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WELT gräbt in der Mottenkiste und findet »rechtsextreme Bestrebungen« im Präteritum – Die wahre Geschichte

Florian Hanauer und André Zand-Vakili von der WELT berichteten gestern über Außenseiter, die es dank des neuen, komplizierten Wahlrechts in die Hamburger Bürgerschaft geschafft haben. Darunter ist auch Nikolaus Haufler.

Haufler ist in der CDU nicht unumstritten. 2008 sorgte er für Schlagzeilen, weil er damals in seiner Eigenschaft als Chef der Jungen Union (JU) Mitte den Mitbegründer der vom Verfassungsschutz wegen rechtsextremer Bestrebungen beobachteten »Pennalen Burschenschaft Theodor Körner«, Felix Menzel, als Referenten eingeladen hatte.

Nun wissen wir natürlich alle nicht, was der Verfassungsschutz wirklich macht und wen er beobachtet. Zu meiner Person und der Blauen Narzisse heißt es ganz offiziell, wir seien kein Beobachtungsgegenstand. Was ist aber nun mit dieser pennalen Burschenschaft, die Schulfreunde und ich am 9. November 2002 gründeten? In diesem Artikel habe ich von der Verfolgung an der Schule, die nach der Gründung unverzüglich einsetzte, berichtet. Diese angebliche Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu jener Zeit haben wir damals durch eine »Kleine Anfrage« im Landtag erfahren. Ich zitiere aus dem bereits verlinkten Artikel:

Zwei Jahre nach den geschilderten Vorfällen las ich bestürzt in einer „Kleinen Anfrage“ des SPD-Landtagsabgeordneten Johannes Gerlich vom 23. März 2005 die Antworten des damaligen sächsischen Innenministers Dr. Thomas de Maiziere:

„Die Mitglieder der Burschenschaften wurden von Anfang an sowohl von Lehrkräften als auch seitens der Schülerschaft des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums aufmerksam beobachtet. Im Gemeinschaftskundeunterricht wurde u. a. auch über Burschenschaften im Zusammenhang mit rechtsextremistischem Gedankengut gesprochen.

Von den Schulleitungen wurde übereinstimmend mitgeteilt, dass die der Burschenschaft angehörenden Schüler bei Diskussionen, z.B. im Leistungskurs Geschichte, zu Themen mit rechtsextremistischen Hintergrund keine Auffälligkeiten zeigen. Es gab bisher keine rechtsextremen oder nationalistischen Äußerungen im Unterricht.“

Meine Äußerungen im Geschichtsunterricht und die meiner Freunde wurden offensichtlich an den Verfassungsschutz weitergeleitet und untersucht. Zynisch könnte ich mich bei meinem ehemaligen Geschichtslehrer Herrn Behrendt bedanken für die genaue Prüfung meiner Aussagen, doch dies wäre ungerecht, denn sicher ist er nur ein kleines Rad in diesem Getriebe. Ich hoffe für ihn, daß er sich den Dienst wenigstens vernünftig bezahlen läßt, denn Demokratieunterricht in dieser Form ist großartig, wirkungsvoll und einprägsam für das weitere Leben.

Bei der Prüfung meines Gedankengutes durch den Verfassungsschutz, der anscheinend meine Geschichtsklausuren studiert hat, ist also herausgekommen, daß es »keine Auffälligkeiten« gibt. Die WELT macht daraus eine Beobachtung und verurteilt mich damit für etwas, wovon ich freigesprochen wurde. So läuft das in dieser Mediendemokratie.

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

4 Kommentare zu “WELT gräbt in der Mottenkiste und findet »rechtsextreme Bestrebungen« im Präteritum – Die wahre Geschichte

  1. Zum Kotzen, aber wahr.

  2. Ach, die guten alten Zeiten!

  3. Nils Wegner

    Tja, derartige »gelebte Demokratie« kennen ja so einige von uns. Gelobt sei, was hart macht.

    »Dabei ist leicht zu sehen: Die Presse lügt!
    Über jeden, der sich dem ›System‹ nicht gleich fügt…«

  4. Endstation Landwehrkanal

    Erinnert mich an meine Lehr- und Abiturzeit 1989. Ich erzählte allen Klassenkameraden, die es hören wollten ganz unverkrampft von meinen Aktivitäten in der kirchlichen Umweltbewegung, sammelte Unterschriften für eine Greenpeace-Initiative und schrieb eine »Eingabe« an Honnecker. Dann gab es »Zuführungen zur Klärung eines Sachverhaltes« bei der Stasi, meine Klassenkamaraden und Lehrer mußten Dossiers über mich schreiben, ein Aufsatz im Fach »Sozialistisches Recht« wurde »einbehalten«. Am 1. Schultag nach den Sommerferien gab warf ich zwei Kündigungsschreiben in die Briefkästen der FDJ und DSF*-Büros in meiner Schule, zwei Wochen später wurde ich (in der 13. Klasse) aus der Abiturklasse geschmissen, die Lehre durfte ich im untergehenden Arbeiter- u. Bauernstaat noch abschließen. Berlinverbot, Stasiverhöre usw. – ein paar Wochen später brach das Regime zusammen.

    DSF* = Deutsch-Sowjetische Freundschaft, für Jugendliche obligatorische Massenorganisation der DDR-Zeit

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