Gesichtet

Die Welt um uns herum

Wer kennt den Vorwurf der Linken nicht, man würde sich als Rechter irrational und unlogisch verhalten?

Beispiele für solche Vorwürfe gibt es bekanntlich einige. Wir kennen zum Beispiel die Zurückweisung jeder Kritik am „Denglischen“, der vermehrten Aufnahme von in den deutschen Sprachgebrauch übernommener Worte aus der englischen Sprache.

Von den Apologeten einer solchen Entwicklung ist standardmäßig zu hören, dass lebendige Sprache kein fester Gegenstand sei, sondern sie sich stetig weiterentwickelt, was u.a. auch eine Aufnahme fremdsprachigen Vokabulars beinhalte. Eine solche Diagnose ist für sich genommen natürlich auch richtig: Setzt man sich mit den Entwicklungen von Sprachen auseinander, wird man schnell feststellen, dass solche Prozesse oft sogar die Regel sind. Alleine, bei dieser reinen Analyse kann man nicht stehen bleiben, will man das Phänomen Sprache gänzlich verstehen. Denn was nun hinzutreten muss, ist die Frage, in welchem Bezug der Mensch zu all dem steht.

Intuition ist nicht unlogisch

Wir stehen mit unserer Muttersprache in einem lebendigen Verhältnis, welches nicht erst durch wissenschaftliche Analysen geprägt wird. Eine wissenschaftliche Sichtweise auf die Sprache kann uns natürlich sehr viel über sie verraten, insbesondere über ihre Geschichte und Funktionsweise. Jedoch finden derlei Reflexionsprozesse nicht einmal bei den größten Sprachwissenschaftlern ständig statt, sondern selbst die Sprachforscher stehen die allerlängste Zeit ihres Lebens in einem ganz unwissenschaftlichen Verhältnis zu ihrer eigenen Sprache. Wie jeder andere Mensch, könnten auch sie bereits intuitiv aufschrecken, wenn ihre Muttersprache in einem kurzen Zeitraum von zu vielen Fremdwörtern überfahren wird. Durch eine rein analytische Sichtweise kann man also einiges über die Sprache selbst aussagen, jedoch nichts über unser Verhältnis zu ihr.

Die Verengung unseres Blickes in den einzelnen Wissenschaften auf klar bestimmbare Aussagen fing dabei nicht erst in den letzten Jahrzehnten an, sondern hat weitaus ältere Wurzeln. Für gewöhnlich wird sie mit dem Durchbruch der mathematischen Logik, in den Bereichen der späteren Geisteswissenschaften, ab Beginn der Renaissance verortet. Diese formale Denkart galt zunächst vielversprechend als der Schlüssel, mit dem die gesamte Welt nun nach und nach rational verstanden werden könne. Namen wie Descartes, Locke und Leibniz waren es, die das mittelalterliche Denken aufbrachen, in dessen Zentrum stets die Religion stand, um die neuen Erkenntnisse über die Welt in das philosophische Denken mit einzubeziehen. Dadurch trat die Philosophie überhaupt wieder in das Leben des Europäers, da sie über die Jahrhunderte des Mittelalters hinweg eine Stelle als „Magd der Theologie“ zugewiesen bekam.

Lebensbezug beachten

Die Beschränkung unseres Weltverständnisses auf apriorische und mathematische Grundzüge brachte dann aber neben dem erstaunlichen Wissenszuwachs auch ihre Schattenseite mit sich. Es fand eine theoretische Verengung des Denkens statt, welches trotz gewichtiger Gegenstimmen über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit aktiv blieb. Im 19. Jahrhundert war es etwa der Philosoph Wilhelm Dilthey, der die in den Wissenschaften erarbeitete Erkenntnis in den Lebenskontext des Menschen theoretisch einfügen wollte. Denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind zwar für unser tiefergehendes Weltverständnis wichtig, jedoch haben sie keinen unmittelbaren Bezug zu uns, da wir durch unsere Lebenswirklichkeit zunächst einmal ganz andere Bereiche eröffnet bekommen.

„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“ (Albert Einstein)

Und wie mit der Sprache, so ist es dann auch in anderen Bereichen unseres Lebens. Es mag z.B. richtig sein, dass wir über 99 Prozent der menschlichen Gene mit allen übrigen Menschen gemein haben und es demnach – rein formal betrachtet – unlogisch wäre, die Menschheit überhaupt in Völker und Ethnien zu unterteilen. Nehmen wir aber diese naturwissenschaftliche Erkenntnis wahr, wenn wir die unterschiedlichsten Menschen vor uns sehen? Freilich sehen wir da immer noch Menschen vor uns, da wir einen Menschen immer auch als einen solchen auffassen. Jedoch, wenn wir etwa Phänomene wie den Rassismus begreifen wollen, müssen wir zunächst einmal die lebensweltlichen Wahrnehmungsvorgänge verstehen lernen, welche uns bewusst oder unbewusst beeinflussen.

Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften

So liegt der Bereich der Geisteswissenschaften durch seinen Bezug auf den Menschen auf einer anderen Ebene als der der Naturwissenschaften. Denn da der Mensch durch seinen Geist notwendig in einer Offenheit zu sich und der Welt steht, kann er nicht nach mathematischen Kriterien bestimmbar gemacht werden. Eine solche Herangehensweise ist nur im Bereich der Naturwissenschaften sinnvoll, da ihr Wirkungsbereich eben jener ist, in welchem klare Strukturen zu erkennen sind. Der Mensch hingegen ist nie ganz objektiv greifbar. Er lässt sich in Strukturen nicht als feststehendes Teilchen einfügen, sondern wird erst dadurch zum Menschen, dass er fähig zum Handeln und Entscheiden ist.

Durch die Offenheit seines Geistes tritt der Mensch der Welt gegenüber, wodurch Erfahrungen, Ästhetik und Intuition, ebenso wie Wissenschaft in seinen Blick geraten, ohne eines von ihnen je gänzlich ausblenden zu können. Die natürliche Grenze der Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnis für den Menschen würde demnach auch klar werden lassen, dass der Mensch aufgrund dessen nicht beliebig konstruierbar sein kann. Wann dies aber einer größeren Masse einleuchtet und der westliche Mensch diese moderne Verkürzung der Lebenswirklichkeit bemerkt, bleibt abzuwarten.

(Bild: Der vitruvianische Mensch, Leonardo da Vinci, ca. 1490)

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