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Walter Benjamin und der Verfall

Der Konservative Revolutionär unter den Marxisten, Walter Benjamin, schrieb 1928 in Einbahnstraße über den Verfall:

Verfall ist um nichts weniger stabil, um nichts wunderbarer als Aufstieg. Nur eine Rechnung, die im Untergange die einzige ratio des gegenwärtigen Zustandes zu finden sich eingesteht, käme von dem erschlaffenden Staunen über das alltäglich sich Wiederholende dazu, die Erscheinungen des Verfalls als das schlechthin Stabile und einzig das Rettende als ein fast ans Wunderbare und Unbegreifliche grenzendes Außerordentliches zu gewärtigen.

Benjamin spricht hier einen ganz wichtigen Punkt an. Es nützt nichts, sich in auch noch so aggressiver Sprache mit den immer gleichen Problemen der Gegenwart abzumühen. Wie oft haben wir nicht schon über die demographische Katastrophe, die Überfremdung, die EUdSSR und die Dekadenz gejammert? Und wie oft hört man die Leute sich aus genau diesen völlig nachvollziehbaren Gründen echauffieren, nun endlich müsse doch eine Partei entstehen, die diese Übel an der Wurzel anpackt? Schließlich gehe es um unsere Existenz. Die Gesellschaft zerbröckelt doch an allen Ecken und Enden. Deshalb muß doch jetzt der Zeitpunkt für den erfolgreichen Gegenschlag gekommen sein.

Diese Hoffnungen verkennen die von Benjamin betonte Stabilität des Verfalls total. Diese Lage ist dennoch kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Benjamin sagt sinngemäß: Klagt nicht! Verhaltet euch angemessen!

Dieser geforderte Zustand angespanntester klagloser Aufmerksamkeit aber könnte, da wir in einem geheimnisvollen Kontakt mit den uns belagernden Gewalten stehen, das Wunder wirklich herbeiführen. Dahingegen wird die Erwartung, daß es nicht mehr so weitergehen könne, eines Tages sich darüber belehrt finden, daß es für das Leiden des einzelnen wie der Gemeinschaften nur eine Grenze, über die hinaus es nicht mehr weiter geht, gibt: die Vernichtung.

Damit sind Phrasen wie »Die Lage ist noch nicht schlimm genug« und »Der Leidensdruck muß noch größer sein« erledigt.

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1 Kommentar zu “Walter Benjamin und der Verfall

  1. Interessanter Autor, danke für den Hinweis!

    »Schließlich gehe es um unsere Existenz. Die Gesellschaft zerbröckelt doch an allen Ecken und Enden.«

    Wo denn?
    Eins ist klar: wenn es den Menschen schlecht geht, dann werden sie aufstehen (in manchen Fällen auch, wenn es ihnen zu gut geht).

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