Gesichtet

Gentechnik ohne Kennzeichnung – Irreführung der Verbraucher

Die bisher strenge Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel soll durch EU-Vorgaben gelockert werden. Was nach Bürokratieabbau klingt, hat unangenehme Konsequenzen für Konsumenten, denn es wird schwieriger, nachvollziehen zu können, was tatsächlich auf dem eigenen Teller landet.

Das heißt, dass künftig ein bereits „technisch unvermeidbares Vorhandensein“ von Gentechnik nicht mehr als Verstoß gelten soll. Das ist ein eindeutiger Türöffner für Intransparenz.

Weniger Transparenz, weniger Wahlfreiheit

Kennzeichnung dient allerdings dazu, dass Verbraucher frei entscheiden können, welche Produkte sie kaufen – dies vor dem Hintergrund gesundheitlicher, ökologischer, religiöser oder ganz einfach persönlicher Gründe. Wird die Kennzeichnung aufgeweicht, verschiebt sich die Auswahlentscheidung im Prinzip vom Kunden zum Hersteller.

Besonders umstritten ist, dass bestimmte, mit neuen genomischen Verfahren veränderte Lebensmittel – etwa durch sogenannte „Genscheren“-Technologien – von der bisherigen Kennzeichnung ausgenommen werden könnten. Der Effekt wäre für die Nahrungsmittelindustrie praktisch, denn im Supermarktregal wird die klare Unterscheidbarkeit schwieriger, im Zweifel sogar unmöglich.

Transparenz ist jedoch die Grundlage für Vertrauen in der Lebensmittelherstellung und im Handel. Informationen zum Herstellungsprozess bei Nahrungsmitteln sind für Konsumenten jedoch entscheidend. Der Kunde will keine „Mogelpackung“.

Patentlawine und Marktmacht: Die Sorge vor den Agrarkonzernen

Neben der Verbraucherperspektive stehen andere, ebenfalls heikle Fragen im Raum: Wer profitiert bei der Lockerung der Kennzeichnungen eigentlich wirtschaftlich? Sind es die großen Agrarkonzerne? Könnten sie über neue Patentrechte ihre Marktmacht gegenüber kleineren Bauern und Züchtern weiter ausbauen? Für Österreich wird sogar vor einer „Lawine“ patentierten Saatguts gewarnt.

Der Vorwurf lautet: Während Konsumenten weniger Informationen erhalten, sichern sich globale Player mehr Kontrolle über Saatgut, Züchtung und Lieferketten. Für landwirtschaftliche Betriebe könnte das langfristig Abhängigkeiten erhöhen und Kosten treiben – gerade für kleinere Strukturen und landwirtschaftliche Betriebe, die ohnehin unter Preisdruck stehen. Der Markt konzentriert sich, anstatt Vielfalt zu ermöglichen.

Final ist das Beschlusspaket noch nicht. EU-Parlament und Mitgliedstaaten müssen es noch abnicken. Nach der Einigung der Unterhändler gilt die Annahme jedoch als wahrscheinlich.

Damit steht die Kernfrage im Raum: Will die EU in der Lebensmittelpolitik auf Transparenz setzen – oder auf eine technokratische Abwägung, bei der Kennzeichnung als verzichtbares Detail behandelt wird? Wer Wahlfreiheit ernst nimmt, kann hier nicht großzügig werden. Denn wenn Bürgerinnen und Bürger nicht mehr erkennen, was sie kaufen, ist nicht nur die Herkunftskennzeichnung ad absurdum geführt, sondern das Vertrauen in Regulierungsmaßnahmen gleich mit.

Die Autorin Elisabeth Dieringer ist Europa-Abgeordnete der FPÖ.

Entdecke mehr von Blaue Narzisse

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

Datenschutzinfo