Kultur ist stets Kultur von jemandem. Es gibt keine losgelöste Weltkultur namens Menschheit. Goethe wusste bereits ganz genau, dass der Begriff der Menschheit ein Abstraktum darstellt, und Carl Schmitt fasste die Problematik mit dem berühmten Satz in seinem Werk „Der Begriff des Politischen“ eindeutig zusammen: „Wer Menschheit sagt, will betrügen.“
Dadurch, dass es keine Entsprechung dieses leeren Begriffes gibt, wird der Begriff beliebig mit einer spezifischen Bedeutung aufgeladen, einmal für das und wieder einmal für etwas anderes. Wie verhält es sich aber mit dem Begriff des Europäers? Wird Europa ebenfalls mit beliebiger Bedeutung aufgeladen? Man kann zur Europäischen Union stehen, wie man will, aber sie ist nicht Europa selbst. Wenn man sich Stellungnahmen und Pressemitteilungen der Europäischen Union durchliest, fragt man sich oft, was diese Punkte mit europäischem Interesse auf sich haben. Ist der Begriff des Europäers oder der Begriff Europa also auch wie der Begriff der Menschheit ein Abstraktum? Da kann die Antwort nur ein klares Nein lauten. Der Begriff des Europäers ist nicht nur eine geografische Oberkategorie von Völkern und Staaten (Standort), sondern durch und durch ein eigener Standpunkt. Ein Standpunkt, die Welt zu betrachten.
Der europäische Standpunkt ist die Sichtweise, die Welt aus der Ferne zu betrachten (zu können) und sich gleichzeitig durch den Mythos die Welt zu erschließen.
Doch was ist damit gemeint? Eine konkrete Sache zu beschreiben ist klar, man beschreibt oft ihre Funktion und ihr Aussehen. Ich denke, dass dieses Denken in jeglicher Kultur „normal“ war. Zunächst sieht der Europäer die Welt durch Geschichten, Narrative, Mythen und Metaphern. Diese sind für den Europäer nicht abgeschlossen oder final kodifiziert. Es ist vielmehr die Arbeit, das Weiterspinnen und das Neuauflegen dieser Geschichten, welche den Europäer besonders machen, oder, um es mit dem Titel eines der Werke von Hans Blumenberg zu beschreiben: Es ist die Arbeit am Mythos.
Die Geschichten oder diese Geschichte sind nicht nur irgendetwas Austauschbares. C. G. Jung bezeichnete diese Geschichten als Archetypen, Kerényi als Urbilder. Auf jeden Fall zeigen sie jedoch auf, dass der Mensch innerhalb einer Geschichte oder von Geschichten situiert ist. Es gibt also einen Ort, wo die Geschichte sich entfaltet. Die Welt ist nicht mehr unzugänglich; sie ist die Welt von Helden, Göttern und Zwischenwesen et cetera, vor allem ist sie die Welt von Namen, die miteinander verwoben sind.
Doch was ist daran besonders? Gibt es Mythologien nicht auch in Asien und Afrika? Selbstredend gibt es diese auch in anderen Kulturkreisen. Die Kunst des Europäers ist jedoch, sich durch Geschichten eine eigene Geschichte aufzubauen, die im Verstehenshorizont ständig, d.h. bis heute, eine Rolle spielt. Gleichzeitig gibt es aber eindeutig auch ein Auf-Distanz-Gehen zu dieser Geschichte durch den Logos. Dadurch sind der Mythos und der Logos wie zwei Geschwister. Mögen so manche Geschichten fiktiv sein (res fictae), das heißt wiederum jedoch nicht, dass diese nicht Wahrheit transportieren können.
Ähnlich verhält es sich auch mit den Metaphern: Wenn ich sage, dass zwei Welten durch eine Metapher zusammenkommen – wie es der Theologe Jüngel in seinem Metaphernaufsatz so betonte –, dann kommen zwei Welten nicht eigentlich zusammen, aber uneigentlich durch und durch, wie z.B. bei dem metaphorischen Satz: Der Papst ist ein Fuchs. Hier prallt die Welt des Vatikans und der katholischen Kirche mit der Welt des Tierreiches zusammen, und es werden Eigenschaften aus der einen Welt der anderen Welt zugerechnet. Wahrheit kann also sowohl durch den Mythos transportiert werden, aber auch selbstredend durch den Logos.
Dazu kommen wir jetzt:
Der später hinzukommende philosophische Europäer geht wiederum mehrere Schritte zurück und definiert die Oberbegriffe einer Sache und erkennt vor allem den Unterschied zu anderen Sachen. Daraus entwickelt sich schon sehr früh eine ganze komplexe Unterscheidung von Begriffen und ein ganzer Deutungsapparat, der mit der Trennung von Homonymen, Synonymen und Paronymen in der Sache in der Kategorienlehre des Aristoteles seinen Anfang fand. Auch die Logik, gemeint ist hier vor allem die Aussagenlogik, wird durch die Philosophie maßgeblich bestimmt. Auch innerhalb dieses Denkens erkennt man deutlich das Zurücktreten, das Agieren auf Distanz.
Selbstredend ist dies durch und durch genuin menschlich. Doch schon bei seinem Lehrer, also dem Lehrer des Aristoteles, nämlich Platon, werden die Dichter zwar ad absurdum geführt, der Bezug zum Mythos wird jedoch nicht vollends negiert. So gibt es so etwas wie das Daimonion, eine Art moralischer innerer Kompass oder eine innere Stimme der Götter. Ob es diese nun tatsächlich gibt oder ob es eine Metapher ist, bleibt offen, aber man sieht dadurch, dass selbst bei einem der größten Rationalisten wie Platon der Mythos nicht negiert wird.
Diese Mischung macht die europäische Denke aus. Doch wie kam es zu dieser Mischung aus Mythos und Logos?
Die massive Vorarbeit der Avantgarde, hier Aristoteles, wurde jedoch für Europa sehr prägend. Der Sinn beginnt mit dem Satz; nur darüber kann man Urteile fällen. Er ist entweder wahr oder falsch. Dabei befindet man sich wieder in einem allgemeinen Denkkosmos, in dem der denkende Mensch nicht direkt agiert, physisch arbeitet oder kämpft. Der europäische Mensch untersucht sowohl die alltäglichen als auch die ersten Dinge und versucht, über diese und deren Folgen Urteile zu beschließen. Daraus leitet sich eine Systematik ab, welche direkt in das römische Denken und später in den römischen Verwaltungs- und Militärapparat fließt und Rom unter anderem gerade durch dieses systematische Denken zu dem machte, was es geworden ist.
Doch von wem reden wir eigentlich, der diesen Standpunkt, diese Sichtweise teilt, wer ist der, der sieht? Es ist eben (noch) lange nicht ein europäischer Durchschnittsbürger eines Staates, sondern eine Art der Avantgarde, oder mit anderen Worten, es sind die Vordenker einer Sache, die (noch) nicht im Umlauf ist, d.h. es herrscht eine Situation vor, wo die Menschen für die besagten Gedanken noch nicht bereit sind und diesen Gedanken auch nicht anwenden können.
Auch generell, ist die Avantgarde als Erfinder von Ideen und Gedanken zu betrachten, es muss jedoch eine spezifische Konstellation von Bedingungen erfüllt werden, dass diese Gedanken wieder zum Vorschein kommen. Es können jedoch nur Gedanken einer Avantgarde als Folge von dieser umgesetzt werden, die sich vom Hier und Jetzt der damaligen Zeit loslöst und eine Vogelperspektive einnimmt, d.h., die Dinge aus der Distanz zu betrachten, denn ansonsten wäre diese Geisteshaltung und so manch genialer Gedanke gar nicht möglich, da die Gedanken, in den Bedingungen des Hier und des Jetzt gefangen wären.
- Form und Gestalt. Die Entstehung des Europäers mit der Ordnung und dem Ort Rom
Nachdem die Könige über Rom herrschten, kam die römische Republik, welche in ihrer Spätzeit fast gänzlich aus dem heutigen Europa bestand. Rom wird als Ordnungsfunktion für den Europäer prägend und nicht mehr zurückzudrehen sein. Hier entsteht neben den vorherigen Schlachten der Griechen gegen die Perser ein eigenes, zunächst römisches Bewusstsein, welches sich auf alle Lebensbereiche ausbreitete, vor allem aber auf das Recht. Das Privatrecht Roms prägte jegliches europäische Bürgerliche Gesetzbuch und wird nicht mehr zurückzudrehen sein. Es ist ein Meilenstein in der europäischen Geschichte.
Auch die Errungenschaften der griechischen Avantgarde werden hier stark abgerufen. Römische Patrizier schicken ihre Kinder zu Studienreisen nach Griechenland. Sowohl die Schriften der platonischen Akademie als auch der Stoiker wurden gelesen und studiert, d. h. das Auf-Distanz-Sein durch Variation und Kategorisierung wurde studiert. Vor allem aber nimmt die Delegation an ein großes und komplexes Verwaltungssystem zum ersten Mal Gestalt an. Was in Griechenland nur für die einzelnen Poleis galt, gilt nun für ganz Rom.
Diese Ordnung, diese Gestalt der Form ist bis heute für Europa prägend und macht die Grundzüge des europäischen Geistes aus. Alle weiteren europäischen Formen und Gestalten übersetzen dieses Ordnungsgefüge in ihr Eigenes. Letztlich will nach dem Ende des antiken Römischen Reiches jeder Staat genau dies erneut für sich reklamieren, das ordnende und bestimmende Gefüge Europas zu werden. Dies ist einer der Gründe für den ewigen Streit und Kampf zwischen den jeweiligen Staaten.
- Das organisch gewachsene Europa und die Renaissance(n)
Nach dem Ende des klassischen Roms wird das Christentum ab Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert nach Christus aus der Illegalität in die Legalität geführt. Dies ändert einiges. Das Christentum ist nicht mehr verfolgt, das Deuten und Institutionalisieren des Christentums begann im ersten Jahrhundert (Paulus) und wird durch die Entwicklung der weiteren kirchlichen Zeit, vor allem durch Augustinus (am Ende des 4. Jahrhunderts), bis zu einer schillernden Figur wie Thomas von Aquin (13. Jahrhundert) ausgeprägt. Hierbei spielt das Ordnungsgefüge Roms eine weitere und massive Rolle.
Hier wird die Methode der Distanz als Erkenntnismethode ebenfalls angewandt; die antike Philosophie, das Auf-Distanz-Gehen zum Untersuchungsgegenstand, ist auch hier thematisch, wird aber scholastisch mit dem Christentum verbunden. Nach dieser Zeit des Mittelalters, das ansonsten stark prägend ist für das Bewusstsein des Europäers, ist jedoch vor allem eines für diese Zeit hervorzuheben: Das Christentum etabliert sich schnell und wird von den meisten Menschen auch höchstwahrscheinlich geglaubt, ansonsten wäre der Ablasshandel, wie sogar noch Anfang des 16. Jahrhunderts, kaum möglich gewesen.
Das Christentum und der Papst nehmen einen Teil der römischen Ordnung ein. Aber eines bleibt klar: Die weltliche Macht ist eine Art Abfolge Roms, nämlich das Römische Reich (ab dem 15. Jahrhundert: das Römische Reich Deutscher Nation), und das Geistliche versteht sich eindeutig christlich-katholisch, ab dem 16. Jahrhundert teils auch lutherisch. Das Christentum macht also einen starken Teil des organisch gewachsenen europäischen Bewusstseins aus. Es wird ein Meilenstein davon.
Gleichzeitig kommt aber eine weitere Komponente dazu, nämlich der binnensystematische Streit, den es selbstverständlich auch davor schon gab, der aber nun massiv durch die Reformation zunimmt und schließlich im Dreißigjährigen Krieg mündet. Dieser Streit zwischen den europäischen Staaten bleibt nicht ohne Folgen; gerade dieser ständige Streit und Krieg zwischen den europäischen Staaten führt zur massiven Erhöhung der Forschung. So wird Kolumbus ganz bestimmt nicht für die Interessen Europas auf seine Expedition geschickt. Das Geschäft, hier die Forschung, wird durch die Konkurrenz und das Rennen um die Vorherrschaft in Europa massiv belebt bzw. angekurbelt.
Neben dieser massiven Konkurrenz kommt ein weiterer Aspekt hinzu, nämlich die Renaissance, d. h., die Welt nicht mehr nur christlich zu sehen, sondern wieder zu dem Standpunkt zurückzukehren, die Welt aus der Ferne zu betrachten. Wie kann man forschend, die Philosophie mal ausgenommen, die Distanz sehend überwinden, ohne die Distanz physisch zu überwinden? Die Entdeckung des Teleskops wird eine Folge dieser Denkweise sein, welche die gesamte Sicht auf die Welt durch das Beweisen des kopernikanischen heliozentrischen Weltbildes durch Galileo Galilei massiv revolutioniert und später von Kepler und Newton nahezu finalisiert wird bzw. fast auf den heutigen Stand gebracht wird. Die Sicht, das Erkennen wird quasi an das Teleskop delegiert, das die weitere Entfernung sichtbar macht.
Die vollständige Delegation an die Technik, d. h., dass Aufgaben nur noch durch Technik möglich sind oder durch Technik viel schneller erledigt werden, ist spätestens hier in die Welt des europäischen Menschen eingebrochen und gehört zu den größten Gefahren für das Erbe Europas. Denn es kann uns weder Mythos (Narrative und Geschichten) noch Logos (rationale Distanz) retten. Die andere große Gefahr, welche mit der ersten Gefahr stark zusammenhängt, ist selbstredend die Migration. Die Delegation von Aufgaben wird zum unaufhebbaren Mittel. Der, der delegiert, kann die Sache selbst aufgrund von verschiedenen Gründen nicht mehr selbständig ausführen. Das tatsächliche Erfüllen der Aufgabe bleibt aber in der Schwebe. Man überblickt nicht mehr den Gesamtzustand der Lage oder will diesen nicht überblicken und ist mit dem reinen Akt der Delegation zufrieden oder anders formuliert:
Der massive Fetischismus der Verfahrensordnung in Europa, den ich als strukturkonservativ und eben nicht als wertekonservativ oder rechts bezeichne, gibt sich damit zufrieden, dass er diese Aufgaben an Behörden und Ämter weitergibt. Dabei ist es für ihn völlig irrelevant, ob die Aufgabe tatsächlich erledigt wird. Gerade dies gilt bei der Migration und führt dieses gesamte Denken ad absurdum. Man geht bei Migranten von ähnlichen Denkaxiomen aus, vor allem was die Strukturen betrifft, diese herrschen aber nicht vor. Gleichzeitig beruft man sich auf die Beschränkung der eigenen Arbeitsbefugnis, obwohl jeder weiß, dass die Verknüpfung, Weiterleitung und Ausführung der Aufgabe völlig ins Leere führen…
Kultur ist stets Kultur von jemandem. Es gibt keine losgelöste Weltkultur namens Menschheit. Goethe wusste bereits ganz genau, dass der Begriff der Menschheit ein Abstraktum darstellt, und Carl Schmitt fasste die Problematik mit dem berühmten Satz in seinem Werk „Der Begriff des Politischen“ eindeutig zusammen: „Wer Menschheit sagt, will betrügen.“
Dadurch, dass es keine Entsprechung dieses leeren Begriffes gibt, wird der Begriff beliebig mit einer spezifischen Bedeutung aufgeladen, einmal für das und wieder einmal für etwas anderes. Wie verhält es sich aber mit dem Begriff des Europäers? Wird Europa ebenfalls mit beliebiger Bedeutung aufgeladen? Man kann zur Europäischen Union stehen, wie man will, aber sie ist nicht Europa selbst. Wenn man sich Stellungnahmen und Pressemitteilungen der Europäischen Union durchliest, fragt man sich oft, was diese Punkte mit europäischem Interesse auf sich haben. Ist der Begriff des Europäers oder der Begriff Europa also auch wie der Begriff der Menschheit ein Abstraktum? Da kann die Antwort nur ein klares Nein lauten. Der Begriff des Europäers ist nicht nur eine geografische Oberkategorie von Völkern und Staaten (Standort), sondern durch und durch ein eigener Standpunkt. Ein Standpunkt, die Welt zu betrachten.
Der europäische Standpunkt ist die Sichtweise, die Welt aus der Ferne zu betrachten (zu können) und sich gleichzeitig durch den Mythos die Welt zu erschließen.
Doch was ist damit gemeint? Eine konkrete Sache zu beschreiben ist klar, man beschreibt oft ihre Funktion und ihr Aussehen. Ich denke, dass dieses Denken in jeglicher Kultur „normal“ war. Zunächst sieht der Europäer die Welt durch Geschichten, Narrative, Mythen und Metaphern. Diese sind für den Europäer nicht abgeschlossen oder final kodifiziert. Es ist vielmehr die Arbeit, das Weiterspinnen und das Neuauflegen dieser Geschichten, welche den Europäer besonders machen, oder, um es mit dem Titel eines der Werke von Hans Blumenberg zu beschreiben: Es ist die Arbeit am Mythos.
Die Geschichten oder diese Geschichte sind nicht nur irgendetwas Austauschbares. C. G. Jung bezeichnete diese Geschichten als Archetypen, Kerényi als Urbilder. Auf jeden Fall zeigen sie jedoch auf, dass der Mensch innerhalb einer Geschichte oder von Geschichten situiert ist. Es gibt also einen Ort, wo die Geschichte sich entfaltet. Die Welt ist nicht mehr unzugänglich; sie ist die Welt von Helden, Göttern und Zwischenwesen et cetera, vor allem ist sie die Welt von Namen, die miteinander verwoben sind.
Doch was ist daran besonders? Gibt es Mythologien nicht auch in Asien und Afrika? Selbstredend gibt es diese auch in anderen Kulturkreisen. Die Kunst des Europäers ist jedoch, sich durch Geschichten eine eigene Geschichte aufzubauen, die im Verstehenshorizont ständig, d.h. bis heute, eine Rolle spielt. Gleichzeitig gibt es aber eindeutig auch ein Auf-Distanz-Gehen zu dieser Geschichte durch den Logos. Dadurch sind der Mythos und der Logos wie zwei Geschwister. Mögen so manche Geschichten fiktiv sein (res fictae), das heißt wiederum jedoch nicht, dass diese nicht Wahrheit transportieren können.
Ähnlich verhält es sich auch mit den Metaphern: Wenn ich sage, dass zwei Welten durch eine Metapher zusammenkommen – wie es der Theologe Jüngel in seinem Metaphernaufsatz so betonte –, dann kommen zwei Welten nicht eigentlich zusammen, aber uneigentlich durch und durch, wie z.B. bei dem metaphorischen Satz: Der Papst ist ein Fuchs. Hier prallt die Welt des Vatikans und der katholischen Kirche mit der Welt des Tierreiches zusammen, und es werden Eigenschaften aus der einen Welt der anderen Welt zugerechnet. Wahrheit kann also sowohl durch den Mythos transportiert werden, aber auch selbstredend durch den Logos.
Dazu kommen wir jetzt:
Der später hinzukommende philosophische Europäer geht wiederum mehrere Schritte zurück und definiert die Oberbegriffe einer Sache und erkennt vor allem den Unterschied zu anderen Sachen. Daraus entwickelt sich schon sehr früh eine ganze komplexe Unterscheidung von Begriffen und ein ganzer Deutungsapparat, der mit der Trennung von Homonymen, Synonymen und Paronymen in der Sache in der Kategorienlehre des Aristoteles seinen Anfang fand. Auch die Logik, gemeint ist hier vor allem die Aussagenlogik, wird durch die Philosophie maßgeblich bestimmt. Auch innerhalb dieses Denkens erkennt man deutlich das Zurücktreten, das Agieren auf Distanz.
Selbstredend ist dies durch und durch genuin menschlich. Doch schon bei seinem Lehrer, also dem Lehrer des Aristoteles, nämlich Platon, werden die Dichter zwar ad absurdum geführt, der Bezug zum Mythos wird jedoch nicht vollends negiert. So gibt es so etwas wie das Daimonion, eine Art moralischer innerer Kompass oder eine innere Stimme der Götter. Ob es diese nun tatsächlich gibt oder ob es eine Metapher ist, bleibt offen, aber man sieht dadurch, dass selbst bei einem der größten Rationalisten wie Platon der Mythos nicht negiert wird.
Diese Mischung macht die europäische Denke aus. Doch wie kam es zu dieser Mischung aus Mythos und Logos?
Die massive Vorarbeit der Avantgarde, hier Aristoteles, wurde jedoch für Europa sehr prägend. Der Sinn beginnt mit dem Satz; nur darüber kann man Urteile fällen. Er ist entweder wahr oder falsch. Dabei befindet man sich wieder in einem allgemeinen Denkkosmos, in dem der denkende Mensch nicht direkt agiert, physisch arbeitet oder kämpft. Der europäische Mensch untersucht sowohl die alltäglichen als auch die ersten Dinge und versucht, über diese und deren Folgen Urteile zu beschließen. Daraus leitet sich eine Systematik ab, welche direkt in das römische Denken und später in den römischen Verwaltungs- und Militärapparat fließt und Rom unter anderem gerade durch dieses systematische Denken zu dem machte, was es geworden ist.
Doch von wem reden wir eigentlich, der diesen Standpunkt, diese Sichtweise teilt, wer ist der, der sieht? Es ist eben (noch) lange nicht ein europäischer Durchschnittsbürger eines Staates, sondern eine Art der Avantgarde, oder mit anderen Worten, es sind die Vordenker einer Sache, die (noch) nicht im Umlauf ist, d.h. es herrscht eine Situation vor, wo die Menschen für die besagten Gedanken noch nicht bereit sind und diesen Gedanken auch nicht anwenden können.
Auch generell, ist die Avantgarde als Erfinder von Ideen und Gedanken zu betrachten, es muss jedoch eine spezifische Konstellation von Bedingungen erfüllt werden, dass diese Gedanken wieder zum Vorschein kommen. Es können jedoch nur Gedanken einer Avantgarde als Folge von dieser umgesetzt werden, die sich vom Hier und Jetzt der damaligen Zeit loslöst und eine Vogelperspektive einnimmt, d.h., die Dinge aus der Distanz zu betrachten, denn ansonsten wäre diese Geisteshaltung und so manch genialer Gedanke gar nicht möglich, da die Gedanken, in den Bedingungen des Hier und des Jetzt gefangen wären.
Nachdem die Könige über Rom herrschten, kam die römische Republik, welche in ihrer Spätzeit fast gänzlich aus dem heutigen Europa bestand. Rom wird als Ordnungsfunktion für den Europäer prägend und nicht mehr zurückzudrehen sein. Hier entsteht neben den vorherigen Schlachten der Griechen gegen die Perser ein eigenes, zunächst römisches Bewusstsein, welches sich auf alle Lebensbereiche ausbreitete, vor allem aber auf das Recht. Das Privatrecht Roms prägte jegliches europäische Bürgerliche Gesetzbuch und wird nicht mehr zurückzudrehen sein. Es ist ein Meilenstein in der europäischen Geschichte.
Auch die Errungenschaften der griechischen Avantgarde werden hier stark abgerufen. Römische Patrizier schicken ihre Kinder zu Studienreisen nach Griechenland. Sowohl die Schriften der platonischen Akademie als auch der Stoiker wurden gelesen und studiert, d. h. das Auf-Distanz-Sein durch Variation und Kategorisierung wurde studiert. Vor allem aber nimmt die Delegation an ein großes und komplexes Verwaltungssystem zum ersten Mal Gestalt an. Was in Griechenland nur für die einzelnen Poleis galt, gilt nun für ganz Rom.
Diese Ordnung, diese Gestalt der Form ist bis heute für Europa prägend und macht die Grundzüge des europäischen Geistes aus. Alle weiteren europäischen Formen und Gestalten übersetzen dieses Ordnungsgefüge in ihr Eigenes. Letztlich will nach dem Ende des antiken Römischen Reiches jeder Staat genau dies erneut für sich reklamieren, das ordnende und bestimmende Gefüge Europas zu werden. Dies ist einer der Gründe für den ewigen Streit und Kampf zwischen den jeweiligen Staaten.
Nach dem Ende des klassischen Roms wird das Christentum ab Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert nach Christus aus der Illegalität in die Legalität geführt. Dies ändert einiges. Das Christentum ist nicht mehr verfolgt, das Deuten und Institutionalisieren des Christentums begann im ersten Jahrhundert (Paulus) und wird durch die Entwicklung der weiteren kirchlichen Zeit, vor allem durch Augustinus (am Ende des 4. Jahrhunderts), bis zu einer schillernden Figur wie Thomas von Aquin (13. Jahrhundert) ausgeprägt. Hierbei spielt das Ordnungsgefüge Roms eine weitere und massive Rolle.
Hier wird die Methode der Distanz als Erkenntnismethode ebenfalls angewandt; die antike Philosophie, das Auf-Distanz-Gehen zum Untersuchungsgegenstand, ist auch hier thematisch, wird aber scholastisch mit dem Christentum verbunden. Nach dieser Zeit des Mittelalters, das ansonsten stark prägend ist für das Bewusstsein des Europäers, ist jedoch vor allem eines für diese Zeit hervorzuheben: Das Christentum etabliert sich schnell und wird von den meisten Menschen auch höchstwahrscheinlich geglaubt, ansonsten wäre der Ablasshandel, wie sogar noch Anfang des 16. Jahrhunderts, kaum möglich gewesen.
Das Christentum und der Papst nehmen einen Teil der römischen Ordnung ein. Aber eines bleibt klar: Die weltliche Macht ist eine Art Abfolge Roms, nämlich das Römische Reich (ab dem 15. Jahrhundert: das Römische Reich Deutscher Nation), und das Geistliche versteht sich eindeutig christlich-katholisch, ab dem 16. Jahrhundert teils auch lutherisch. Das Christentum macht also einen starken Teil des organisch gewachsenen europäischen Bewusstseins aus. Es wird ein Meilenstein davon.
Gleichzeitig kommt aber eine weitere Komponente dazu, nämlich der binnensystematische Streit, den es selbstverständlich auch davor schon gab, der aber nun massiv durch die Reformation zunimmt und schließlich im Dreißigjährigen Krieg mündet. Dieser Streit zwischen den europäischen Staaten bleibt nicht ohne Folgen; gerade dieser ständige Streit und Krieg zwischen den europäischen Staaten führt zur massiven Erhöhung der Forschung. So wird Kolumbus ganz bestimmt nicht für die Interessen Europas auf seine Expedition geschickt. Das Geschäft, hier die Forschung, wird durch die Konkurrenz und das Rennen um die Vorherrschaft in Europa massiv belebt bzw. angekurbelt.
Neben dieser massiven Konkurrenz kommt ein weiterer Aspekt hinzu, nämlich die Renaissance, d. h., die Welt nicht mehr nur christlich zu sehen, sondern wieder zu dem Standpunkt zurückzukehren, die Welt aus der Ferne zu betrachten. Wie kann man forschend, die Philosophie mal ausgenommen, die Distanz sehend überwinden, ohne die Distanz physisch zu überwinden? Die Entdeckung des Teleskops wird eine Folge dieser Denkweise sein, welche die gesamte Sicht auf die Welt durch das Beweisen des kopernikanischen heliozentrischen Weltbildes durch Galileo Galilei massiv revolutioniert und später von Kepler und Newton nahezu finalisiert wird bzw. fast auf den heutigen Stand gebracht wird. Die Sicht, das Erkennen wird quasi an das Teleskop delegiert, das die weitere Entfernung sichtbar macht.
Die vollständige Delegation an die Technik, d. h., dass Aufgaben nur noch durch Technik möglich sind oder durch Technik viel schneller erledigt werden, ist spätestens hier in die Welt des europäischen Menschen eingebrochen und gehört zu den größten Gefahren für das Erbe Europas. Denn es kann uns weder Mythos (Narrative und Geschichten) noch Logos (rationale Distanz) retten. Die andere große Gefahr, welche mit der ersten Gefahr stark zusammenhängt, ist selbstredend die Migration. Die Delegation von Aufgaben wird zum unaufhebbaren Mittel. Der, der delegiert, kann die Sache selbst aufgrund von verschiedenen Gründen nicht mehr selbständig ausführen. Das tatsächliche Erfüllen der Aufgabe bleibt aber in der Schwebe. Man überblickt nicht mehr den Gesamtzustand der Lage oder will diesen nicht überblicken und ist mit dem reinen Akt der Delegation zufrieden oder anders formuliert:
Der massive Fetischismus der Verfahrensordnung in Europa, den ich als strukturkonservativ und eben nicht als wertekonservativ oder rechts bezeichne, gibt sich damit zufrieden, dass er diese Aufgaben an Behörden und Ämter weitergibt. Dabei ist es für ihn völlig irrelevant, ob die Aufgabe tatsächlich erledigt wird. Gerade dies gilt bei der Migration und führt dieses gesamte Denken ad absurdum. Man geht bei Migranten von ähnlichen Denkaxiomen aus, vor allem was die Strukturen betrifft, diese herrschen aber nicht vor. Gleichzeitig beruft man sich auf die Beschränkung der eigenen Arbeitsbefugnis, obwohl jeder weiß, dass die Verknüpfung, Weiterleitung und Ausführung der Aufgabe völlig ins Leere führen…
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