Rezension

Das Selbstbewusstsein der „Muskeljuden“

Ein Buch über die Lehren aus der Diaspora zu schreiben, stellt sich zunächst – ganz losgelöst von dem nun zu besprechenden Essay – als Mammutaufgabe dar, oder, um in der Sprache des hier zu besprechenden Werkes zu verbleiben: Es ist ein Kampf „David gegen Goliath“. Sebastian Szimonisz rezensiert das Buch Ahasvers Heimkehr (2025) aus der Feder von Artur Abramovych.

Ob das Haus Davids auch dieses Mal durch Schläue siegen wird, d.h. ob und wie diese Lehren korrekt oder zumindest nachvollziehbar gedeutet werden können, ist die Grundfrage, auf welche der Text eine Antwort geben muss!

Eins schon vorweg: Nur ein wahrer „Muskeljude“ kann laut Verfasser helfen. Eine solche Aufgabe ist eben eine Aufgabe einer David-ähnlichen Person, nur dieser kann einen Goliath besiegen – und ganz bestimmt kein Schlemihl.

Die Struktur des Textes ist dicht, aber stets übersichtlich und für den Leser nachvollziehbar. Es handelt sich also nicht um eine Bleiwüste. Der Verfasser nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Deutungen des Judentums, sowohl aus der Sicht der Rechten als auch aus der Sicht der Linken, und dies in einer stetig souveränen Art und Weise. Will sagen: Der Verfasser ist auf diesem Gebiet Experte und mehr als nur heimisch; dies wird durch die Fülle an Beispielen und Quellen mehr als deutlich sichtbar. Dabei beschränkt sich der Verfasser nicht nur auf emische Texte jüdischer Akteure selbst, sondern liefert auch das jeweilige Feindbild der Antisemiten mit. Die gesamte Struktur des Textes ist erzählend.

Doch was genau bedeutet das? Das Narrative ist dem Jüdischen eigen. Es ist das deuteronomistische Geschichtswerk, welches die Geschichte der Staatsgründung und des Verfalls Israels erläutert. Es ist eine Geschichte – mag die Geschichte ein Ende haben, abgeschlossen ist zumindest ihre Deutung durchaus nicht. Der Ort der Entstehung dieser Texte – höchstwahrscheinlich das babylonische Exil – ist stets mitzudenken. Das „Jetzt“ ist nie so richtig vom Damals und Gestern getrennt. Oder mit anderen Worten: Diese alten Texte sind höchstwahrscheinlich auch ein großes Stück Legitimationsarbeit, nämlich die Legitimation des damaligen Ist-Zustandes durch die Vergangenheit.

Und genau deswegen ist die Grundaussage bzw. These des Verfassers dieses zu rezensierenden Buches durch und durch richtig, nämlich dass die Diaspora Schuld sei am lange Zeit vorherrschenden negativen Judenbild, durch welches sich sogar die emischen Akteure selbst diskriminierten und kriminalisierten. Diese These trifft ins Schwarze und in den Kern des Problems. Die alten Texte sind voll von Erklärungen des niedergeschlagenen Juden und geben sich oft religiös selbst die Schuld, z. B. durch die Könige, da die Königswürde nur Gott zugehörte und keinem menschlichen König. Die Strafe sei dafür der Verfall Israels und die Diaspora (von diaspeirein = verstreuen).

Dennoch sind diese Texte mehr als reine legitimatorische Propaganda; vielmehr ist die Deutung des Jetzt durch die Vergangenheit eine eigene Art und Weise, Dinge in Kontexte zu setzen. Es geht im narrativ-jüdischen Denken also nicht darum, um es mit den Worten Hans Blumenbergs über den Mythos zu sagen, „eine Geschichte zu Ende zu erzählen“. Die Geschichte, ihre Beschreibungen, Umwege, Nebenschauplätze, ihr Storytelling, Worldbuilding und die darin vorkommenden Namen spielen hier die hervorzuhebende Rolle und werden zu einem fließenden Strom zusammengegossen.

Gershom Scholem, der große Erforscher der Kabbala, fasste dies einmal prägnant und schön innerhalb eines Narrativs zusammen: Es gehe darum, dass die Menschen immer mehr vergessen, Gott ihnen jedoch trotz der immer weniger werdenden Teile des Rituals weiterhin erscheint, bis sie schließlich Ort, Formeln und Gebete vergessen haben – also alle Teile des Rituals –, aber dennoch die Geschichte kennen, und siehe da: Gott erscheint ihnen ebenfalls.

Dies macht das Narrativ und die Geschichte selbstredend sehr stark.

Abramovych erzählt nicht nur eine von heute losgelöste, hermetisch abgeriegelte und abgeschlossene Geschichte. Vielmehr will er das Bewusstsein des Judentums skizzieren, dem Leser verschiedene Darstellungen, politische Situationen, Personen, Werke und vor allem Namen an die Hand geben, um ihn aus dem Tal des Nichtverstehensherauszuführen und ihm die jüdische Kultur sowie deren Verästelungen näherzubringen. Dies richtet sich, so scheint es, nicht nur an den externen Leser, sondern höchstwahrscheinlich auch an den emischen Leser, d. h. an Juden selbst.

Das Werk ist also nicht nur eine Bestandsaufnahme im Sinne einer deskriptiven Analyse, sondern auch ein leiser, aber deutlicher Imperativ, ein „Muskeljude“ zu werden (!) und den Schatten der zunächst fremden und dann teils eigenen banalen Kriminalisierung hinter sich zu lassen. Die Art und Weise der Textentfaltung ist größtenteils durch und durch positiv zu bewerten und daher gelungen.

Abramovych geht nicht typisch systematisch vor. So stellt er zu Beginn weder eine Definition noch eine Interpretation des Begriffs Diaspora vor. Möglicherweise würde eine versuchte Begriffsbestimmung die Erzählweise gefährden. Dennoch – und dies ist einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige Kritikpunkt an dem Werk – wäre eine Hinführung zu dem Begriff durchaus wünschenswert. Denn der Begriff und seine Entfaltung sind in keinem Sinne selbstverständlich. Dabei müssten noch nicht einmal „heutige“ Versuche einer Begriffsbestimmung genannt werden, wie z. B. Sökefeld und Konsorten; aber zumindest die biblische Bedeutung bzw. deren höchstwahrscheinlicher Ursprung in der griechischen Übersetzung, der Septuaginta (LXX), auf der Halbinsel Pharos in Alexandria wäre hier wünschenswert.

Namen spielen im Jüdischen eine ganz besondere Rolle und deuten jeweils die Geschichte an, oder mit anderen Worten: Die biblischen Namen verkörpern die Geschichte (Hiob = Wo ist Gott; Abimelech = Mein Vater ist König; Michael = Wer ist wie Gott; Samuel = Gott hat erhört; usw.). Auch dieser Text ist von Abramovych dicht mit Namen versehen, oder um es – angelehnt an Joyce’ Ulysses – zu sagen: Es sind so viele Namen im Text, ich denke, dass er fließt. Denn gerade dies macht den Text so lebendig.

Indem „neue“ Namen mit alten vermischt werden, ist der stetige Bezug und die Bedeutsamkeit des Vergangenen für das Heutige mehr als nur nominell sichtbar, oder mit anderen Worten: Es ist die Umsetzung des oben Geschriebenen, die Verbindung von Gestern und Heute. Der garstige Graben Lessings wird nicht nur überschritten, vielmehr wird er durch eine Brücke gangbar gemacht, auf der man hin- und zurücklaufen kann.

Man würde das Werk jedoch missdeuten, wenn man von einer Art Namedropping ausginge. Wenn der Verfasser berühmte Namen aufruft, wie z. B. Thomas Mann, Ernst Toller oder Dreyfus, dann sind dies hermeneutische Meilensteine, welche nicht nur das Gesamtphänomen verdeutlichen, sondern den Leser auch abholen und die Welt des Judentums Stück für Stück anhand dieser bekannten Personen sowie ihrer Geschichte und Beziehung zum Judentum verständlich machen.

Man – also der Leser – erwischt sich selbst dabei, bei einer Nennung aus der Vergangenheit die Brücke über den garstigen Graben Lessings zu bauen und zu antizipieren, also vorwegzunehmen, welches Ereignis dadurch prägend wird. Doch was ist das für ein Bild? Was ist das für eine Brücke, die uns hier eröffnet wird?

Der Verfasser baut Brücken sowohl zu den sogenannten Muskeljuden als auch zu denen, die er als Schlemihlsbezeichnet. Es ist zwar auch ein Kampf um das jüdische Menschenbild, vor allem jedoch um die Bilder der Juden vom Menschen. Beide Bilder des Juden (Muskeljude und Schlemihl) haben ihre Tradition, aber nur eines dieser Bilder konnte durch die Diaspora entstehen.

Die Diaspora wird zwar nicht im Rahmen einer Begriffsgenese erforscht, sie wird jedoch verantwortlich gemacht für die Entwicklung des Schlemihls, eines Pechvogels – eines Menschen, der alle negativen Vorurteile und Stereotype in sich vereint. Der Verfasser will uns zeigen, dass diese Vorstellung des Jüdischen nicht nur bei eindeutigen Antisemiten vorherrscht, sondern auch bei denen, die sich als vermeintliche „jüdische Freunde“ tarnen, jedoch tagtäglich genau dieses Bild des Juden bedienen und abrufen: den Juden als kleinen, hilfsbedürftigen Feigling zu verstehen.

Abramovych zeigt uns allen auf, dass diese Zeit ihrem Ende entgegengeht und dass Stolz auf die eigene Kultur sich zeigen lassen kann.

Allein deswegen lohnt es sich, dieses Buch zu kaufen und sorgfältig zu lesen: Quellen, Analysen, Zitate und Deutungen sind detailreich und inhaltlich dicht. Summa summarum wurden für mich die Lehren aus der Diaspora in diesem Werk sehr gut verarbeitet und gedeutet – eine eindeutige Kaufempfehlung!

Artur Abramovych: Ahasvers Heimkehr: Lehren aus der Diaspora. Dresden 2025. Hier bestellen!

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