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Das Vokabular der Machtlosen

menzel_grossUnser neuer Autor Wenzel Braunfels hat gleich mit seinem ersten Beitrag eine große Debatte über den fehlenden revolutionären Geist der Konservativen entfacht. Johannes Schüller antwortete ihm gestern bereits auf seine Forderungen nach einem »revolutionären Habitus«, illegalen Hausbesetzungen und Querfront mit dem Hinweis, daß Revolutionen kein Kinderspiel seien und im Geist beginnen würden. Trotz ihrer unterschiedlichen Positionen begehen beide Autoren ein und denselben Fehler: Sie verharmlosen die Revolution.

Wenzel Braunfels degradiert die Revolution zu einem subkulturellen Klamauk. Er kann ja gerne irgendwelche Häuser besetzen und sich über einen kleinen Garten selbst versorgen, bis die Polizei kommt und ihn aus dem Haus herausprügelt. Um einmal am eigenen Leibe zu spüren, wo Repression anfängt und wohin sie im schlimmsten Fall führen könnte (in einem totalitären Staat würde man Braunfels einfach erschießen), wäre eine solche Aktion sicherlich ganz gut und hat noch keinem 20-Jährigen geschadet. Also, nur zu! Aber mit Revolution im politischen Sinne hat das alles noch nichts zu tun.

Unser Leben der Anderen

Nun zu Schüllers Position: Auf die Idee, daß Revolutionen im Geiste beginnen, kommt nur, wer vollkommen machtlos ist und nach einer Rechtfertigung sucht, warum er trotz großen Unbehagens am derzeitigen System nichts verändern kann. In einer solchen Situation der Ohnmacht, in der wir uns ja tatsächlich befinden, ist es schnell gesagt, man bereite geistig einen großen Umsturz vor, könne sich aber noch nicht aus dem Turmkeller herauswagen, weil die Erfolgsaussichten zu gering seien.

Allein eine solche reflektierende und abwägende Haltung verrät, daß der hier Sprechende sich niemals an einer Revolution beteiligen würde – auch wenn die Erfolgsaussichten bombig wären. Braunfels und Schüller verwenden das typische Vokabular der Machtlosen. Sie wissen beide, daß ihre Worte ohne politische Konsequenzen bleiben. Selbst wenn Braunfels ein Haus besetzen würde, änderte sich in Deutschland und Europa nichts. Und Schüller kann natürlich kluge Ideen für die nächste Revolution formulieren. Sobald sie ausbricht, brennt jedoch sein Positionspapier als erstes.

Revolutionen verlaufen blutig

Revolution bedeutet nämlich gerade die Ausschaltung jeglicher Reflexion. Revolution bedeutet Tat, ohne Rücksicht auf Verluste. Revolution bedeutet, daß zehn Männer voller Gier die Macht ergreifen wollen und dabei zu keinerlei Kompromissen bereit sind.

Die Frage drängt sich auf, warum wir dann überhaupt über die Revolution sprechen, wo doch die Geschichte der Moderne gezeigt hat, daß diese Umwälzungen immer mit einer Gewaltherrschaft enden? Das letzte Kapitel des neuen Büchleins von Philip Stein und mir (Junges Europa. Szenarien des Umbruchs) behandelt diese Frage unter der Überschrift »Revolution?« ausführlich. In aller Kürze:

Die herrschaftslegitimierende Rede von der Alternativlosigkeit ist heute so weit fortgeschritten, daß wir uns nicht einmal mehr vorstellen können, wo, wann und warum der kommende Aufstand stattfinden sollte. Den kommenden Aufstand und die Szenarien des Umbruchs erst einmal wieder ernsthaft zu diskutieren, ist daher ein erster Schritt auf dem Weg durch die Krise.

Stimulierende Tabubrüche

Allerdings muß uns dabei auch folgendes bewußt sein:

Es ist eine mysteriöse Eigenart des Menschen, daß bei ihm – trotz einer grundsätzlichen Ablehnung – eine unterschwellige Sympathie für Zustände der Regel- und Normenlosigkeit mitschwingt. Auch wenn der Mensch ein dauerhaftes Chaos ablehnt, so wünscht er sich doch insgeheim hin und wieder einen stimulierenden Tabubruch.

Ein »revolutionärer Habitus« taugt also maximal dazu, diesen stimulierenden Tabubruch zu liefern. Im Jungen Europa stellen wir deshalb die Unmöglichkeit einer geistigen Vorbereitung der Revolution genauso heraus wie die grundsätzliche Bereitschaft, »Chancen auf Veränderungen zu nutzen«:

Jede Revolution birgt große Gefahren, weil die Masse nicht lenkbar ist und die Führer der Revolutionen skrupellose Typen sein müssen, die sich der Gedanken ihrer Vordenker nur so lange bedienen, wie sie ins Konzept passen. Sie sind der Typus der Vollstrecker, die konsequent auf eine Regeneration oder Erneuerung des Menschen, so wie sie sich ihn modelliert haben, hinarbeiten. Der Konservative muß gegenüber dem Revolutionär deshalb immer betonen, daß der Mensch nicht beliebig formbar ist.

 

(…)

 

Wir fürchten also die Revolution, wir fürchten den Bürgerkrieg, aber wir sind so realistisch, daß wir uns aller Gefahren stellen und nicht einfach die rosarote Brille aufsetzen. Es gibt kein »Idealszenario« für die europäische Zukunft. (…) Mit der Beschreibung der »Szenarien des Umbruchs«, von denen manche friedlicher als andere sind, wollen wir dazu anregen, sich der schwierigen Situation zu stellen und jene Chancen auf Veränderungen zu nutzen, die sich bieten könnten.

Hier geht es zum Büchlein Junges Europa. Szenarien des Umbruchs.

Zum Thema »Revolution und Gegenrevolution« hat unser Autor Marco Reese hier und hier wichtige Gedanken ausformuliert.

Die Debatte hier im Weblog geht in den nächsten Tagen weiter.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

5 Kommentare zu “Das Vokabular der Machtlosen

  1. In dem Zusammenhang sind vielleicht noch die Schriften des Amerikaners Gene Sharp interessant, der sich taktisch-operative Gedanken zur Durchführung von Revolutionen unter den Bedingungen der Gegenwart gemacht hat, die u.a. während der US-unterstützten »Farbenrevolutionen« umgesetzt wurden. Die Schriften finden sich hier:
    http://www.aeinstein.org/organizationsde07.html

  2. Wir werden nicht viel mehr machen können, als die offensichtlichen Lügen zu benennen. Es soll dann jeder die Schlüsse ziehen, zu denen er noch in der Lage ist. Wir müssen die Zukunft nicht planen, sondern uns einfach der Lüge verweigern. Das wird für Veränderung sorgen. Gemeinsames Erfolgsmerkmal aller jüngst erfolgreichen Parteien (AfD, UKIP, FN usw.) ist doch, daß sie Stimmen gewinnen bei denen, die es satt haben, angelogen zu werden. Mit der Identifizierung einer Lüge ist aber über die Wahrheit noch nichts gesagt. Über die Wahrheit muß auch nichts gesagt werden. Es reicht schon, wenn der Blick auf sie nicht länger mehr durch Lügen verstellt ist. Die Grünen scheinen zur Zeit die schockierende Erfahung zu machen, daß ihre Fassade wegbröselt. Immer weniger Wähler nehmen den Grünen ab, daß sie das sind, was sie vorgeben zu sein. Die Grünen sind als Lügner (Pharisäer, Jakobiner) bereits identifiziert, ihre Überflüssigkeit in einem Parteiensystem der Lüge ist weitgehend erkannt. Vielen geht zur Zeit ein Licht auf: Es ist unerheblich, welche Lüge den Blick auf die Realität verstellt. Die Realität wiederum muß niemandem gefallen. Die Dinge sind, wie sie sind, – auch ohne uns. Entlarven wir also einfach die Lügen, wo immer uns das möglich ist.

  3. Auch wenn es in der BRD zuweilen reicht blutig zugeht, (deutscheOpfer.de zeigt ja nur einen Ausschnitt) glaube ich nicht daran, daß jemand die blutige Revolution als realistische Option ins Auge gefasst hatte. Auch mir persönlich fehlt dafür jegliche Phantasie um mir etwas in dieser Art auszumalen. Ich denke es ging darum, daß WIR ( alleine das schon ein Wort über das man wieder jahrelang streiten könnte) einfach viel zu wenige sind. Ein Tatsache die man kaum leugnen kann. Zu wenige da man als unattraktiv wahrgenommen wird, falls man überhaupt wahrgenommen wird.

    Eine Kriegserklärung an die 68ér ist ja toll, wenn man allerdings keine Truppen hat, um einen Krieg zu führen, dann wirkt es schnell lächerlich! Egal ob im intellektuellen, kreativen oder aktivistischen Bereich, überall stößt man aufgrund des fehlenden Potentials schnell an seine Grenzen. Erfolg ist sexy, Verlierer sind es nicht. Johannes Schüller hat völlig recht, wenn er sagt; die südeuropäischen Verhältnisse kann man nicht mit hiesigen vergleichen und CPI ist nicht zu kopieren. Doch auch nachdem man das Phänomen CPI jetzt schon seit Jahren beobachtet, als Ergebnis ist immer noch kein gangbarer, deutscher Weg dabei herum gekommen.

    Ich kann heutzutage doch kaum auf einen 16jährigen sauer sein, der sich bei den Osmanen wie ein Eunuch einschleimt und hofft unterhalb ihres Radars sein kleines Leben relativ unbeschadet weiter zu leben. Wenn die einzige Alternative eine zahnlose und impotente aber dafür ethnisch reine deutsche Gruppe ist, die 3 Wochen braucht um 10 Mann zu mobilisieren.
    Alle Theoriebildung und all die Texte bleiben wirkungslos, wenn es nicht gelingt mehr Leute zu begeistern, doch mit all dem, was man bisher getan hat, ist es nicht gelungen. Das war für mich die Kernaussage in dem Debattebeitrag von Wenzel Braunfels. Man möge mich korrigieren, wenn ich etwas falsch verstanden habe.

  4. So einfach kommen Sie damit nicht weg, Herr Erdinger. Sich der Lüge zu verweigern heißt schlicht Kapitulation. In jedem Fall sollte Zukunft geplant sein. Und das vernünftig. Und wenn ich vernünftig sage, meine ich VERNÜNFTIG. Das kann die Parteipolitik nicht leisten. Trotz Geldhaufen den Klauen.

  5. …«in den Klauen« sollte es heißen. Diese unverbesserlichen Lapsuse sind zum Hühnermelken. Ich brauche einen Lektor.

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