Rezension

Heidegger und die „tiefe Rechte“

Abgetan, mit einem Schmunzeln abgenickt, zur Tagesordnung zurückkehrend – zurück, aber nicht zu den Sachen selbst, sondern zur kalten Rationalität des Professionellen. Selbst der triste Alltag ist besser als Schwurbelei, keine Zeit für Dichter mit der Sprache eines Jargons der Eigentlichkeit (Adorno über Heidegger). Es ist relativ schnell klar, um wen es geht: Es geht um Martin Heidegger und um das Werk Die tiefe Rechte von Christian Illner.

Der Philosoph Martin Heidegger muss nicht jedermanns Sache sein, aber so beobachte ich die jüngsten Entwicklungen der letzten Jahre in der Rechten: Dieser geniale Grunddenker wird langsam eine Sache für niemanden und keinen. Umso froher bin ich, dass Illner den Weg zurückfindet – den Weg und die Fährte (Scherz: um wegen Derrida nicht „Spur“ zu sagen) zur Sprache und zum Denken Heideggers – Unterwegs zur Sprache (Heideggers) –, könnte man süffisant als Anspielung auf eines der Werke von Martin Heidegger sagen.

Völlig richtig erkennt Illner, dass es sich bei Heidegger um einen tief rechten Denker handelt, und völlig richtig ist ein tief rechtes Denken in KEINER Weise selbstverständlich. Unsere klassische Analyse ist im Grunde genommen (das wusste bereits Descartes) eine Zerteilung des untersuchbaren Gegenstandes. Der untersuchbare Gegenstand wird zunächst als Ganzes kontextualisiert und dann zerteilt, erforscht und wie eine Art Puzzle betrachtet. Durch das Zerteilen erdenkt man sich das Zusammenspiel der Teile, also den Sinn der Teile als Einzelnes zu begreifen durch die Beziehung zwischen den Teilen.

Was aber, wenn der untersuchbare Gegenstand sich erst im Vollzug oder Erleben zeigt? Was, wenn ein Phänomen nicht einfach abgestempelt und zerteilt werden kann, beziehungsweise ihm dadurch das Zugrundeliegende oder das Wesenberaubt wird? Meistens, wenn das passiert – und das passiert öfter, als wir denken –, wird gesagt, dass dies kein untersuchbarer Gegenstand der jeweiligen Wissenschaft sei; es wird so eine Art der Negierung der Zuständigkeit aufgebaut. Denn dies sei keine Frage der jeweiligen Einzelwissenschaft.

Wessen Frage ist es dann? Die Antwort auf diese Frage gestaltet sich schwerer als gedacht. Wissenschaften wollen bereits Ergebnisse in Bahnen gelenkt sehen und nicht durch die Stimmlage, die Variation und Etymologie der Sprache die möglichen Wege des Verstehens, sogenannte Denkwege und Wegmarken aufzeigen, wie es Heidegger tat. Wissenschaft denkt nicht (Heidegger), denn sie stellt fest. Ein Feststellen und Einfrieren kann wichtig sein, um gesicherte Erkenntnis zu bekommen, doch in der Politik – und wir sind nun mal in der Politik – wird es zum Phänomen eines Kaltstellens. Ein Analytiker im obigen Sinne verhält sich distanziert zum untersuchenden Gegenstand, er ist kein jemeiniger Künstler, ist letztlich wie eine Art Tool oder Mechanik zu klassifizieren. Eine Mechanik, die unter bestimmten Parametern zu bestimmten Ergebnissen kommt – man muss zwar manchmal wissenschaftlich Abstriche machen – im Großen und Ganzen regiert jedoch die teils tötende Zerteilung (metaphorisch gemeint).

Die Politik ist lebendig, die Politik ist erschütternd und ja, die Politik ist gefährlich.

Aber – und deswegen bin ich über das Werk von Illner sehr erfreut – es bringt das Rechte und Heidegger wieder zurück zum Wald(gang). Nachdem Gadamer (bei Weitem nicht nur er) und Konsorten das Rechte urbanisiert (zur Stadt gemacht) haben, geht Illner einen Weg abseits der Betonwege, einen Weg, die Phänomene zu beschreiben und den Vollzug des Phänomens dem Leser näherzubringen, den Leser quasi aufzufordern das Phänomen zu durchleben bzw. zu erleben.

Denn wer weiß schon, was Gefährtenschaft bedeutet, wenn er diese nicht erlebt hat?

Gefährtenschaft lässt sich zwar definieren, dennoch versteht man den Begriff ohne das Erleben nicht.

Hoch (vielleicht sogar abgehoben) ist die Analyse, verwurzelt in unserer Sprache ist die „tiefe“ Rechte.

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(Bild Heidegger: Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 023740f / Fotograf: Willy Pragher / CC BY 4.0)