Rezension

Ernst Jünger: Heliopolis

Zehn Jahre nach Ernst Jüngers Debütroman erschien 1949 sein zweiter: „Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt“. Eine Rezension von Fabian Müller.

Ernst Jünger widmet sich in Heliopolis einem typischen Thema fantastischer, dystopischer Romane: den Städten. Der Offizier Lucius De Geer, Gentleman alter Schule, höchstmoralischer und konservativer Befehlshaber ist die Hauptperson in Jüngers Roman. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Parallelen zwischen Jünger und De Geer sind so deutlich, dass keine rechte Roman-Stimmung aufkommen will. Kennt man Jüngers Vita, ist man teilweise unangenehm von der deutlichen Personifizierung berührt.

Nihilismus gegen Werteordnung

Lucius De Geer erreicht die südlich anmutende Hafenstadt Heliopolis, in der ein ausgeglichener Machtkampf tobt. Der bösartige, nihilistische Landvogt ist der unmoralische Gegensacher des akademisch-philosophischen Prokonsuls. Beide Befehlshaber wirken aus dem Hintergrund auf den Plot der Geschichte. Ein typischer Kunstgriff, den Jünger bereits in den Marmorklippen verwendete. Man strukturiert anhand klarer Kontrahenten das Geschehen, ohne sie richtig in Erscheinung treten zu lassen.

Der Roman ist eine Mischung aus fantastischen Elementen, die jedoch durch die Zeit des Nationalsozialismus und der befürchteten Zukunft Deutschlands, nach dem Untergang des Dritten Reiches, determiniert sind. So wird eine Volksgruppe verfolgt, die Zeitungen verfälschen die Wahrheiten und der Pöbel läuft Amok. Das gesamte Geschehen der Zeit verdichtet sich in den lokalen Verhältnissen von Heliopolis, wodurch Spannung erzeugt wird und die Ortschaft als Blaupause der Geschichte dient. Jüngers Furcht vor der Zukunft tut das übrige. So ist der Roman ein buntes Potpourri aus Gesellschafts– und Technikkritik, Aufarbeitung autobiographischer Probleme, düsterer Zukunftsvision und theoretischer Gedankenspiele. Im Vordergrund stehen die Probleme des 20. Jahrhunderts ohne spezifisch auf einer einzigen Ideologie herumzureiten. Kritisiert werden alle großen „Ismen“. Doch zurück zur Handlung.

Ein Moralist zwischen den Stühlen der Realpolitik

Lucius De Geer, ursprünglich glühender Anhänger des Prokonsuls und seines Stabes, entfernt sich im Verlauf des Buches immer weiter von dieser Seite und seinem Vorgehen. Die moralische Integrität De Geers zwingt ihn schließlich zum Bruch mit dem Prokonsul, da dieser sich, zumindest praktisch, immer weiter dem Landvogt annähert und realpolitische Mittel nutzt, um seinem Kontrahenten zu schaden. Dabei bleibt Ethik und Moral zumindest ansatzweise auf der Strecke, wodurch der Bruch mit dem Burgenländer De Geer weiter forciert wird. Die Situation in der Stadt spitzt sich zu und gipfelt schließlich in einem Himmelfahrtskommando, während dem Lucius seinen verletzten Freund rettet. Die dadurch verlorenen Minuten fehlen ihnen bei der Flucht. Doch knapp können sie sich den Fängen des Landvogtes entziehen.

An dieser letzten Situation kann man stellvertretend die gesamte literarische Spannung des Buches abarbeiten. Die soldatische Pflicht des gefahrvollen Unternehmens steht in Gegensatz zu Lucius De Geers Ethik. Der Protagonist versucht beides unter einen Hut zu bekommen, scheitert beinahe, und wird schließlich ehrenhaft entlassen. So stellt Jünger vermutlich eines seiner größten persönlichen und soldatischen Probleme dar und zeigt auch auf, dass trotz eines „guten Befehlshabers“ der wahrhaft Moralische immer zwischen den Stühlen stehen wird. Was mit Lucius nach seiner Entlassung passiert, kann als gedanklicher Meisterkniff Jüngers gelten. An dieser Stelle soll nicht zu viel verraten werden, doch steht der Clou der Geschichte für die Haltung einer gesamten konservativen Generation, die an der Realität Deutschlands, gerade nach 1945 scheiterte.

Jünger behindert sich selbst

Jünger schreibt hervorragend, keine Frage. Auch in Heliopolis zündet Jünger sein schriftstellerisches Feuerwerk und beweist sein Können als einer der intelligentesten und talentiertesten Autoren Deutschlands. Doch genau das stört an vielen Stellen. Wenn Ernst Jünger vierzig Seiten vor der ersten Handlung, zwar auf brillante Art und Weise, Landschaftsbeschreibungen anheimfällt, die in einem Roman innerhalb des Romans auftauchen, so ist das zwar eine nette Idee und handwerklich herausragend, hat aber nichts mit Handlung und Lebenswelt der Personen zu tun und bringen das Buch nicht voran. Eine metaphysische Verbindung zum Plot kann sicherlich gezogen werden, benötigt aber wie bei vielen anderen Stellen, deutliche Aufmerksamkeit des Lesers und eine Überdehnung der literarischen Interpretation.

Eine weitere Krankheit des Buches: Jünger formuliert so gerne und hervorragend, dass das Geschehen hinten angestellt wird. Manchen mag dies sicherlich gefallen, doch erinnert es an eine berauschende arte–Dokumentation, bei der die Bilder den Gehalt überflügeln und man sich am Ende fragt: Was hab ich jetzt alles gelernt? Dadurch streift er die Grenze der Langeweile, insbesondere bei Lesern, die bereits mit Jüngers literarischer Art vertraut sind. Motive, Bedeutungen, elegische Passagen kehren aus Jüngers früheren Texten wieder. Zusätzlich wirkt der Roman oft wie ein Tagebuch. Die Parallelen zu Jüngers Strahlungen sind groß. Auch die Beschreibungen in Das Abenteuerlichen Herz sind sehr nah an dem Roman angesiedelt.

Magischer Realismus oder missglückter Roman?

Dazu gesellen sich metaphysische und allzu belehrende Stellen, theologische Gedanken Lucius De Geers oder komplizierte Überlegungen der anderen Personen, die zwar interessant sind, aber vom Leser durchdacht werden müssen. Solche Capriccios sollten nicht Teil eines Romans sein, sondern in Jüngers Gedankenaufzeichnungen verbannt werden. Auch ein multidimensionaler Drogenrausch der Hauptperson, kurz vor Ende der Geschichte, scheint eher von Jüngers eigenen Erfahrungen geleitet zu sein, als die Handlung sinnvoll und verständlich voranzubringen. Jünger kann nicht aus seiner Haut, der Roman ist zwar gut, reicht aber bei weitem nicht an die autobiographischen Werke seines Verfassers heran. Auch Jüngers erster Roman Auf den Marmorklippen krankt an diesen Symptomen. Die Marmorklippen sind aufgrund des Realitätsbezuges herausragend, nicht jedoch durch die belletristische Stärke Jüngers.

Seine Fans sollten sich definitiv auf die „Sonnenstadt“ einlassen, aber nicht zu viel erwarten. Leser, die sich neu an Jünger heranwagen, sollten unbedingt mit den klassischen Büchern und Erzählungen beginnen. Auch liegt der Verdacht nahe, dass Jünger kein guter Geschichtenschreiber war. Er trennt sich nicht stark genug von der Realität, was bei einem fiktionalen Roman wie Heliopolis obligatorisch sein sollte und arbeitet hauptsächlich und sehr deutlich seine eigenen Probleme und Gedanken auf. Doch wer kann ihm das verübeln?

Regulär ist Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt nur in einer Auflage erschienen. Gebraucht gibt es den Roman ab 20 Euro bei den üblichen Buchbörsen.

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