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Welche Theorien braucht die Gegenwart?

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in seiner Berliner Rede zur Freiheit im April ausgeführt (diese liegt inzwischen schriftlich vor: Streß und Freiheit), daß eine Gesellschaftstheorie heute nur noch sinnvoll sei, wenn sie als eine »Theorie unwahrscheinlicher Größkörper« oder eine »soziale Physik vernetzter Agenturen« gedacht wird:

Die Theorie der Großkörper bildet ein Kompositum aus Streßtheorie, Medientheorie, Kredittheorie, Organisationstheorie und Netzwerktheorie. (…) Nach meiner Auffassung sind die politischen Großkörper, die wir Gesellschaften nennen, in erster Linie als streß-integrierte Kraftfelder zu begreifen, genauer als selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme. Diese haben Bestand nur in dem Maß, wie es ihnen gelingt, durch den Wechsel der Tages- und Jahresthemen hindurch ihren spezifischen Unruhe-Tonus zu halten. Aus dieser Sicht ist eine Nation ein Kollektiv, dem es gelingt, gemeinsam Unruhe zu bewahren.

Für die deutsche Nation bedeutet diese minimalistische Sichtweise:

Solange ein Kollektiv sich über die Vorstellung, daß es sich abschafft, bis zur Weißglut erregen kann, hat es seinen Vitalitätstest bestanden.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

2 Kommentare zu “Welche Theorien braucht die Gegenwart?

  1. Nils Wegner

    Richtig. Deswegen ist es ja auch gar nicht bis zur Weißglut gekommen. Zumindest noch nicht – aber darin, mediale Ablenkung in Form irgendwie gearteter »Katastrophen« aus dem Hut zu zaubern, ist man hier ja geübt.

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