Rezension

„Wir kamen nach Deutschland nicht als Befreier, sondern als Eroberer.“

Aufgrund der Corona-Krise fallen die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Berlin aus. Sogar ein offizieller Feiertag sollte dem sogenannten „Tag der Befreiung“ in der Bundeshauptstadt gewidmet werden. Es ist davon auszugehen, dass dies keine einmalige Aktion sein wird. Immer lauter werden die Stimmen insbesondere vonseiten der politischen Linken, den „Tag der Befreiung“ auch bundesweit zum Feiertag zu erheben.

Dies ist nur konsequent, wenn man bedenkt, dass von gleicher Seite seit Jahren Parolen wie „Deutsche Täter sind keine Opfer“ zu vernehmen sind. Die Opfer des alliierten Bombenterrors und jene von Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten werden in immer größeren Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft als Opfer zweiter Klasse betrachtet.

Im „liberal-konservativen“ Bildungsbürgertum haben die USA seit dem Zweiten Weltkrieg zudem beinahe schon einen Heiligenstatus. Während man auf der politischen Linken lange Zeit lieber den großen Bruder aus dem Osten als Befreier feierte, war es auf der Gegenseite stets Uncle Sam, dem man dankbar war, endlich Freiheit und Demokratie nach Deutschland gebracht zu haben.

Die Geschichte von „Karl Schmidt“

Wir wollen uns im Folgenden mit einem US-amerikanischen Propagandafilm aus dem Jahr 1945 befassen, um der weitverbreiteten These vom großherzigen amerikanischen Befreier und dem heutigen Geschichtsbild auf den Zahn zu fühlen, wonach der böse deutsche Sonderweg von vornherein in die Gaskammern von Auschwitz führen musste. Der Film trägt den Titel „Here is Germany“.

Herausgebracht wurde er 1945 vom amerikanischen War Department und richtete sich hauptsächlich an die eigene Bevölkerung. Mit einer Laufzeit von etwas über 50 Minuten und langsamem, sehr gut verständlichem Englisch ist er aber auch für deutsche Ohren äußerst aufschlussreich. Aufrufbar ist der Film sowohl über Youtube als auch über die Internetseite des amerikanischen Nationalarchivs.

Der Film beginnt mit einer Vorstellung der deutschen Kultur- und Industrielandschaft. Im Anschluss werden recht detaillierte Aufnahmen ermordeter Soldaten oder von KZ-Insassen eingeblendet. Ob es sich in allen Fällen um Verbrechen von deutscher Seite handelt, kann allerdings nur schwer überprüft werden. Der Sprecher stellt sodann die Frage, wie ein Volk, das dem amerikanischen gar nicht so unähnlich sei, zu solchen Verbrechen in der Lage sei. Hier fällt auf, dass die Kollektivschuldthese, ohne auch nur einen plausiblen Beweis vorzulegen, schon zu Beginn des Streifens aufgestellt wird. Der Zuschauer wird auf eine Reise in die Vergangenheit mitgenommen, um zu ergründen, warum der typische Deutsche, fortan „Karl Schmidt“ genannt, so werden konnte, wie er 1945 war.

Preußen: Der Hort des Bösen

Zuerst wird jedoch hervorgehoben, dass England und natürlich die USA auf eine lange Tradition des Parlamentarismus zurückblicken. Der Drang nach Freiheit und Rechtsgleichheit für jeden sei in beiden Staaten tief verwurzelt. Natürlich wird kein Wort darüber verloren, dass sich das britische Empire 1713 das Monopol auf den Sklavenhandel sicherte. Kein Wort darüber, dass die Sklaven zu einem Großteil in die USA exportiert wurden, wo sie ihren Sklavenstand bis in die 1860er-Jahre behielten. Auch kein Wort darüber, dass von Gleichberechtigung insbesondere der schwarzen US-Bevölkerung zum Entstehungszeitpunkt des Films immer noch keine Rede sein konnte.

Die Deutschen hingegen hätten all diese Segnungen anglo-amerikanischer „Freiheit“ nicht gekannt. Diese mussten laut Film unter Fürsten leiden, von denen die schlimmste Dynastie natürlich die der Hohenzollern war. Friedrich der Große habe durch seinen Militarismus und seine Kriege die Grundlage für den bösen deutschen Sonderweg gelegt. Keine Freiheitsideale, sondern nur militärische Erfolge hätten sich in die deutsche Psyche eingebrannt. Das allgemeine preußische Landrecht, das die Gleichwertigkeit eines jeden Bürgers vor Gericht und die Unabhängigkeit des letzteren gewährleistete – übrigens von Friedrich dem Großen vorbereitet und von seinem Nachfolger verabschiedet –, scheint den Filmemachern unbekannt zu sein.

Dann wird der Bogen zu Otto von Bismarck weitergespannt, der unter diesem angeblichen preußischen Ungeist das Deutsche Reich vereinte. Ein Reich ohne Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wie uns die Filmemacher wissen lassen. Die durch Bismarck eingeführte fortschrittliche Sozialversicherung und das damals modernste Wahlrecht der Welt finden keine Erwähnung.

Preußen – Hunnen – Nazis

Unter dem machthungrigen Kaiser Wilhelm II. habe sich dann endgültig gezeigt, dass die Deutschen ihren eigenen Weg gehen wollten – natürlich den des Krieges. Untermauert wird diese Behauptung mit einem fast schon amüsanten Vergleich zwischen den Freizeitbeschäftigungen der amerikanischen und der deutschen Jugend. Während erstere gerne Ballsportarten betreibe, habe „Karl Schmidt“ bei den Burschenschaften das Fechten geübt, um sich auf den Krieg vorzubereiten.

Dieser Krieg – gemeint ist der Erste Weltkrieg – wurde von „Schmidt“ natürlich allein deshalb ausgelöst, um die Welt zu beherrschen. In diesem Krieg habe sich der böse Preuße dann in den bestialischen Hunnen verwandelt, wie die westalliierte Propaganda suggerierte. Die Siegermächte hätten nach dem Krieg den Fehler begangen, diesem Hunnenvolk zu seichte Bedingungen aufzuerlegen. Als einen großen Fehler sehen es die Filmemacher zum Beispiel an, dass das deutsche Bildungswesen unberührt blieb.

So konnte „Karl Schmidt“ weiterhin mit der schädlichen Tradition des Preußentums infiziert werden. Die Folge: ein neuer Krieg und eine noch brutalere Führung, die Nazis. Dass gerade die Nationalsozialisten mit vielen preußischen Tugenden brachen und obendrein aus dem Kreis der ach so bösen „Militaristen“ die größte Widerstandsaktion gegen das Nazi-Regime hervorging, halten die Filmemacher nicht für erwähnenswert.

Die Feinde der Zivilisation

Auch das Ende des Films ist sehr aufschlussreich. So heißt es triumphierend: „Nach dem letzten Krieg blieb das deutsche Bildungswesen unberührt. Dieses Mal ist sämtliche Nazidoktrin vernichtet, und neue Schulbücher wurden für die deutsche Jugend verfasst, unter unserer Führung, nicht der deutschen.“ An das heimische Publikum werden folgende Worte gerichtet: „Wir kamen nach Deutschland nicht als Befreier, sondern als Eroberer. Dieses Mal werden wir in Deutschland bleiben, für zehn Jahre, für zwanzig, wenn nötig für immer. (…) Wir haben Deutschland von Hitler befreit und vom Generalstab, vom Nationalsozialismus und Militarismus. Aber nicht von Friedrich [dem Großen], von Bismarck und dem Kaiser. Von deutscher Geschichte und Tradition. Dies muss der Deutsche selbst tun. Bis er dies tut, bleibt er ein potenzieller Feind der Zivilisation.“

Gerade diese Stellungnahme macht den Film zu einer gewichtigen zeithistorischen Quelle. Zeigt sie doch sehr deutlich, dass das heute vorherrschende Geschichtsbild vom bösen deutschen Sonderweg seinen Ursprung in der Kriegspropaganda hat. Gerade die Plumpheit des Films macht ihn so wertvoll. Er kommt gänzlich ohne irgendwelche Beweise für die These aus, dass ein direkter Weg von Friedrich dem Großen zu Hitler führt. „Beweise“ hierfür wurden erst im Nachhinein von bundesrepublikanischen Hofhistorikern zusammengeklaubt.

Ebenso aufschlussreich ist die Aussage, die Amerikaner seien nicht als Befreier, sondern als Eroberer gekommen. Vielleicht sollten sich einige Abgeordnete des Berliner Senats diesen Film einmal ansehen, bevor sie die Entscheidung treffen, ob der 8. Mai künftig dauerhaft ein Feiertag sein soll. Und so bleibt dieser schicksalhafte Tag für uns das, als was ihn einst Bundespräsident Theodor Heuss bezeichnet hat: als Erlösung und Vernichtung zugleich.

(Bild: Zeitungsausschnitt)


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