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Wie geht es mit dem Rilke-Preis weiter?

Es handelte sich um das größte Projekt, das wir bis dato angepackt haben: Der Rainer-Maria-Rilke-Jugendkulturpreis hat uns fast ein Jahr lang viel Arbeit gekostet, die sich aber mehr als gelohnt hat. Unsere anfänglichen Ambitionen wurden bald weit übertroffen. Zuerst gingen wir davon aus, mit dem Preis etwa 30 jugendliche Dichter und Kulturschaffende anzusprechen und hofften, daß dabei eine Handvoll guter Arbeiten dabei ist, die wir in einer Sonderausgabe der Blauen Narzisse abdrucken wollten. Doch schon wenige Wochen nach dem Start des Jugendkulturpreises hatten sich mehr als diese 30 Jugendlichen beworben. Am Ende sollten uns 170 Einsendungen vorliegen und wir waren von der ansprechenden Qualität begeistert. Im Gegensatz etwa zu den in Deutschland beliebten poetry slams zeichneten sich die meisten Gedichte, Kurzgeschichten und Bilder durch deutlich mehr Ernst und Tiefgang aus.

Es kam für uns noch besser: Ein Verlag fand sich, der die Gewinnerbeiträge des Rilke-Preises in einem Buch zusammenfassen wollte. Wir haben daraufhin mit Hochdruck zum einen an der Auswahl der besten Einsendungen und zum anderen an begleitenden, journalistischen Artikeln gearbeitet. So enthält das Buch Erste Worte nach dem Gedankenstrich. Beiträge zum Rilke-Preis nicht nur Werke von jungen, aufstrebenden Kulturschaffenden, sondern bietet auch allerhand Neues zu Rilke, Lyrik, Kunst und Kultur.

Im März haben wir unser Rilke-Buch sowie die Gewinner auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Wir konnten dafür den Leipziger Literaturverlag als Partner gewinnen, der sich jedoch kurze Zeit später von uns distanzierte und allen Ernstes behauptete, Rilke sei kein deutscher Dichter. Dies macht deutlich, wie schlecht es um deutsche Kultur heutzutage bestellt ist. Wir sind an einem Punkt, wo diese – wie in diesem Fall – schlichtweg geleugnet wird. Aber auch Patrioten, die solcherlei Absurditäten mit absolut gerechtfertigtem Hohn entgegentreten, sowie sogenannte »Kulturkonservative« steuern am eigentlichen Problem vorbei, weil sie nicht begreifen wollen, daß die Zeit vorbei ist, in der man Ernst Jünger gegen einen Bert Brecht in Stellung zu bringen braucht.

Es geht mittlerweile um eine viel grundlegendere Bedrohung, aufgrund der sich jegliche Ideologisierung von Kunst und Kultur verbietet: Wollen wir, daß deutsche Kultur fortbesteht oder nicht? Wenn wir dies bejahen – und ich hoffe, daß viele unserer Leser dies tun –, müssen wir die Traditionen unserer Kultur fortschreiben und dabei jegliches infantile Lagerdenken über Bord werfen. Um bei den gewählten Beispielen zu bleiben: Ernst Jünger verdient genauso wie Rilke und genauso wie Bert Brecht im Gedächtnis der Deutschen gehalten zu werden. Und alle drei bieten genug Stoffe, an die sich positiv anknüpfen läßt. Wer dies nicht begreift und sich stattdessen irgendwelche politischen Inhalte von Literatur oder Kunst wünscht, sorgt nur dafür, daß die skizzierte Bedrohung noch größer wird, indem er das zeitlose Wesen von Kunst verkennt.

Unser Rilke-Buch beweist dabei, daß trotz dieser grundsätzlichen Einstellung eine »politische Kunst« seinen Platz haben muß. Nur darf es nicht ihre Aufgabe sein, einen Kommentar zum Tagesgeschehen abzusondern. Vielmehr kann über eine »politische Kunst« eine neue handlungs- und aktionsorientierte Ethik vorgedacht und exerziert werden. Mehr zu dieser Frage in unserem Buch.

Nun muß ich sagen, daß ich mit der Außenwirkung des Preises und Buches vollkommen zufrieden bin und diese für eine Fortsetzung des Projekts spricht. Eines ist mir dabei bereits auch klar: Wenn wir den Rilke-Preis ein weiteres Mal ausschreiben, dann wird er vollkommen von der Blauen Narzisse losgelöst und erhält somit auch eine eigene Internetseite. Damit würden wir deutlich machen, daß es uns in keinem Fall um eine Vereinnahmung von irgendetwas oder irgendjemand geht. Der Rilke-Preis soll auf eigenen Beinen stehen und im besten Fall finden sich noch weitere Partner, mit denen wir den Preis gemeinsam ausrichten können.

Es spricht aber auch einiges gegen eine Fortführung: Bereits von Anfang an vermuteten wir, daß im eigenen nationalen, konservativen Lager (und damit unserer Stammleserschaft) dem Rilke-Preis wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wir schrieben damals:

Kunst und Kultur bilden eine Leerstelle innerhalb der patriotischen Bewegung in Deutschland. Das ist ein absolutes Unding! Im Gegensatz dazu erfreuen sich Spekulationen um den idealen Verlauf von „Operation Barbarossa“, das Parteiengezänk oder aber der neueste Stand der Börsenpapiere eines stetigen Interesses. Das muss anders werden! Deshalb möchten wir 2010 den Rainer-Maria-Rilke-Jugendkultur-Preis ins Leben rufen. (…)

Wir müssen diesen Vorstoß wagen, um von der selbstreferentiellen Bauchnabelschau unseres Milieus loszukommen.

Heute würde ich diese kritischen Worte noch zuspitzen. Die Bauchnabelschau von Nationalen bzw. Konservativen ist dafür verantwortlich, daß sie ihre kulturellen Aufgaben vollkommen aus den Augen verlieren und somit an ihrer Abschaffung mitwirken. Ganz ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob es machbar und sinnvoll ist, den Rilke-Preis noch einmal auszurichten, wenn das Desinteresse derjenigen, die gern vollmundig erklären, die deutsche Kultur sei ihnen eine Herzensangelegenheit, so unglaublich groß ist. Selbstverständlich soll der Preis in erster Linie junge Kulturschaffende ansprechen und das gelingt, aber wo ist die Basis für dieses Projekt, das viel Geld und Zeit verschlingt? Allgemeiner: Wer will heute schon an deutsche Kultur anknüpfen und redet nicht nur drüber, sondern trägt auch irgendeinen kleinen Teil dazu bei?

Felix Menzel (Hg.)
Erste Worte nach dem Gedankenstrich
Beiträge zum Rilke-Preis

1. Auflage 2011 (erschienen am 19. März 2011)
Gerhard Hess Verlag
ISBN 978-3-87336-370-0
Hardcover, 144 Seiten inkl. 4 Seiten farbiger Bildteil
16,80 Euro (+ 1,50 Euro Versand bei Bestellung über Blaue Narzisse)

Bestellung hier über das Kontaktformular möglich! (Alternative: Einfache Nachricht unter Angabe der Adresse an blauenarzisse@gmx.de)

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

1 Kommentar zu “Wie geht es mit dem Rilke-Preis weiter?

  1. Warum gebt ihr als Leseprobe eigentlich ein Interview mit einem Professor? Besser wäre eines der Beiträge der Schreiberlinge.

    Ansonsten:
    »Wer will heute schon an deutsche Kultur anknüpfen und redet nicht nur drüber, sondern trägt auch irgendeinen kleinen Teil dazu bei?
    16,80 Euro (+ 1,50 Euro Versand bei Bestellung über Blaue Narzisse)«

    Eine pathetischere, peinlichere Kaufaufforderung ist euch nicht eingefallen?

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