Lesetagebuch X: Roland Baader – Die belogene Generation
10-07-2008 von Felix MenzelSo richtig zufrieden bin ich mit unserer derzeitigen Debatte (seht dazu: Interview mit Lichtschlag, Liberalismus und Anarchismus in eine Front!) mit den Libertären nicht. Der gegenseitige Gedankenaustausch hat noch nicht zu wirklich neuen Schlußfolgerungen auf beiden Seiten geführt. Die Libertären begreifen noch immer nicht recht, welche Funktion kollektive Identitäten haben. Das fängt an beim identitätsformenden Charakter einer einheitlichen Sprache und hört auf bei der Frage nach den Alternativen zum Nationalstaat. Ich gehe davon aus, daß die einzige langfristig tragbare Alternative zu diesem ein imperialistisches Modell wäre. Ein ganz simples, aber wichtiges Merkmal von überlebensfähigen Gesellschaften ist der soziale Kitt, der ein Bewußtsein für Vergangenheit und Zukunft schafft. Auf diesen Einwand habe ich von Libertären bisher noch keine gute Antwort erhalten.
Und auch wir Konservative müssen uns Kritik gefallen lassen, was die Fruchtbarkeit dieser gemeinsamen Debatte angeht. Unser Unbehagen am Wohlfahrts- bzw. Sozialstaat bringen wir noch nicht gut genug auf den Punkt und die Wirtschaftspolitik ist immer noch unser großer blinder Fleck.
Wie dem auch sei; ein Libertärer, von dem Konservative auf jeden Fall noch lernen können, ist der Publizist Roland Baader. Und da ich gestern Abend noch etwas lernen wollte, habe ich seit langer Zeit einmal wieder sein Buch „Die belogene Generation. Politisch manipuliert statt zukunftsfähig informiert“ zur Hand genommen. Unter der Überschrift „Autorität und Herrschaft“ schreibt Baader:
Was vordergründig nach mehr Freiheit und nach Stärkung der Persönlichkeit aussieht, nämlich das Ablehnen („Hinterfragen“) aller gewachsenen und traditionellen Autoritäten, ist in Wirklichkeit ein Weg in die Hörigkeit, zur Staatshörigkeit nämlich und zum Stallfrieden an den Futterkrippen des Wohlfahrtsstaates. Wo gewachsene private Autorität schwindet, wird das Vakuum unvermeidlich durch wachsende politische Macht gefüllt.
Na, das klingt doch schon sehr verdächtig nach einem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zwischen Konservativen und Libertären. In einem Wort zusammengefaßt geht es also um Selbstverantwortung. Da diese und der Markt aber nicht alle Probleme auf Erden lösen können, hat sich die Menschheit schon immer irgendeinen Leviathan gesucht.
Notwendig ist Politik ausschließlich als dienende Ordnungspolitik und zur Sicherung der Bürger vor Übergriffen auf ihre Person, also auf ihr Leben, ihren Körper und die Früchte ihrer Arbeit bzw. auf ihr rechtmäßig erworbenes Eigentum.
Der Begriff des „Eigentums“ spielt bei Radikalfreiheitlichen eine zentrale Rolle. Merken wir uns also die zwei Stichworte „Selbstverantwortung“ und „Eigentum“ und füllen sie mit leben.
Weitere Einträge aus dem Lesetagebuch:
Lesetagebuch IX: Botho Strauß – Der Aufstand gegen die sekundäre Welt – und – Anschwellender Bocksgesang
Lesetagebuch VIII: Giorgio Agamben – Die kommende Gemeinschaft
Lesetagebuch VII: Dieser Thor Kunkel
Lesetagebuch VI: Zukunftsaussichten – Über Ayn Rand und Gottfried Benn
Lesetagebuch V: Juli Zeh – Schilf
Lesetagebuch IV: Rohrmosers Vorstellung von Schwarz-Grün
Lesetagebuch III: Klonovsky – Jede Seite ist die falsche
Lesetagebuch II: Schreckens Männer
Lesetagebuch I: Die kleinen Gärten des Maestro Puccini

July 10th, 2008 am 05:23 pm
July 10th, 2008 am 06:24 pm
July 10th, 2008 am 08:18 pm
July 10th, 2008 am 08:39 pm
July 10th, 2008 am 11:32 pm
July 11th, 2008 am 10:18 am
July 11th, 2008 am 10:57 am
July 12th, 2008 am 06:19 am
July 12th, 2008 am 11:50 am
July 12th, 2008 am 01:37 pm