Gesichtet

Zerbricht der antipreußische Konsens?

Als am 25. Februar 1947 der alliierte Kontrollrat die offizielle Auflösung des preußischen Staates verkündete, schrieb Eberhard von Mackensen, der Sohn von August von Mackensen, die folgenden Zeilen als trotzige Erwiderung auf den scheinbar letzten Akt der preußischen Geschichte:

Mögt Ihr den preußischen Staat zerschlagen,
Preußen wird hoch aus den Trümmern ragen.
Einer schon wollte uns Preußen stehlen,
doch Preußen lebt zu tief in den Seelen:
Preußen ist weder Volksstamm noch Rasse,
Preußen ist Haltung und niemals Masse.

Preußen, so von Mackensen, sei viel mehr als nur ein Staatsgebilde und lasse sich daher auch nicht durch schlichte Bürokratie auflösen. Dadurch, dass Preußen in allererster Linie ein Ideal sei, werde der Versuch, alles Preußische aus Volkstum und Staatsleben auszutilgen, misslingen. Es sollte sich jedoch zeigen, dass die Alliierten, insbesondere im Westen, keineswegs daran dachten, sich auf das Kontrollratsgesetz Nummer 46, in dem die Auflösung des preußischen Staates verfügt wurde, zu beschränken.

Antipreußischer Konsens spätestens seit 1968

In den unter alliierter Aufsicht gedruckten Schulbüchern und natürlich in den Lizenzpublikationen fand sich seit Kriegsende die Erzählung, dass die Ideale Preußens und des von Preußen dominierten zweiten Deutschen Reiches geradewegs zu den Nationalsozialisten und in die Gaskammern von Auschwitz geführt hätten.

Mit dem 1961 veröffentlichten Buch Griff nach der Weltmacht aus der Feder Fritz Fischers lag erstmals ein Standardwerk vor, in dem die These der Alliierten, wonach allein das preußisch dominierte Kaiserreich den Ersten Weltkrieg zu verantworten habe, scheinbar durch seriöse Forschung bestätigt wurde. Spätestens mit der 68er-Revolte kippte das Preußenbild der Mehrheitsgesellschaft endgültig ins Negative. Preußen war nun nicht mehr, wie einst Eberhard von Mackensen formuliert hatte:

Pflicht nach Emanuel Kant,
Treue zu Volk und Land,
Dienen der Sache bis in den Tod
Und Griff zu den Waffen erst in der Not.

Preußen wurde fortan mit Militarismus, Kriegstreiberei, dem Hauptmann von Köpenick und Untertanengeist assoziiert – also mit allem, was das moderne Deutschland nicht sein wollte. Die Pickelhaube avancierte zum beliebten Objekt von Karikaturisten, und schon bald begann ob des antipreußischen Hintergrundrauschens selbst der geschichtlich Uninteressierte die Nase über das finstere Preußen zu rümpfen. Zwar nutzte man von Staats wegen die noch erhaltenen prachtvollen Bauten aus der alten Preußenzeit gerne als Einnahmequelle für die Staatskasse, mehr aber auch nicht.

Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses

Der in diesem Jahr so gut wie fertiggestellte Neubau der einstigen Hohenzollernresidenz in Berlin eignet sich auf den ersten Blick durchaus, um von einer Kehrtwende, zumindest aber von einer leichten Korrektur des etablierten Preußenbildes zu sprechen. Erfolgte doch die originalgetreue Rekonstruktion dreier Außenfassaden samt Kuppelbau gegen nicht unerhebliche Widerstände.

Es handelt sich jedoch keineswegs um ein von Romantik geprägtes Unterfangen, was vor allem an der Innenausstattung des Schlosses festzumachen ist. Dort soll zukünftig unter anderem eine großangelegte Dauerausstellung zum Thema Kolonialismus zu sehen sein. Welcher Art diese Ausstellung wohl sein wird, lässt sich unschwer erahnen. Soll doch die deutsche Kolonialgeschichte laut neuester Deutung von interessierter Seite mit einem Völkermord befleckt sein.

Man kann den Wiederaufbau des Berliner Schlosses daher auch als Machtdemonstration sehen. Nach dem Motto: Wir rekonstruieren zwar einen Großteil der Fassade, zeigen den Bürgern aber zugleich, welche Schrecken sich hinter der vermeintlich heilen Fassade des preußisch dominierten Kaiserreichs verborgen halten.

Kulturkampf und Reparationsforderungen

Es gibt jedoch zwei andere Vorgänge, die auf ein Bröckeln des antipreußischen Konsenses hindeuten. Zum einen sind das die immer überzogeneren Forderungen von selbsternannten Anti-Rassismus-Kämpfern. Wenn etwa der Abriss der Siegessäule in Berlin oder die Enthauptung der Bismarckstatur in Hamburg gefordert wird, dann zwingt dies selbst solche Kreise zur Gegenreaktion, die sich nicht als Preußennostalgiker verstehen.

So initiierte etwa der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) in Münster eine Petition gegen die geplante Umbenennung der Westfälischen Wilhelms-Universität, die ihren Namen Kaiser Wilhelm II. verdankt. Sind das eher lokale Vorgänge, die selten deutschlandweit Aufmerksamkeit erhalten, so verhält es sich mit den Reparationsforderungen der Hohenzollern gegenüber dem Land Brandenburg ganz anders.

Die Nachfahren des letzten deutschen Kaisers verlangen Entschädigung für enteignete Objekte durch die sowjetische Besatzungsmacht sowie ein Mitspracherecht bei künftigen Ausstellungen, in denen Gegenstände aus Familienbesitz gezeigt werden. Es ist rechtlich geregelt, dass nur Entschädigung erhält, dessen Vorfahren dem Nationalsozialismus oder Kommunismus nicht erheblich Vorschub geleistet haben. Es stehen somit zwei grundsätzliche Fragen im Raum:

  1. Hält man es für moralisch vertretbar, dass die ehemalige Königs- und Kaiserfamilie Entschädigung für enteigneten Besitz bekommt? Damit einher geht natürlich die Frage nach dem historischen Verdienst der Hohenzollern im Allgemeinen.
  2. Haben die Hohenzollern dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen?

Zur letzten Frage liegen mittlerweile vier Gutachten vor. Zwei wurden im Auftrag der brandenburgischen Landesregierung verfasst und beantworten die Frage erwartungsgemäß mit „Ja“. Zwei weitere wurden im Auftrag der Hohenzollern erstellt und beantworten die Frage mit Nein. Entscheiden muss nun das Verwaltungsgericht in Potsdam. Man darf gespannt sein.

Ein neuer Historikerstreit?

Der Ton der Vertreter des mittlerweile etablierten Preußenbildes wird zusehends schärfer, was man als Nervosität deuten kann. So erschien am 9. September auf der ersten Seite des FAZ-Feuilletons ein Artikel von Eva Schlotheuber, der Vorsitzenden des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Der Artikel ist überschrieben mit „Die Ehre der Familie“ und soll offenbar bewusst an die Kultur archaisch geprägter Mafia- und Clanfamilien erinnern.

Unterlegt ist der Artikel mit einem Bild von der Burg Hohenzollern, umhüllt von dunklen Nebelschwaden. Im Grunde geht es um den Vorwurf, dass die Hohenzollern, die zuletzt vereinzelt juristisch gegen Falschaussagen von Historikern vorgegangen sind, durch dieses „aggressive“ Verhalten eine freie Debatte unmöglich machen würden. Man höre und staune. In einer allgemein antipreußisch gesinnten Gesellschaft machen die Hohenzollern eine freie Debatte unmöglich, nur weil sie gegen einzelne Falschbehauptungen vorgehen? Bezüglich der beiden im Auftrag der Hohenzollern verfassten Gutachten wird der Vorwurf erhoben, diese ignorierten schlicht den aktuellen Forschungsstand.

„Es gibt keinen neuen Historikerstreit, die Forschung ist sich in dieser Frage einig“, heißt es abschließend. Damit wird der Versuch unternommen, die aufkommende Debatte über die Hohenzollern im Allgemeinen und deren Rolle im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung schon im Keim zu ersticken.

Dieses „Basta“ provozierte Widerspruch. So zitierte die FAZ am 16. September aus einem Schreiben von zehn Historikern zum genannten Artikel: „So nachvollziehbar das Anliegen ist, das Wissenschaftssystem von juristischen Interventionen möglichst frei zu halten, und so unterstützenswert das Plädoyer zugunsten einer freien wissenschaftlichen Debatte, so sehr überrascht uns die Inkonsequenz, mit der im selben Artikel eine Debatte für entschieden erklärt wird und die offene Diskussion damit unterbunden werden soll.“

Der Historiker Peter Hoeres kommentierte den Vorgang gegenüber der FAZ so: „Die Verbandsvorsitzende kann nicht die letzte Entscheidungsinstanz sein.“ Man könnte glatt meinen, erste Risse in der lange makellosen Mauer des antipreußischen Konsenses zu erblicken. Man stelle sich obendrein vor, wie die jetzt schon unterschwellig laufende Debatte um die Hohenzollern erst in Gang käme, sollte das Verwaltungsgericht Potsdam zugunsten der ehemaligen Königs- und Kaiserfamilie urteilen.

(Bild: Siegessäule)


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