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Zeugin Anna S. macht NSU-Prozeß spannend

Da bringt doch tatsächlich eine 67-jährige Rentnerin die ganze heile Welt des NSU-Prozesses durcheinander. Anna S. hat gestern ausgesagt, wen sie da hat herumradeln sehen, als gerade Habil Kilic am 29. August 2001 erschossen wurde. Es habe sich um »Osteuropäer« gehandelt und keinesfalls um »deutsche Menschen«.

Die Anklage hatte es sich so zurechtgebastelt, daß Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach ihrem Mord mit dem Fahrrad geflüchtet seien. Bereits in ihrer erster Vernehmung bei der Polizei gab Anna S. jedoch an, sie habe Ausländer gesehen. Laut Protokollen von damals soll sie angemerkt haben: »Es könnten Türken gewesen sein.« Das bestritt Anna S. gestern im Prozeß genauso vehement wie angebliche spätere Aussagen von ihr, sie habe »Westeuropäer« auf dem Fahrrad gesehen.

Welche Bedeutung hat nun dieses seltsame Detail? Ist Anna S. einfach wirr und kann sich an nichts mehr richtig erinnern? Diesen Eindruck versuchen einige Medien zu erzeugen.

Wurden Polizeiprotokolle gefälscht, damit die Story mit Mundlos und Böhnhardt hinhauen kann und die Zeugin als »unglaubwürdig« dasteht aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Angaben?

Die Liste der offenen Fragen wird auf jeden Fall länger und nicht kürzer.

(Bild: Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe / BKA)

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Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

5 Kommentare zu “Zeugin Anna S. macht NSU-Prozeß spannend

  1. Zeugenaussagen -insbesondere wenn sie nicht validiert werden können (vgl. die 2 unabhängigen Quellen, die seriöser Journalismus verlangt)- sind nicht wirklich zuverlässig.
    Insofern würde ich auf Aussagen zur ethnischen Herkunft nicht viel geben (abgesehen davon: wie kann man jemandem ANSEHEN, dass er »Osteuropäer« ist? »Slawische Wangenknochen«? Ernsthaft?).
    Was nicht wirklich für (bzw. »gegen« im Sinne einer Tatbeteiligung) spricht ist dass die Zeugin ZWEI Radfahrer gesehen hat. Nicht einen. Nicht drei. Zwei. Ein Indiz; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

  2. Hänschen

    Ein Blinder kann das natürlich nicht unterscheiden. Aber wer sehen kann, kann unterscheiden ob das ein Däne, Norweger, Italiener, Spanier oder Türke oder wegen mir »Osteuropäer« ist…

    Die ersten Such-Plakate bildeten ja auch »Osteuropäer« ab und keine Nazis die den Uwes ähnlich sahen!

  3. Einen ausnahmsweise lesenswerten Artikel in Sachen NSU findet man in der jüngsten Ausgabe (No.6) vom Magazin The Germans. Die Titelstory »Akte ungeklärt: Wer erschoss Michèle Kiesewetter?« behandelt auf acht Seiten die Ungereimtheiten des Polizistinnenmordes von Heilbronn. Die Version der Generalbundesanwaltschaft (und somit auch dem Gros der deutschen Medien) über den Tatverlauf jenes 25. April 2007 wird kritisch hinterfragt. Dabei werden die Widersprüche aufgezählt, ohne gleich, wie Jürgen Elsässer im Compact-Magazin, tonnenweise Spekulatius zu backen. Die Ungeklärte Rolle US-amerikanischer Sicherheitsbehörden wird nüchtern beleuchtet. Auf gemutmaßte Verschwörungsszenarien verzichtet der Autor Frank Brunner und setzt dagegen auf eine kühle und dennoch leserliche Faktenaufzählung. Dieser Lageerkennung wird am Ende des Artikels Auszüge aus der Anklageschrift gegen Beate Zschäpe von der Generalbundesanwaltschaft gegenüber gestellt. Das Urteil wird dem Leser überlassen. Die jungen Macher von The Germans sichteten eigens zahlreiche Ermittlungsakten, Fotos, Vernehmungsprotokolle und Fallanalysen. Kurz um: Ein solider, objektive Artikel. In Sachen Journalismus und Recherche kann sich die BN da noch einige Scheiben von abschneiden…

    http://www.thegermansmagazine.com/

  4. @ Hänschen: Unke trifft schon einen gewissen Punkt. Den unabhängig der Frage, ob man nun wirklich zu verlässlich einen Norweger von einem Polen unterscheiden kann etc., bedarf es für so ein »Gutachten« sicherlich einer genaueren Inaugenscheinnahme. Ein flüchtiger Blick, wie im Falle eines Vorbei-Radelns, kann nur gleich ins Auge stechende Merkmal (wie Hautfarbe oder helle Haare uä) verarbeiten. Nun sind leider weiße Haut und helle Haare östlich der Oder aber auch jenseits des Skagerraks nicht gänzlich unüblich. Will meinen: Selbst falls Kriterien wie »Slawische Wagenknochen«, eine zuverlässliche Zuordnung der Herkunft ermöglichten, was ich doch stark anzweifle, denn Deine Erfahrungswerte sind gottlob nicht der Standard kriminalistischer Arbeit, wird eine Rentnerin, und wahrscheinlich auch nicht Dein oder mein Adlerauge, dies ausreichend in der beschriebenen Situation feststellen können.

    Die Anzahl der Fahrradfahrer scheint mir hingegen das einzig verwertbare Indiz dieser Aussage zu sein. Nur weil die NSU-Geschichte nicht vollends koscher ist, muss man jetzt nicht auf Biegen und Brechen sich seine exklusive Meinung zu sammeln basteln. Ein viel wichtigerer Fakt, da strafprozessrechtlich relevant, ist der Mangel an (handfesten) Beweisen der GBA und den Aufbau der Anklage lediglich auf Indizien.

  5. Ein Richter weiß: Die glaubhaftesten Zeugen sind jene, deren Erinnerungen sich immer wieder neu validieren. Wer immer wieder einen wortgleichen Fließtext vorbringt, hat sich diesen meist zurechtgelegt.

    Das Gleiche war doch mit dem Rentner, der direkt nach der Tat auch Türken gesehen haben will. Doch nun, nach der Überlagerung der Erinnerungen durch NSU-Medienmeldungen, sah er nach neuester Aussage Männer mit kurzgeschorenen Haaren.
    http://eulenfurz.wordpress.com/2013/07/12/erinnerungen/

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