Anstoß

Wir haben gesät, was die AfD heute ernten kann.

Als die Blaue Narzisse im Jahre 2004 gegründet wurde, konnte von einer freiheitlich-patriotischen Kultur in Deutschland kaum die Rede sein. Zahllose Projekte versandeten, vielerorts Anlaufe ins Nichts. Zwischen der CDU und einer extremistischen Subkultur mit NS-Fetisch lag Brachland – politisch, kulturell und publizistisch.

Ein linksgrüner Biedermeier hielt das Land fest im Griff. Die Gründung der Alternative sollte noch neun Jahre auf sich warten lassen. Deutschland war noch nicht so weit; und dennoch nahmen die Autoren der Blauen Narzisse die Feder zur Hand. Ein Gespräch mit BN-Gründer Felix Menzel über die zurückliegende, aufregende Zeit sowie ein Blick nach vorn.

BlaueNarzisse.de: Felix, woher nahmst du Anno 2004 die Zuversicht, ein nonkonformes Medienprojekt im »politischen Brachland« anzusiedeln und hättest du damals gedacht, daß es die Blaue Narzisse auch 15 Jahre später noch geben würde?

Felix Menzel: Es war ja damals so, daß wir lediglich eine stadtweite, kulturelle Schülerzeitung aufbauen wollten – und zwar, weil uns der Stumpfsinn in den anderen Zeitungen mit ihrer Zurschaustellung dümmlicher Lehrerzitate auf den Keks ging.

Außerdem waren wir wohl alle in einer romantisch-schwärmerischen Phase. Wir waren begeistert von Theodor Körner, Eichendorff, Caspar David Friedrich, den Lebensreformern und Wandervögeln. Zugleich widerte uns der RTL-Zeitgeist an. Eine politische Stoßrichtung hatte die Blaue Narzisse vor 15 Jahren noch nicht. In der ersten Ausgabe findet sich kein einziger politischer Artikel. Das sollte eigentlich auch so bleiben, aber nachdem einige Direktoren meinten, unsere Meinungsfreiheit einschränken zu müssen, blieb uns keine andere Wahl: Wir mussten politisch werden und unsere Grundrechte gegen alte SED-Seilschaften verteidigen.

In 15 Jahren wurden mehrere Schüler- und Studentengenerationen durch die Bildungsinstitutionen geschleust. Welchen Erfolg hatte die Blaue Narzisse, in diese Zielgruppe zu stoßen und blieb ihre Reichweite nicht größtenteils auf Sachsen beschränkt? Ist die Blaue Narzisse ein »sächsisches Phänomen«?

Ich verstehe, daß diese Frage im Jahr 2019 naheliegt, weil Sachsen seit PEGIDA als Hochburg der patriotischen Gegenöffentlichkeit gilt. Trotzdem war die Blaue Narzisse so erfolgreich, weil wir uns gerade nicht auf Sachsen beschränkten. Der entscheidende Schritt dazu erfolgte 2006, als wir anfingen, unser Onlinemagazin aufzubauen. Es schlossen sich uns damals viele junge Autoren aus ganz Deutschland und sogar Österreich an, die nach einem nonkonformen Medium für Nachwuchsjournalisten gesucht hatten.

Diese „Marktlücke“ erkannt zu haben, brachte den Durchbruch. Auch wenn wir aus Sicherheitsgründen nicht alles davon öffentlich machten, führten wir z.B. auch in Bochum und Göttingen Autorenseminare durch. Heute ist es so, daß hauptsächlich Schüler und Studenten für uns schreiben, die nicht in Sachsen wohnen.

Was aber stimmt: Unsere frühere Kerntruppe ist noch immer fest in Sachsen verankert und wir finden im Raum Dresden ein sensationelles Umfeld von Freunden, Förderern und Unterstützern vor.

Die Blaue Narzisse gilt als publizistische Talentschmiede für junge patriotische Nachwuchsautoren. Die Autorenschaft setzt sich überwiegend aus Studenten, aber auch aus Schülern zusammen. Einmalig in Deutschland ist die Reihe BN-Anstoß, in der junge Autoren umfangreichere Essays publizieren können. Stellt sich die Frage: Wie nachhaltig ist diese Förderung? Welche Bilanz ziehst du nach 15 Jahren?

Es ist uns viel mehr gelungen, als wir jemals auch nur erträumen konnten. Wir haben gesät, was die AfD heute in Form von Mandaten ernten kann. Wir haben einige hundert Autoren ausgebildet und betreut, von denen einige inzwischen für renommierte Zeitschriften schreiben dürfen, einige im Bundestag arbeiten und einige an führender Stelle der patriotischen Gegenöffentlichkeit wirken.

Und wir haben inhaltliche Spuren hinterlassen. Wer für die Blaue Narzisse schreibt, ist eben gerade kein Parteisoldat oder unreflektierter Aktivist, der hofft, die Welt würde sich allein durch Demonstrationen ändern, sondern ein Kritiker im besten Sinne. Obwohl wir die Europäische Union ablehnen, wurde aus unserem Kreise sehr früh die Vision eines wehrhaften Europas entwickelt, denn Deutschland kann nicht dadurch geholfen werden, daß wir illegale Migranten nach Österreich oder Italien zurückschieben. Wir brauchen eine Festung Europa. Das war für viele von uns immer eine Selbstverständlichkeit.

Eine gewisse Ernüchterung will ich trotzdem nicht verschweigen: Politiker – auch der patriotischen AfD – lesen viel zu wenig. Das, was sie über politische Theorie wissen, ist häufig geradezu erbärmlich. Das führt dazu, daß sie sich mit oberflächlichen Korrekturen wie mehr Personal für Polizei, Schulen und Krankenhäuser begnügen, aber bei komplexen Themen wie Ökonomie und Ökologie auf ganzer Linie scheitern. Aus diesem Grund haben wir mit Recherche Dresden im letzten Jahr eine Denkfabrik für Wirtschaftskultur errichtet. Das Lesen und die intellektuelle Durchdringung können wir den Abgeordneten trotzdem nicht abnehmen, sondern nur erleichtern.

Anfang 2015 nahmen 300 junge Dichter und Künstler am Jugendkulturpreis der Blauen Narzisse teil. Eigentlich ein großer Erfolg. Doch dann werden die Medien aufmerksam. Die Skandalisierungsmaschinere läuft an. Distanzierungen werden gefordert. Um ihre Haut zu retten, springen die Sieger des Jugendkulturpreises schließlich ab. Was sagst du jungen Menschen, die gerne für die Blaue Narzisse schreiben würden, aber den Druck von außen scheuen?

Zunächst mal eine Klarstellung, weil bestimmte Medien darüber bis heute fehlerhaft berichten: Michel Houellebecq hat uns nie verklagt und uns das auch nie direkt angedroht. Die Berichterstattung darüber schüchterte allerdings sehr wohl die besten Teilnehmer unseres Kulturwettbewerbes ein. Beim Novalis-Preis 2018/19 haben wir deshalb auf öffentliche Bekanntmachungen fast vollständig verzichtet.

Beim Onlinemagazin ist das natürlich etwas anderes. Hier wünsche ich mir, daß jeder Autor den Mut besitzt, unter Klarnamen zu schreiben und das machen auch fast alle. Die Angst vor Nachteilen im Freundeskreis und Berufsleben kann ich niemandem nehmen, nur sagen: Aus den Redakteuren und Autoren der ersten Stunde ist etwas geworden. Ich kenne niemanden, der da arbeitslos ist. Alle können ihre Familie ernähren – der eine als Rechtsanwalt, der andere als Lehrer und ich eben als freier Publizist und Berater.

Es ist unangenehm, an der Uni denunziert zu werden. Ich habe das selbst erlebt. Es war auch unangenehm, als die Antifa immer wieder unser Büro in Dresden angegriffen hat. Aber sollten wir deshalb unsere Freiheit aufgeben? Nein, niemals!

2013: AfD-Gründung, 2014: PEGIDA spaziert, 2015: Masseneinwanderung aus Afrika und Syrien, 2016-2019: AfD zieht in alle Landtage ein, ist im Osten stärkste Kraft, während sich der Bürgerprotest auf der Straße verfestigt. Die politische Landschaft in Deutschland hat sich mittlerweile grundlegend verändert. War das patriotische Lager 2004 noch ein kleiner Scherbenhaufen, ist es 2019 ein kräftig strahlendes Mosaik. Und die Blaue Narzisse? Mittlerweile werden keine Druckausgaben mehr herausgegeben. Seit 2017 ist kein BN-Anstoß-Band mehr erschienen. Ging der patriotisch-freiheitlich Aufbruch an der Blauen Narzisse vorbei? Wie sehen die Zukunftsperspektiven der Blauen Narzisse aus?

Wir haben nach der Bundestagswahl 2017 eine Strategiedebatte veröffentlicht, die viele Antworten auf diese Fragen bereithält. Wir standen damals vor der Entscheidung: Machen wir einfach so weiter wie bisher oder wagen wir aufgrund der neuen Konstellation ein neues Projekt, mit dem wir neues Gelände besetzen können?

Noch etwas zugespitzter formuliert: Braucht die patriotische Gegenöffentlichkeit wirklich das zehnte Buch über den Gender-Gaga oder eine Institution, die sich um ihre Schwachstellen kümmert? Obwohl sich leider Bücher über schon tausendmal behandelte Themen wie Gender-Gaga erschreckend gut verkaufen, haben wir uns für den schwierigen Weg entschieden, unseren Verein umbenannt und Recherche Dresden als zusätzliches Projekt aufgebaut.

Nach drei Studien und sechs Ausgaben von Recherche D bin ich sehr zufrieden mit dieser Neuausrichtung. Als Blaue Narzisse wäre es uns nicht gelungen, Hochkaräter wie Helge Peukert, Reinhard Sprenger, Markus Krall, Jörg Meuthen, Daniel Stelter, Gunnar Beck, Marcus Hernig und Gregor Gysi für ein Interview zu gewinnen.

Zur Zukunft kann ich noch nicht sehr viel sagen, da wir erst nach dem 1. September analysieren werden, was machbar ist, welche Schwerpunkte wir setzen wollen et cetera. Nur so viel: Die Blaue Narzisse wird ein Magazin von jungen Leuten für junge Leute bleiben. Ich bin froh, daß sich seit 15 Jahren immer wieder neue Schüler und Studenten finden, die unser Magazin mit Leben füllen. Diese Nachwuchsarbeit halte ich für sehr wertvoll und ihr fühle ich mich weiterhin verpflichtet.

Vielen Dank für das Gespräch!

ZUR PERSON: Felix Menzel (33), stammt aus Karl-Marx-Stadt bzw. Chemnitz und baute dort ab 2004 die Blaue Narzisse auf. Von 2005 bis 2010 studierte er Medien- und Kommunikationswissenschaften, BWL und Politik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Nach seinem Abschluß machte er sich als freier Publizist und Berater selbständig. Inzwischen lebt der verheiratete Familienvater von drei Töchtern in Meißen. Letztes Buch: Alternative Politik. Ein ganzheitlicher Ansatz. Chemnitz 2017.

Unser gemeinnütziger Verein Journalismus und Wissenschaft, BlaueNarzisse.de und Recherche Dresden können nur mit Ihrer Hilfe existieren! Bitte unterstützen Sie uns deshalb!

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2 Kommentare zu “Wir haben gesät, was die AfD heute ernten kann.

  1. Kulturrevolution von rechts

    „ … vielerorts Anlaufe ins Nichts. Zwischen der CDU und einer extremistischen Subkultur mit NS-Fetisch lag Brachland – politisch, kulturell und publizistisch.“ („Wir haben gesät, was die AfD heute ernten kann.“ BN-Redaktion, 22. August 2019)

    In den Neunziger Jahren gab es eine subkulturelle Zeitschrift aus Dresden namens Sigill (später in Zinnober umbenannt), die sich als konservativ verstand und in der Beiträge bzw. Aufsätze u.a. über das amerikanische Musikprojekt Blood Axis („The Gospel of Inhumanity“ 1995), aber auch über Schriftsteller wie Gabriele D´Annunzio (1863-1938), Yukio Mishima (1925-1970), Julius Evola (1898-1974) und Ernst Jünger (1895-1998) erschienen. Wir sehen hier immer noch die (wenn auch bescheidenen) Anfänge einer Kulturrevolution von rechts im wiedervereinigten Deutschland.

  2. Zahllose Projekte versandeten, vielerorts Anlaufe ins Nichts. Zwischen der CDU und einer extremistischen Subkultur mit NS-Fetisch lag Brachland – politisch, kulturell und publizistisch.

    Wobei man auch klar sagen muß, daß ist jetzt nicht alleine ein persönlicher Verdienst, sondern hat vor allem mit dem Internet zu tun und den Entwicklungen der Zeit.

    Natürlich gab es schon »wir selbst«, Criticón, Europa vorn usw, aber deren Reichweite war halt logistisch extrem beschränkt. Man erreichte immer nur die selben Leute, die sowieso schon so dachten und kam kaum aus seinem Abonnenten Ghetto hinaus. Dann kam natürlich noch dazu, wen wollte man in den »goldenen Jahren« der BRD überzeugen? Alle waren in steigendem Wohlstand eingelullt, wenn man sich mal politische Magazine und Zeitungen, (egal ob Zeit oder Spiegel) von damals durchliest, dann kann man nur noch laut lachen, über die Dinge, die man damals als Probleme erachtete. Die deutsche Teilung war größtenteils akzeptiert, daß Gift der Frankfurter Schule tröpfelte langsam in den deutschen Geist.

    Dann kam die Wiedervereinigung, und mit ihr die kurze Hoffnung auf eine nationale Genesung, doch die antideutschen hatten sich schnell wieder aufgerafft und mit der Hilfe des VS Projektes »Nationaler Widerstand«, daß vor allem in den 90érn und 00érn zu einem monströsen, medialen Schreckgespenst aufgebaut wurde, ( selten war die Diskrepanz zwischen Wahrheit und Dichtung größer) und seitdem sitzen sie und ihr SJW Vorfeld fest im Sattel und bestimmen den öffentlichen Diskurs hierzulande. Die AfD bis hin zur BN, ist nur eine Gegenströmung, aufgrund der aktuellen Lage, natürlich größer als ihre historischen Vorgänger, aber immer noch zu schwach um wirklich etwas entscheidendes, in diesem Land zu ändern.

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