Gesichtet

Verschobene Fronten: Die Linke und die Globalisierung

Wir befinden uns in einer merkwürdigen Situation. Die Globalisierung und die zeitgleich entstandenen Technologien haben zu einem zivilisatorischen Zustand geführt, der mit keinem bisher Dagewesenen vergleichbar ist.

Unsere politischen Schemata müssen die neuartige Lage erst in seiner Tragweite erfassen, bevor sich tatsächliche Konzepte bilden können. Die aufgeheizte Stimmung, die wir spätestens seit 2014 im Westen beobachten können, kommt vermutlich nicht zuletzt daher, dass sich die Sensoren langsam umstellen und die Fragestellung von „mehr Globalisierung?“, „weniger Globalisierung?“ und „Globalisierung auf welche Art?“ akut wird.

Die Finanzwirtschaft gibt den Takt vor

Ein Beispiel für diese Verschiebung ist das Verhältnis zwischen der Linken und der Globalisierung. Während Teile der Linken die globalistische Entwicklung, als einer der Hauptmotoren der Ausdünnung von sozialer Politik, die wir spätestens seit Ende der 90er auch in Deutschland beobachten konnten, ablehnen, hat sich der Mainstream der Linken heute mit der Globalisierung solidarisiert.

Auffällig ist dabei, wie die globalistische Politik in der Lage ist, Forderungen selbst des radikalen linken Lagers aufzunehmen und in weniger radikaler Form umzusetzen, sofern sie den eigenen Zielen zugutekommen. Einzig die Sozialpolitik blieb von diesem Mechanismus bislang ausgeklammert. Diese Tatsache verdeutlicht den gewissermaßen absurden Zug dieses Paktes, bei dem die Linke sich, in dem Bestreben zumindest einige ihrer Ideen in die Realpolitik zu verfrachten, einer Politik anbiedern muss, die eindeutig von der inneren Logik der Finanzwirtschaft ausgearbeitet wird. Alain de Benoist hält deshalb zu Recht in seinem Essay Im Angesicht der Globalisierung fest:

Mondialisierung der Arbeitnehmerschaft und Globalisierung des Finanzwesens wirken nämlich zusammen, um den Kurs der Wirtschafts- und Sozialpolitik umzukehren, die nach dem Krieg Jahrzehnte des Wachstums bestimmt hatte. (…) Das Ergebnis dieses historischen Kompromisses zwischen Kapital und Arbeit, das heißt jener Anpassung der Finanzstrategien an manche Sozialforderungen, hatte der Wohlfahrtstaat verkörpert. Die Globalisierung hat diesen Gesellschaftsvertrag gebrochen.“

Funktionieren kann dieser Pakt, weil der Globalismus es versteht, sich bestimmter Denktraditionen der Linken anzuschließen. Als Beispiel ließe sich hier die Migrationspolitik der EU nennen. Gemäß der Logik des Kapitalismus, alles in sein Waren- und Handelsschema mit einzubeziehen, und der ebenfalls von de Benoist festgehaltenen Tatsache, dass die Globalisierung letztendlich nur die Logik des Kapitalismus auf die Spitze treibt, ist die Politik der Massenimmigration die realpolitische Ausformung dieser Logik. UN-Generalsekretär Antonio Guterres hielt dies selbst in einer Rede fest:

Die Globalisierung ist asymmetrisch. Das Geld bewegt sich frei, Güter und Dienstleistungen bewegen sich mehr oder weniger frei, aber für die Bewegungsfreiheit der Menschen gibt es alle möglichen Hindernisse. Und das erzeugt viele Ungleichheiten in der Welt.“

Die Schlußfolgerung von Guterres lautet nun: Der Mensch soll in den Kreislauf von Waren eingebunden werden, nicht zuletzt um auf diese Weise billige Arbeitskräfte hin und her schieben zu können.

Kulturelle Gleichheit

Und dennoch jubeln große Teile der modernen Linken diesem Vorgang begeistert zu und wollen ihn erweitern. Geschehen kann dies, weil sich die Akteure der Globalisierung des Begriffs der Gleichheit auf eine Weise bedienen, die ihn völlig von seiner ökonomischen Bedeutung abkoppelt (und damit auch von marxistischer Theorie und den bisherigen linken Wegweisern) und ihn stattdessen auf kulturelle Aspekte bezieht.

Kultur soll als austauschbares Attribut des einzelnen Menschen verstanden werden und keinesfalls den Charakter einer Gruppenidentität annehmen. Um den Austausch von menschlicher Arbeitsleistung zu perfektionieren, soll der einzelne Mensch in der schizophrenen Situation leben, seinen traditionellen kulturellen Hintergrund nur in der Familie oder in religiösen Gruppen zu bewahren, während er zugleich als Arbeitskraft und in seinem gesellschaftlichem Auftreten der neuen Kultur der Globalisierung und des Multikulturalismus angehört.

Letztendlich soll die traditionelle Kultur aller Bürger (ob Migrant oder Einheimischer) zu einer bloßen Oberflächlichkeit verkommen, was den Begriff Multikulturalismus in mehr als einer Hinsicht zu einem zynischen Euphemismus macht. Zugleich ist die neue globale Kultur eine, die sich ausschließlich über die Negierung eigener konkreter kultureller Werte und ihrer Verbindung zur Marktwirtschaft definiert. Auf kultureller Ebene herrscht somit ein Ideal von Gleichheit bzw. Gleichförmigkeit, die der Linken als Entsprechung ihrer bisherigen Forderungen verkauft wird – bislang mit Erfolg. Alain den Benoist führt dazu aus:

Der Kapitalismus nimmt sich also vor, dort erfolgreich zu sein, wo der Kommunismus gescheitert ist – natürlich ohne die soziale Gerechtigkeit: Er will eine von einem ‚neuen Menschen’ bewohnte Welt ohne Grenzen schaffen. Dieser ‚neue Mensch’ ist aber nicht mehr der Arbeiter oder der Staatsbürger, er ist der Verbraucher ‚up to date’, der das gemeinsame Schicksal einer oberflächlichen Menschheit teilt, die ins Internet oder in den Supermarkt geht.

(Bild: Pixabay)


1 Kommentar zu “Verschobene Fronten: Die Linke und die Globalisierung

  1. Heute mal Roland Baader, das Hassobjekt der Kollektivisten:

    »Freiheit lebt und überlebt nur dort, wo sie in den Herzen der Menschen fest, tief und kompromißlos verankert ist. Man vergleiche diese Haltung, diesen Stolz des freien Mannes, mit der Einstellung jener erbärmlichen Kreatur, die heute an der Hundeleine des Wohlfahrtsstaates geht: Dieses Hausschwein der sozial- sozialistischen Massentierhaltung rackert sein halbes Leben fürs Finanzamt und für die Sozialversicherungs-Maschinerie (das heißt für einen sinnlosen Verschwendungsapparat und dessen Funktionäre), dokumentiert tagein tagaus jede seiner Regungen mit Steuerbelegen, baut sein Haus nach den Konstruktionsmerkmalen eines Karnickelstalls, um nicht aus den skalischen Vergünstigungen zu fallen, zahlt ein Drittel seines Lebenseinkommens in die Kassen von (als «Versicherungen» getarnten) Manipulationsorganisationen, läßt sich seine Tages-, Wochen- und Lebensarbeitszeit samt seinem Lohnbetrag von Syndikaten vorschreiben, läßt sich seinen Arbeitsplatz von einer Monopolbehörde vermitteln und seine Kinder in Gesamtschulen mit der Strategie «Gleichschaltung des Verdummungsgrades» versauen, ja richtet gar noch die Zahl seiner Nachkommen nach Mutterschafts- und Kindergeld, nach Steuerklasse und Bausparprämien-Zuschuß ein, hetzt seine Ehefrau in irgendein stumpfsinniges Beschäftigungsverhältnis, um mit der sozialisierten Doppelrente seine eigenen Kinder auszubeuten, steht um Almosen an, wie Wohngeld- und Heizkostenzuschuß, Weihnachtsfreibetrag und Kantinenessen-Zulage, um Kilometerpauschale, Sparprämie und Umschulungshilfe, kurz: läßt sich einen Bruchteil dessen, was man ihm genommen und was er selbst erarbeitet hat, als gnädigen Bettel zuweisen – und fühlt sich dabei auch noch als freier Mann mit aufrechter demokratischer Gesinnung.«

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