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Wiedergeburt mitten im Verfall

Wie soll das eigentlich funktionieren, in einer Phase des Verfalls einen geistigen Aufschwung hinzubekommen, der zunächst von wenigen ausgeht und später eine ganze Generation erfaßt? Noch dazu, wenn es nicht darum gehen soll, einer neuen Utopie hinterher zu rennen, sondern an eine alte, bessere Tradition anzuknüpfen?

Im Kern geht es bei dieser Frage um die Erfolgsaussichten einer Konservativen Revolution. Zur Beantwortung dieser Frage hilft es aus meiner Sicht sehr weiter, einen Blick auf die Epoche der Renaissance zu werfen. Der Historiker Peter Burke hat in seinem kleinen Büchlein Die Renaissance sehr anschaulich beschrieben, welche Grundbedingungen es zur positiven Überformung einer vergangenen Zeit (in diesem Fall der römischen Antike) geben muß.

Die Betrachtung der Vergangenheit darf in diesem Fall nicht rein rational sein. Ziel muß es selbstverständlich sein, mit den Mitteln der Literatur, Kunst und Geschichtsschreibung einen Mythos zu stiften. Anfänglich reiche es dabei vollkommen aus, die vergangene Kultur lediglich zu imitieren. Dieses Imitieren wird automatisch von der Gegenwart überformt, weil die Quellenlage niemals eindeutig ist und die Interpreten im »Hier & Jetzt« leben. Der schmale Grat von der Nostalgie zur konstruktiven Konservativen Kulturrevolution wird dann beschritten, wenn die Abstraktion gelinge, die »Imitation antiker Formvorgaben zugunsten eines Ideals« aufzugeben, »dem es vor allem um die Einhaltung der in den klassischen Vorlagen verwirklichten ›Regeln‹ ging«.

Burke beschreibt, wie sich in der Renaissance auf diesem Weg aus dem Spätmittelalter heraus eine »subversive Bewegung« aufmachte, die herrschende Kultur zu prägen.

Im vierzehnten Jahrhundert handelte es sich noch um eine Handvoll Enthusiasten, die sich in wachsendem Maß für die klassische Vergangenheit interessierte. Der bekannteste unter ihnen, Petrarca, weit davon entfernt, »einer der ersten wahrhaft modernen Menschen« zu sein, gehörte nach wie vor zur Kultur des Spätmittelalters, auch wenn er einige Aspekte dieser Tradition ablehnte. Bis zum sechzehnten Jahrhundert jedoch hatte die Erfindung des Buchdrucks die raschere Ausbreitung von Ideen und andere intellektuelle Veränderungen soweit erleichtert, daß die antike Kultur in größerem Umfang angeeignet worden und die kleine Gruppe von Enthusiasten erheblich angewachsen war. Zu den Anhängern der neuen Bewegung gehörte nun eine ganze Anzahl von Lehrern, und so war es möglich geworden, daß man schon auf der Schule mit den neuen Ideen und Idealen bekannt gemacht wurde. Unter Adligen kam es in Mode, wie in Castigliones Hofmann über die Ideen Platons zu diskutieren, klassische Statuen zu sammeln, sich porträtieren zu lassen oder seine Stadthäuser und Landvillen im »alten« Stil zu bauen.

(Bild: Sandro Botticelli: Die Verleumdung des Apelles)

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3 Kommentare zu “Wiedergeburt mitten im Verfall

  1. Gardeleutnant

    Danke für diesen interessanten Ansatz. Über Stil und Aneignung des Alten einen Bewußtseinswandel erwirken, der die Eliten ergreift und mittelbar dann auf die ganze Gesellschaft wirkt, ist es ja, was die klügeren Vertreter der herrschenden Ansichten der Rechten als bereits halb durchgeführten Plan zu unterstellen scheinen, wenn, verkürzt gesagt, Manufactum- und Landlust-Kultur sowie Henkel, Hankel, Hahne und letztlich Sarrazin mit Kubitschek & Co. in einen Topf geworfen werden. Die berühmte »Scharnierfunktion«.

    Der große Unterschied zu damals: wie Du richtig sagst, wurde es schick, über Platon zu diskutieren, außerdem beauftragte man fähige, ja geniale Künstler mit der Abbildung allegorischer Darstellungen aus Mythos und Geschichte etc. Es gab also offensichtlich wenn nicht eine breite verfeinerte Bildung in den herrschenden Eliten, so doch die Fähigkeit, das Wahre und Schöne als richtig und gut (an)zu erkennen. Das war die Voraussetzung zur Hebung des geistigen und sittlichen Niveaus durch eine (sicherlich nicht selten eher interpretierend-imaginative) Antikenrezeption in der Renaissance. Aber heute? Heute weiß »man«, daß Goethe irgendwie wichtig ist, aber Sartre ist ja irgendwie auch wichtig, nicht wahr? Botticelli ist so »schön« und »interessant« wie Rothko und Pollock. Dieser durch das Eintreten der Eliten in die Massengesellschaft mit ihrer Massenkunst entstandene Relativismus verunmöglicht es den meisten, am authentisch Schönen, Reinen und Wahren zu lernen.

    Insofern sehe ich in Deinem Artikel das gleiche Problem wie damals bei Stahls Artikel in der Sezession #44 – es sind schöne und richtige Gedanken, die angesprochen werden, aber es fehlt den entscheidenden Kulturträgern inzwischen das Verständnis für die Grundlagen dessen, was zur Umsetzung nötig wäre. Mit Geschmacksunsicherheit der Masse kann man leben, sie ist wohl unvermeidbar. Aber die innere Lösung (nicht Abkehr!) der Fähigen, Klugen und Empfindsamen von dem, was unsere Kultur im Kern ausmacht, erscheint mit unhintergehbar.

    Widerspruch erbeten.

  2. Lieber Gardeleutnant,

    ich habe auf diesen Einwand gewartet und wußte, daß er kommt. Meine Antwort: Es braucht sowohl die Veränderung der Kultur als auch kalte Machtpolitik, um in unseren heutigen Zeiten etwas zu bewegen.

    Ich bin Prof. Stahl sehr dankbar für seine wichtigen Schilderungen der Antike. Aber das (und Kultur- bzw. Bildungsarbeit im weiten Sinne) reicht nicht für eine Zeitenwende. Selbstverständlich braucht es jemand, der sich die Finger so richtig schmutzig macht.

    Aber um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Ich kann und werde nicht derjenige sein, der geeignet ist, diese Machtpolitik umzusetzen. Derzeit sehe ich in Deutschland auch niemand, der dazu in der Lage wäre. Für die Politik, die heute leider notwendig wäre, sind wir alle viel zu weich.

  3. Ja wann kommt denn nun endlich der vom Weltgeist beseelte Zampano? Ich hab nämlich auch nicht unbedingt die Eier für ethnische Säuberungen.

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