausländerfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Europafeindlichkeit«.

Die kollektive Empörung soll bei dieser transnationalen Vereinigung die Rolle eines gemeinsamen Initiationsritus übernehmen. Die Idee dahinter: Wenn alle Europäer wegen irgendwas gleichzeitig auf die Straße gehen, fühlen sie sich als eine Gemeinschaft und der Politik fällt es dann leichter, die letzten Schrauben für die Transferunion festzudrehen.

Verwandte Themen

Die Kulturschaffenden und die Politik Aus der liberalen Nichteinmischungsdoktrin ergibt sich das grundsätzliche Problem des politischen Engagements von Intellektuellen und Künstlern. ...
Deutsche Kontinuitäten: Terror und Geheimdienst Dies ist ein Nachklapp zum 9. November. Man kennt die historischen Ereignisse in der deutschen Geschichte, die mit diesem Datum verknüpft sind. Alle? ...
»Wir sind die Urheber!« – Die Mo... In der aktuellen ZEIT findet sich ein Aufruf von 100 Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern, die "Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums" vo...

Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

3 Kommentare zu “Ulrich Beck und die Empörung der Europäer

  1. »…die Stellung Europas in der Welt. Nur gemeinsam werde man gewinnen, alleine dagegen verlieren.«

    Warum sieht Beck nicht selber, dass dies eigentlich doch eine typische Schmitt-Konstellation ist: die Europäer (als wir) im fortdauernden Wettbewerb gegen den Rest der Welt (die anderen).

    Unerklärt bleibt, was den gesamteuropäischen Verbund in besonderer Weise auszeichnet, diesen Wettbewerb besser bestehen zu können als in kleineren, homogeneren Einheiten, beispielsweise im Hinblick auf die hemmenden Auswirkungen der großen Vielfalt an grundverschiedenen Sprachen.

  2. “drei selbstzerstörerische Prozesse in Europa” aufzuhalten: “Ausländerfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Europafeindlichkeit”.

    Was er meint, sind also in Wirklichkeit die selbstERHALTENDEN »Prozesse in Europa«.

  3. Marco Reese

    Die Feinde Europas sind allerdings die, welche es zu einer gottlosen Freizügigkeitszone mit monströsem bürokratischen Überbau, geistiger und kultureller Gleichschaltung und superstaatlichen Kompetenzen zurechtstutzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo