Gesichtet

Postliberale Ökonomie: Ein deutsches Erfolgsmodell?

Ja zur Freiheit! Ja zum Wettbewerb! Aber „Nein“ zum „Liberalismus“! Wie paßt das zusammen? Und: Geht das überhaupt?

Ende des 20. Jahrhunderts erreichte der Liberalismus seinen historischen Höhepunkt und schien alle ideologischen Kontrahenten besiegt zu haben. Inzwischen hat sich das Blatt allerdings gewendet. Selbst in den USA dominieren „Postliberale“ den Diskurs. In Deutschland zeigt sich zudem, daß der Liberalismus nur dann überleben dürfte, wenn er sein Wachstumsversprechen nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation wieder erfüllen kann.

Kein Ende der Geschichte trotz Überalterung

Armin Mohler, Vordenker der Neuen Rechten, brachte 1988 in seinem berühmten und noch heute erhältlichen Essay Gegen die Liberalen zum Ausdruck, weshalb der Liberalismus keineswegs das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) einläuten kann. Er erklärte:

„Das eigentliche politische Problem des Liberalismus ist, daß eine liberale Praxis nur möglich ist, wenn gewisse Traditionsbestände an Gewohnheiten und tief eingerasteten Sitten noch vorhanden sind, mit deren Hilfe die Gesellschaft ihre Schwierigkeiten meistert. Salopp gesprochen: sechs konservative Jahrhunderte erlauben es zwei Generationen, liberal zu sein, ohne Unfug anzurichten. Sind aber jene Bestände in der permissiven Gesellschaft einmal aufgezehrt, so werden die bestgemeinten liberalen Parolen zu Feuerlunten.“1Armin Mohler: Gegen die Liberalen. Schnellroda 2011, S. 11

Der Liberalismus halte sich „an seiner Bilderbuchwelt fest“, in der „alles seine glatte Lösung findet“2Ebd., S. 15, kritisierte Mohler weiter. Das Grundgesetz sei zum Beispiel nicht mehr als eine „Quelle der Heuchelei“, weil der konsequente Schutz der Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit an „Unerfüllbarkeit“ scheitern würden.3Ebd., S. 16

Man könnte die Diskussion über den Liberalismus freilich auch abkürzen. Wie die letzten fünf Jahrzehnte leider bewiesen haben, ist er nicht in der Lage, das Überleben des eigenen Volkes zu sichern. Solange keine Lösung für dieses existentielle Problem des langsamen Aussterbens der Deutschen, das in der Wissenschaft verharmlosend und verschleiernd als „demographischer Übergang“ bezeichnet wird, in Sicht ist, erübrigt sich eigentlich jede weitere Befassung mit möglichen Vorzügen liberaler Gesellschaften. Wenn die Parole „Mein Bauch gehört mir“ zur Tötung von jährlich rund 100.000 ungeborenen Kindern allein in Deutschland führt, dann ist das eben eine rein negative Freiheit der Zerstörungswut. Man kann auch Städte von ihrer Architektur „befreien“. Die Trümmerwüsten haben allerdings erkennbar überhaupt nichts mit Freiheit zu tun. Die Bereitschaft der Trümmerfrauen, ein ganzes Land nach der Zerstörung pflichtbewußt wieder aufzubauen, zeigt hingegen, daß freie Entscheidungen immer eigene Anstrengungen voraussetzen.

„An Liberalismus gehen die Völker zugrunde“, postulierte Arthur Moeller van den Bruck, einer der wichtigsten Publizisten der Konservativen Revolution, prophetisch zu diesem Dilemma der Geburtenverweigerung emanzipierter Menschen. Mohler sah darin keinen „Schlußstrich“, sondern eine „Mahnung“, denn der „deutsche Geist“ habe „sich immer wieder der Zwangsjacken“ entledigen können.4Ebd., S. 73 Die Schwierigkeit, diese Zwangsjacke abzuwerfen, hat etwas mit ökonomischen Fehlannahmen zu tun. Die Stabilität des Liberalismus in den letzten Jahrzehnten beruhte auf dem Wohlstand der Menschen in der westlichen Welt, die erst in den kommenden Jahrzehnten – also zeitversetzt – die volle Wucht der Überalterung ihrer Gesellschaften zu spüren bekommen werden.

Dieser Wohlstand konnte nur durch weitestgehend freie Märkte erwirtschaftet werden. Das ist richtig. Der Liberalismus als Ideologie neigt aber dazu, „das alte Freiheitspathos“ nur noch als Lippenbekenntnis zu nutzen, während im Hintergrund ein Gesellschaftsumbau stattfindet, der den vorgegebenen Zielen widerspricht. Weitsichtig erkannte Mohler, daß so „eine Konsumentengesellschaft von erheblich abgesenktem Wohlstandsniveau“ entsteht, „die durch das Spiel der Interessenverbände reguliert wird“.5Ebd., S. 22 In den ärmeren Neuen Bundesländern hatten das viele Bürger schon länger durchschaut. Angesichts der rasanten De-Industrialisierung scheint sich nun auch die Stimmung in Westdeutschland zu drehen.

Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, in einem ersten Schritt eine differenzierte und detaillierte Bilanz des gescheiterten Liberalismus unter ökonomischen Gesichtspunkten vorzulegen, die über das von Armin Mohler Gesagte hinausgeht. Die folgenden Thesen sollen dazu dienen:

  1. Der Liberalismus ist gescheitert, obwohl er seine volkswirtschaftliche Funktionstüchtigkeit bewiesen hat.

Im Zweifel für den Angeklagten ist davon auszugehen, daß weltweit und auch in den westlichen Nationen ein Mini-Wirtschaftswachstum möglich sind. Das gilt selbst für Deutschland, sofern die Regierung ihren Plan zur Weltklimarettung aufgibt, die Unternehmenssteuern senkt und Bürokratie abbaut.

Die „schöpferische Zerstörung“ (Joseph Schumpeter) funktioniert nach wie vor, auch wenn im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ebenso wie schon im vorherigen Zeitalter der Plattformökonomie die Zahl der Gewinner immer kleiner wird und es die vielleicht berechtigte Sorge gibt, die Zahl der Verlierer könnte steigen. Wirtschaft ist trotzdem kein Nullsummenspiel. Deshalb kann es durchaus sein, daß in den Statistiken zwar ein Mini-Wachstum ausgewiesen werden kann, während zeitgleich die Verlustängste zunehmen.

Ähnliches ist über die Finanzmärkte zu sagen: Die gigantische globale Weltverschuldung von  353 Billionen US-Dollar (davon 100 Billionen Dollar Staatsschulden) macht jederzeit einen Crash möglich. Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Die letzten Mini-Crashs an der Börse sind eher ein Zeichen für das gute Funktionieren der Finanzmärkte. Als US-Präsident Donald Trump an seinem „Liberation Day“ im April 2025 der ganzen Welt Zölle ankündigte, brachen die Märkte ein und zwangen Trump zu einem „Taco-Trade“, also einem Rückzieher. Selbst der formal mächtigste Mann der Welt ist somit einer sinnvollen Gewaltenteilung zwischen Politik und Finanzmärkten unterworfen.

Bei einer wirtschaftlichen Schieflage gibt es zudem immer die Möglichkeit, den Globalkapitalismus mit Geldsozialismus – also Nullzinsen – am Leben zu erhalten.

  1. Der Liberalismus ist außenwirtschaftlich gescheitert.

Der vergleichsweise guten volkswirtschaftlichen Bilanz des Liberalismus stehen desaströse Resultate sowohl in der Außenwirtschaft als auch in der Regionalwirtschaft gegenüber. Zunächst zur Außenwirtschaft: Der Liberalismus war in Bezug auf Rußland, China und alle Entwicklungsländer überzeugt davon, „Wandel durch Handel“ einleiten zu können. Das hat sich inzwischen als illusorisch herausgestellt. Die Reaktion darauf waren Sanktionen gegenüber der nicht-liberalen Welt. Diese Sanktionen treffen in erster Linie die Mittelschicht. Nach liberalen Vorstellungen sollte aber ausgerechnet diese Mittelschicht gegen die Herrscher in ihren Staaten rebellieren. Weder in Rußland noch im Iran oder in China ist diese Rechnung aufgegangen. Auch in armen Staaten wie Afghanistan haben die militärischen Regime-Change-Versuche des Westens definitiv mehr Kosten als Nutzen verursacht.

Die „unterste Milliarde“ der Weltbevölkerung ist indes immer weiter zurückgefallen. Die vom Liberalismus behauptete zunehmende Konvergenz zwischen reichen und armen Staaten bzw. der sogenannte „Catch-up-Effekt“ (Aufholen) sind somit widerlegt.6Vgl. Paul Collier: Die unterste Milliarde. Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann. München 2008

Wie wir in unserer Druckausgabe über den Wirtschaftskrieg erklärt haben, muß vor der unsichtbaren Hand des Marktes immer die „unsichtbare Faust“ eingesetzt werden. Diese unsichtbare Faust militärischer Macht erhöht die Kosten des Einsatzes von Gewalt auf der Gegenseite. Wir landen somit bei der realistischen Theorie der internationalen Beziehungen. Diese Theorie geht von Anarchie zwischen den Staaten aus. Es ist nicht möglich, eine freiheitliche Weltregierung zu installieren. „Ein Weltstaat kann nur in einer Tyrannei enden“, wissen wir von Hannah Arendt.7https://www.hannaharendt.net/index.php/han/de/article/download/470/720/1150?inline=1 Krieg bleibt somit die „Ultima Ratio“ der Streitigkeiten zwischen Nationen. Im Gegensatz dazu glaubte die liberale Theorie an die Wirksamkeit supranationaler Institutionen. Diese supranationalen Institutionen haben sich allesamt als zahnlose Tiger erwiesen.

  1. Der Liberalismus ist regionalwirtschaftlich gescheitert.

Der Grund für den ausgebliebenen Aufholeffekt ärmerer Nationen ist neben Regierungsversagen in den Kosten der letzten Meile zu finden. Ein Online-Händler muß für diese letzte Meile bis vor die Haustür mit über 50 Prozent der gesamten Transportkosten kalkulieren. Mit jedem fehlgeschlagenen Zustellversuch wird dieses einzelne Geschäft sofort unrentabel.

Was für den Online-Handel gilt, läßt sich leider auch auf dünn besiedelte Regionen anwenden. Der Kapitalismus lebt von den Leuchttürmen mit ihren Agglomerationsgewinnen. Die Peripherie – auch in wohlhabenden Staaten – bleibt hingegen auf der Strecke. Es lohnt sich nicht, Busse in ländliche Regionen fahren zu lassen. Es lohnt sich nicht, dort die Infrastruktur auszubauen oder Hochschulen anzusiedeln.

Alle diesbezüglichen Korrekturmaßnahmen sind ein einziges wirtschaftliches Desaster. Ein Beispiel dafür sind die Strukturwandel-Mittel für die Kohleregionen. In der Lausitz sind mit gut zehn Milliarden Euro an Fördermitteln bisher nur 29 neue Arbeitsplätze entstanden, während über 13.000 Industrie-Arbeitsplätze verlorengingen.8https://afd-fraktion-sachsen.de/afd-anfrage-nur-29-neue-arbeitsplaetze-durch-kohlemilliarden/ Das ist wohlgemerkt kein Plädoyer dafür, die Regionalentwicklung einzustellen. Es geht an dieser Stelle nur um die niederschmetternde Tatsache, daß der Liberalismus regionalwirtschaftlich gescheitert ist.9Mehr dazu in Recherche D, Heft 6: https://recherche-dresden.de/product/recherche-d-heft-6-august-2019/

  1. Der Liberalismus ist gescheitert, weil er eine Bastardmoderne hervorgebracht hat.

Während es unrentabel und schwierig ist, eine alte Frau aus einem Dorf mit dem Bus in die nächstgelegene Kleinstadt zum Arzt zu fahren, läßt sich in der liberalen Welt sehr einfach Geld verdienen: mit ungesunden Burgern, mit Pornos, mit süchtig machenden Spielen et cetera. Der Journalist Jan Karon hat dafür den treffenden Ausdruck „Bastardmoderne“ geprägt. Die Bastardmoderne verdient sich am seelischen Niedergang der Völker dumm und dämlich. Der Liberalismus hat dafür mit seinem „Anything goes“ (bis hin zur Geschlechtsumwandlung) die unfreiwillige Grundlage geliefert. Er ist bis heute nicht fähig zur Sinnstiftung.

  1. Der Liberalismus ist gescheitert, weil sich die „liberale Demokratie“ immer mehr in eine Elitenherrschaft gegen das eigene Volk verwandelt.

In der „liberalen Demokratie“ der Gegenwart tritt das Kuriosum zutage, daß die postliberalen Vorstellungen des Volkes – zum Beispiel: keine Einwanderung! – mit völlig anderen, aber ebenfalls postliberalen Ideen der Eliten kollidieren. Besonders deutlich wird das an der Judikative. 2021 verpflichtete das Bundesverfassungsgericht die Politik zur Ideologie des Klimaschutzes, obwohl im Grundgesetz lediglich der Erhalt der „natürlichen Lebensgrundlagen“ vorgegeben ist. Dieser Klimaschutz läuft auf Maßnahmen hinaus, die das Leben der Bürger verteuern und der Wirtschaft einen massiven Schaden zufügen. Deshalb passen diese Maßnahmen nicht ins liberale Raster, sondern sind auf ihre Weise „postliberal“.

Ebenso entschieden die Richter in der Corona-Jahren fast ausschließlich zu Ungunsten der Grundrechte der Bürger. Auch hier paßt der Stempel „postliberal“. Wenn hingegen ein Eritreer illegal nach Deutschland einreist, halten diese Richter das Zurückweisen an der Grenze für „rechtswidrig“, obwohl in der Dublin-Verordnung eindeutig geregelt ist, daß Deutschland für diesen Asylbewerber nicht zuständig ist.

Der Politologe Philip Manow sieht daher eine „möglichst umfassende institutionelle Einhegung des elektoralen Moments“, die man einfacher als Demokratieverkürzung bezeichnen könnte. Die Mehrheitsdemokratie des Volkes steht der „Werte“-Demokratie gegenüber. Diese „Werte“ werden dann im Elfenbeinturm von Richtern zu Rechten umgedeutet.10Z.B. im Bereich LGBTQ. Andere Staaten sind Deutschland dabei schon einige Schritte voraus: „Klaren politischen Mehrheiten ist nicht einsichtig zu machen, warum sie ihr Programm, für das sie erfolgreich geworben haben, nicht durchsetzen dürfen, weil ein überschaubares Richtergremium, nicht gewählt, durch niemandem zu kontrollieren oder zu sanktionieren, sich dem entgegenstellt“, beschreibt Manow die zukünftige Hauptkonfliktlinie der liberalen Demokratie.

Der Liberalismus gibt damit seinen ursprünglichen Glauben auf, wonach durch demokratische Wahlen und Parlamentsdebatten die besten Gesetze entstehen. Die Macht wandert vielmehr zu den Gerichten, weil diese angesichts sich verändernder Mehrheiten am wirkungsvollsten die Freiheit der Bürger einschränken können und für die Durchsetzung der herrschenden Ideologie sorgen. Zugespitzt gilt von nun an: In der postliberalen Postdemokratie ist das Volk der Feind und die Entscheidungshoheit rotiert von Berlin nach Karlsruhe.

  1. Der Liberalismus hat sein historisches Scheitern nie aufgearbeitet. Liberale Ideale sind immer in ihr Gegenteil umgeschlagen.

Zur Bestandsaufnahme des Liberalismus gehört auch seine Weigerung, sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen. Die Vergangenheitsbewältigung einzelner Völker – vor allem des deutschen Volkes – und einzelner Ideologien – vor allem des Nationalsozialismus, aber auch mit Abstrichen des Kommunismus – wurde in den letzten Jahrzehnten exzessiv bis hin zur Selbstaufgabe betrieben. Ausgenommen blieb davon erstaunlicherweise der Liberalismus. Kolja Zydatiss und Mark Feldon merken dazu in ihrem Buch Interregnum an: „Der Tugendterror, in den die Erste Französische Republik gestürzt wurde, führte der Welt vor Augen, welche Folgen ein revolutionärer Umsturz haben kann, selbst wenn er von einem liberalen Programm und von liberalen Akteuren getragen wird.“

Weder der Tugendterror noch die anthropologische Fehlannahme, daß sich alle Menschen „in Afghanistan, der Türkei oder im Jemen, nach Selbstverwirklichung, Toleranz und Säkularismus“ sehnen, wurde von liberalen Vordenkern aufgearbeitet. Stattdessen wurde der Liberalismus zu einem Hyperliberalismus der Dekonstruktion aller Identitäten gesteigert.

Wie der deutsche Politologe Daniel Marwecki, der Internationale Beziehungen an der Universität in Hongkong lehrt, in seinem Buch Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert analysiert hat, ist der Liberalismus zudem ahistorisch. Großbritannien, das gern als Musterbeispiel eines frühen liberalen Staats herangezogen wird, sei in Wirklichkeit ein imperialistischer Staat mit hohen Militärausgaben, einer starken Bürokratie, hohen Steuern, einer hohen Staatsverschuldung und starken protektionistischen Tendenzen gewesen. Ebenso wie die Niederlande handelte es sich also um einen „militärisch-fiskalischen Staat“. Währenddessen habe im China des 18. Jahrhunderts sehr wohl die „unsichtbare Hand“ regiert. Der Staat war handlungsschwach, die Steuerlast niedrig und der Markt frei.11Vgl. Daniel Marwecki: Die Welt nach dem Westen Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert. Berlin 2025. S. 39

Mit Adam Smith zurück zu den Ursprüngen?

Zur Ehrenrettung sei jedoch gesagt, daß klugen Liberalen die Probleme des Liberalismus von Vornherein bekannt waren. Zur Lösung dieser Probleme kann deshalb ein Adam Smith (1723-1790) mehr beitragen als die Liberalen von heute. Smith war zum Beispiel nie Globalist, sondern betonte in seinem Hauptwerk über den Wohlstand der Nationen ausdrücklich die Rückbindung des Wirtschaftens an die Heimat. Wenn ein Unternehmer „dem heimischen Gewerbefleiß vor dem fremden den Vorzug gibt (…), so bezweckt er lediglich seinen eigenen Gewinn und wird in diesem wie in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet (…) Auf welche Gattungen des heimischen Gewerbefleißes jemand sein Kapital verwenden soll, und bei welcher das Produkt den größten Wert verspricht, kann offenbar jeder einzelne nach seinen örtlichen Verhältnissen weit besser beurteilen, als es ein Staatsmann oder Gesetzgeber für ihn tun könnte.“12Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Neu-Isenburg 2009. S. 524f

Der Ruf nach der „unsichtbaren Hand“ bezog sich also nicht auf unübersichtliche Weltmärkte, sondern ganz konkret auf den Marktplatz vor dem Rathaus. Dort sollte sich der Zentralstaat heraushalten, weil jeder Unternehmer selbst überblicken kann, was in der eigenen Heimat benötigt wird. Trotzdem äußerte Smith Präferenzen, welche Branchen besonders wertschöpfend seien. Dem Bodenanbau – also der Landwirtschaft – räumte er die höchste Priorität ein. Erst danach folgte die Industrie und wiederum erst danach der Außenhandel. Eine Umkehrung dieser Prioritäten geißelte er als unnatürlich und „rückwärtsschreitend“13Ebd., S. 452. Spanien und Portugal, die den Außenhandel bevorzugten, nannte er als mahnende Beispiele und lag damit ja letztendlich auch richtig. Beide Handelsnationen schafften es nicht, eine international wettbewerbsfähige Industrie aufzubauen.

Die Bedeutung ländlicher Regionen stellte Smith stets deutlich heraus: „Von der Stadt, in der eine Reproduktion von Substanzen weder stattfindet, noch stattfinden kann, darf man mit Recht sagen, daß sie ihren ganzen Reichtum und ihren Unterhalt vom Land gewinnt.“14Ebd., S. 447 Das regionalwirtschaftliche Scheitern des Liberalismus wäre also vermeidbar gewesen, hätten sich die Liberalen an Smith orientiert.

Das gilt auch für die Außenwirtschaft: Smith schrieb, man solle „dem auswärtigen Handel keinen Vorzug geben“. Das im eigenen Land angelegte Kapital werde „in der Regel einer größeren Menge produktiver Arbeit Aufmunterung und Unterstützung gewähren“.15Ebd., S. 439 Das klingt ganz nach „America first“. Statt den internationalen Freihandel mit Utopien aufzuladen, wie es spätere Liberale machten, stand die Wertschöpfung in der eigenen Nation im Mittelpunkt des Interesses von Adam Smith. Denn: „Das große Ziel der politischen Ökonomie aller Länder besteht aber darin, den Reichtum und die Macht des Landes zu vermehren.“16Ebd., S. 440

Postliberalismus in den USA

Auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner der rechten Postliberalen könnte man auf die Idee kommen, einfach das von Smith formulierte Ziel zu nennen. Man würde dabei allerdings unterschlagen, daß es auch linke Postliberale gibt. Postliberale „Ökos“ setzen auf den Zwang zur Wärmepumpe, während postliberale Antifaschisten keine Lust mehr auf Diskussionen mit Rechten haben und deshalb nach „Cancel Culture“ und Parteiverboten rufen. Postdemokratische Liberale versuchen indes den Mehrheitswillen zurückzudrängen. Und arbeiten deshalb an der Abschottung ihrer Machtbereiche in Gerichten, Unternehmen, Interessenverbänden und supranationalen Gebilden wie der Europäischen Union.

Aufgrund dieser Heterogenität und konfusen Ausgangslage konnte der Postliberalismus das Stadium einer in sich schlüssigen Theorie noch nicht erreichen. Seine Vertreter auf der Linken und der Rechten sind sich vor allem darin einig, wogegen sie sich aussprechen und was sie zu kritisieren haben. Die Politologen Veith Selk und Julian Nicolai Hofmann stellen zudem heraus, daß diese Kritik im Gegensatz zu überzeugten Sozialisten gewissermaßen mit angezogener Handbremse erfolgt. Die Postliberalen konstatieren eine „Siegkrise des Liberalismus“ mit „Erschöpfungssymptomen“, doch „ganz ohne durch ihn geprägte Freiheitsrechte leben möchten nur wenige“.

Hinzu komme als verbindendes Element17Die „postdemokratischen Liberalen“ wurden mit Absicht nicht als „Postliberale“ bezeichnet, weil dieses verbindende Element auf sie nicht zutrifft. eine Elitenkritik an der Dominanz der Manager und Apparate „in Staat, Wirtschaft und Kultur“. Diese Apparate würden gesteuert von „akademisch gebildeten ‚Kopfarbeitern‘, die über keine Produktionsmittel verfügen und nicht zur Elite gehören, aber innerhalb der sozialen Hierarchie eine Leitungsposition innehaben“. Um innerhalb der Apparate überleben und aufsteigen zu können, müssen sich diese Personen anpassen, weshalb sie zum „Bückbürgertum“ (Ulf Poschardt) zählen. Die dritte Gemeinsamkeit aller postliberalen Strömungen sei die Kritik am „liberalen Individualismus“ und eine „Orientierung am Gemeinwohl“, so Selk und Hofmann.

2024 veranstalteten die beiden Politologen eine Konferenz zum Postliberalismus, an der unter anderem Patrick J. Deneen, Adrian Pabst und Samuel Moyn teilnahmen. Moyn ist ein linker Historiker aus Yale, Pabst einer der Urheber des Begriffs „postliberal“ der britischen „Blue Labour“-Bewegung“ und Deneen ein konservativer Vordenker aus den USA, der vom „traditionellen Wirtschaftsliberalismus“ abweicht, indem er der Rechten versucht zu erklären, daß sie nicht nur „pro family“, sondern auch „pro worker“ auftreten müsse.18https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/tagung-mit-theoretikern-des-postliberalismus-110164691.html

Es werden hier zwei Probleme ersichtlich: Die Deutschen haben einen „langen Weg nach Westen“ (Heinrich August Winkler) zurückgelegt. Seitdem sie ihr Ziel erreicht haben, glauben sie irrtümlicherweise, jeder amerikanische Trend müsse früher oder später über den „Großen Teich“ schwappen. Meist ist das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung und hängt mit der ökonomischen Übermacht amerikanischer Konzerne zusammen – siehe Coca-Cola oder Google. Die auch von Rechten und Konservativen geteilte Annahme, daß der Postliberalismus zwingend aus den USA kommen muß, ist ebenfalls ein Resultat dieses Denkens. Doch warum beobachten deutsche Rechte und Konservative amerikanische Diskurse überhaupt so genau, während eigene Traditionslinien in Vergessenheit geraten? Deutsche Postliberale, die das liberal-universalistische Zeitalter überwinden wollen, müßten sich ja theoretisch zunächst einmal in Deutschland und Europa nach Vorbildern umschauen.

Darüber hinaus können die meisten Postliberalen nicht erklären, wie sie in Zukunft in einer multipolaren Weltordnung Wohlstand erwirtschaften wollen und was sich dabei konkret im Vergleich zum liberalen Zeitalter ändern sollte. Dieser Vorwurf trifft libertäre Postliberale wie Elon Musk genauso wie Sozialpatrioten wie Deneen. Elon Musk steht mit seiner Vision von Rechenzentren im Weltraum, die dort von erneuerbaren Energien wie Solaranlagen betrieben werden, für das typisch amerikanische „Frontier-Denken“. Also ist er auch ein typischer Liberaler? Deneen kritisiert indes sowohl den Globalkapitalismus als auch die „woken“ Auswüchse des Kapitalismus. Seine Lösungen beruhen aber im Wesentlichen darauf, einfach das Gegenteil zu fordern – also z.B. statt Globalisierung De-Globalisierung.

Palantir-Chef Alexander C. Karp ist hier mit seinem Buch The Technological Republic (2025) die positive Ausnahme in den Reihen der Postliberalen. Karp verbindet darin seine wirtschaftlichen Eigeninteressen mit seinen ideologischen Vorstellungen. Er nimmt also nicht die Position eines Wissenschaftlers ein, der aus der Vogelperspektive auf die Ökonomie schaut. Karp ist mittendrin und würde von einer Neuausrichtung des Kapitalismus, wie von ihm vorgeschlagen, am meisten profitieren. Dieser Transparenzhinweis soll seine Verdienste um eine zukunftsfähige, ökonomische Theorie des Postliberalismus jedoch keineswegs schmälern.

Karp, der Philosophie bei Jürgen Habermas in Frankfurt/Main studierte und eine Vorliebe für Anthropologie hat, warnt Deutschland ausdrücklich davor, Amerika kopieren zu wollen. „Wenn ihr Amerika kopiert, werdet ihr nur ein drittklassiges Amerika sein“, so Karp. Statt ein schlechtes Google zu bauen, solle Deutschland im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz auf die eigenen historisch gewachsenen Stärken setzen – und die seien in der „physischen Industrie“ zu finden. Deutsche „Ingenieurskunst“ habe in der Chemie, Fertigung und Automobilindustrie Weltruhm erlangt. Hier sieht Karp die größten Chancen für die Zukunft, wenn es gelinge, „deutsche Hardware mit der besten verfügbaren Software zu verschmelzen“, faßte die WELT am 6. Februar 2026 zusammen. Bereits davor hatte Karp für Empörung gesorgt, als er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte, Künstliche Intelligenz werde Einwanderung überflüssig machen.19https://www.20min.ch/story/davos-palantir-chef-ki-wird-einwanderung-unnoetig-machen-103490308

Seine Kritik am liberalen Kapitalismus der letzten Jahrzehnte setzt noch an einer anderen Stelle an: Die großen Tech-Konzerne hätten einen hedonistischen Konsumismus begünstigt. „Ein deutliches Übermaß an – geistigen wie auch anderem – Kapital wurde investiert, um die oftmals kapriziösen und flüchtigen Wünsche der spätkapitalistischen Massen zu befriedigen.“20Alexander C. Karp/Nicholas W. Zamiska: The Technological Republic. Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens. München 2025. S. 130 Amazon, Facebook (Meta), Google und Youtube (Alphabet) machten die Menschen süchtig nach bunten Bildchen in Dauerschleife und sorgten dafür, schneller online einkaufen zu können. Echte Innovationen, die ein Land nach vorne bringen, seien von den Plattformdienstleistern hingegen kaum gekommen. Karp denkt dabei an die Verhinderung von Terroranschlägen, den Bau von U-Booten und die Entwicklung von Heilmitteln.

Die Vorstandsvorsitzenden der großen Tech-Konzerne kritisiert er als vaterlandslose Gesellen und fordert ein klares Bekenntnis sowohl zum freien Markt als auch zur nationalen Identität: „Die Technikelite des Silicon Valley hat die Handlungspflicht, an der Verteidigung der Nation und der Artikulation eines nationalen Projekts mitzuwirken.“21Ebd., S. 10

Karp will dazu die Herrschaft der bürokratischen Juristen brechen und den „konstruktiven Ungehorsam“22Ebd., S. 157 der künstlerisch veranlagten Ingenieure nutzen: „Die Herausforderung, mit der wir jetzt beim Aufbau einer Tech-Republik konfrontiert sind, besteht darin, diesen Ingenieursinstinkt, einen tatsächlich rücksichtslosen Pragmatismus, auf die gemeinsamen Ziele der Nation auszurichten.“23Ebd., S. 190

Postliberalismus in Deutschland?

Hervorzuheben an Karps Ausführungen sind auch seine Äußerungen zu den im Zweiten Weltkrieg besiegten Mächten. Die liberale Umerziehung nach 1945 hält er für einen schwerwiegenden, geopolitischen Fehler. „Die Schwächung Deutschlands war eine Überreaktion, für die Europa heute einen gewaltigen Preis bezahlt. Eine ähnliche und höchst dramatische Verpflichtung auf einen japanischen Pazifismus droht zudem (…) das Mächtegleichgewicht in Asien zu verschieben.“24Ebd., S. 60

Die Amerikaner hätten in der multipolaren Welt mit dem Hauptkonkurrenten China einen größeren Nutzen von selbständig denkenden Partnern. Die Vasallenrolle Deutschlands hat schließlich jede mentale und außenpolitische Wehrhaftigkeit verkümmern lassen. Das schadet inzwischen auch den USA.

Die Frage, wie viel die Deutschen vom amerikanischen Postliberalismus übernehmen sollten, ist daher auch falsch gestellt. Wer das liberale Zeitalter überwinden möchte, sollte vielmehr nach postliberalen Traditionen in Deutschland suchen. Die Preußischen Reformen von 1806 waren die deutsche, postliberale Antwort auf die liberale Französische Revolution. Der Protektionismus eines Friedrich List (1789-1846) war die deutsche, postliberale Antwort auf den Diskurs über die „unsichtbare Hand“ des Marktes – ausgelöst von Adam Smith. Vermutlich aufgrund oberflächlicher Lektüre behauptete List, Smith habe eine die „Natur der Nationalität“ verkennende, kosmopolitische Idee entworfen. List priorisierte dagegen die Selbständigkeit der Nation als oberstes Ziel. Zugleich finden sich auch bei ihm Passagen, die sich als „globalistisch“ interpretieren lassen. Zum Beispiel: „Es ist die Aufgabe der Nationalökonomie, die ökonomische Erziehung der Nation zu bewerkstelligen und sie zum Eintritt in die künftige Universalgesellschaft vorzubereiten.“25Friedrich List: Das nationale System der politischen Ökonomie. E-Book-Version 2015. S. 268

Nichtsdestotrotz stand Friedrich List für einen Ansatz, der anstelle des freien Marktes auf die staatlich geschützte Entwicklung junger Industrien bis zur Weltmarktreife setzte. Erst wenn diese Weltmarktreife erreicht war, sollten sich die eigenen Produkte und Dienstleistungen gegenüber der internationalen Konkurrenz selbständig behaupten. Nicht nur in Deutschland hat dieser Ansatz funktioniert. Auch die ostasiatischen Tigerstaaten haben diesem Erfolgsrezept vertraut.

Neben der Jahreszahl 1806 ist für den deutschen Postliberalismus vor allem die Jahreszahl 1873 von Bedeutung. Nach dem Börsencrash von 1873 und dem „Gründerkrach“ entwickelte sich in Deutschland ein äußerst erfolgreiches postliberales Wirtschaftssystem. Konstantin Richter schreibt dazu in seinem grandiosen Buch Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG (2025):

„Auch um das eigene Geschäft zu sichern, vollzogen viele Unternehmer den Abschied vom Laissez-faire-Liberalismus. Sie gaben den ‚Kapitalisten‘ und ‚Spekulanten‘, den ‚Aktienschwindlern‘ und ‚Börsenjuden‘ die Schuld an einem Zusammenbruch, zu dem sie selbst beigetragen hatten. Als hätten sie nie anders gedacht, behaupteten sie nun, man müssen den freien Markt beschneiden und stabile Strukturen schaffen. Sie fanden in größeren Einheiten zusammen, in Großbetrieben, Kartellen und Verbänden, und sie suchten die Nähe zu einem starken Staat, der sich ebenfalls vom Liberalismus abwendete und ordnend und schützend in die deutsche Wirtschaft eingriff.“26Konstantin Richter: Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG. Berlin 2025. S. 36f

Es gelang dabei, einen Nachteil in einen Vorteil umzumünzen. Das deutsche Kaiserreich konnte als verspätete Nation die Massenmärkte nicht erobern und konzentrierte sich daher mit seinen Forschungseinrichtungen und Unternehmen darauf, teure Qualitätsprodukte und Maschinen in kleiner Stückzahl herzustellen. Zum spezifisch deutschen Weg paßt ebenfalls, daß die Unternehmen zwar exportierten, aber versuchten, die Produktion so weit wie möglich im eigenen Land zu belassen. „Bei aller Internationalität wurden die Unternehmer nicht zu Kosmopoliten, sie blieben zutiefst deutsch. Oder auch schwäbisch“, unterstreicht Richter.

Die rationale Organisation von Betrieb und Behörde ganz im Sinne Max Webers brachte Deutschland schließlich an die wirtschaftliche Weltspitze. Nebenbei bemerkt: Für diese Erfolgsgeschichte gab es regionale Vorboten, wie z.B. die Politik des „Rétablissement“ (Wiedergenesung) in Sachsen nach dem Siebenjährigen Krieg. Diese Politik war nicht „postliberal“, weil es davor noch keinen Liberalismus gab. Trotzdem setzte diese Politik auf ein kluges Zusammenspiel zwischen Staat und Wirtschaft, das auf Sparsamkeit und Innovationen beruhte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte Sachsen so zu den prägendsten Wirtschaftsregionen der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen lag noch einmal 17 Prozent über dem Durchschnitt im deutschen Kaiserreich.

Wie Marwecki ausführt, ist der postliberale Charakter der Wirtschaftspolitik im Kaiserreich allerdings weniger eindeutig, als die Typisierungen von Soziologen wie Werner Sombart über „Händler und Helden“ – also Engländer und Deutsche im Vergleich – nahelegen. Die Zölle im Kaiserreich seien im Schnitt sogar niedriger gewesen als in den USA und Großbritannien. Lediglich in strategischen Produktbereichen wie Getreide, Eisen und Stahl gab es hohe Zölle.27Vgl. Marwecki 2025. S. 87

Die Vordenker der sozialen Marktwirtschaft veränderten das deutsche Erfolgsmodell des Kaiserreichs später dahingehend, daß sie dem Mittelstand gegenüber den Großbetrieben zum Durchbruch verhalfen. Die soziale Marktwirtschaft eines Alfred Müller-Armack und eines Wilhelm Röpke atmete zwar einen freiheitlichen Geist, hatte aber ebenfalls entscheidende „postliberale“ Elemente, die man besser als „präliberale“ Elemente bezeichnen sollte.

Wilhelm Röpke führte zum Beispiel aus: „Die Gesellschaft als Ganzes kann nicht auf dem Gesetz von Angebot und Nachfrage und auf dem Appell an das Eigeninteresse aufgebaut werden, und es ist gute konservative Überzeugung, daß der Staat mehr ist als eine Aktiengesellschaft. Mit anderen Worten: die Marktwirtschaft ist nicht genug. Sie muß in eine höhere Gesamtordnung eingebettet werden, die nicht nur die Unvollkommenheiten und Härten der Wirtschaftsfreiheit korrigiert, sondern dem Menschen die seiner Natur gemäße Existenz schafft. Der Mensch aber kann nur dann volle Erfüllung seiner Natur finden, wenn er sich willig einem höheren Ganzen, einer echten Gemeinschaft einfügen und sich als ihr dienendes Glied fühlen kann. Sonst führt er eine elende Existenz trotz allem materiellem Komfort, und er weiß es.“28Vgl. Wilhelm Röpke: Marktwirtschaft ist nicht genug. Waltrop und Leipzig 2009

Müller-Armack schlug ähnliche Töne an: Er leitete aus dem Christentum eine asketische Arbeitsethik ab. Zudem arbeitete er an einem Ausgleich zwischen Markt und Moral. Seine Absage an jede Planwirtschaft leitete er aus der Anthropologie her, denn das Lebensmedium des Menschen sei die „Indirektheit“. Man könnte auch vom „Anreiz“ sprechen. Die Direktheit – der Befehl – hingegen sei dem Tier vorbehalten. Als Ziel gab er vor, das Soziale „wieder menschlicher, konkreter, gebundener, familiärer, überschaubarer, naturverbundener und vielfältiger“ machen zu wollen. Ihm war dabei aber immer klar, daß der Wohlstand vor der Umverteilung erst erwirtschaftet werden muß.

Schlußfolgerungen

Ein spezifisch deutscher, postliberaler Weg für die Zukunft könnte darin bestehen, die persönliche und nationale Entwicklung zu Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Souveränität höher zu gewichten als die individuelle, „liberale“ Freiheit. In diese Richtung argumentiert auch Daniel Marwecki, der in diesem Zusammenhang vom „Entwicklungsstaat“29Ebd., S. 92 spricht. Dieser Ausdruck ist freilich aufgrund seiner Nähe zum Entwicklungsland anfällig für Mißverständnisse.

Audi schreibt sich seit den 1970er-Jahren „Vorsprung durch Technik“ auf die Fahnen. Gemeint ist damit das langsame und stetige Optimieren von Prozessen und Produkten. Diese Herangehensweise ist typisch deutsch. Das muß das Ziel unserer Entwicklung sein.

Armin Mohler wollte darüber hinaus dem Begriff des „Wettkampfes“ seine Ernsthaftigkeit zurückgeben. Die Liberalen hätten ihn zu spielerisch interpretiert und ihn zu einem „Wettkampf von Abstraktionen“ umgedeutet. Daraus folgt dann ein Überbietungswettbewerb von moralischen Werten und Finanzkennzahlen, die kaum noch etwas mit der tatsächlichen ökonomischen Leistungsfähigkeit zu tun haben.

Wer dagegen erkenne, daß der Wettkampf „zu meinem oder des anderen Untergang führen“ kann, habe auch kein Problem der „Sinnerfüllung“30Mohler 2011. S. 43-46. Der Sinn des Wettkampfs in der multipolaren Welt besteht darin, unsere Kultur zu erhalten und unser Überleben als Nation zu sichern. Das ist besser als jede liberale und sozialistische Utopie.

PS: Alexander Schimmelbusch hat 2018 mit Hochdeutschland einen sehr lesenswerten Roman über eine postliberale, patriotische Bewegung geschrieben, die Deutschland wieder zu wirtschaftlichem Erfolg verhilft.

Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle von 2005 bis 2010. Seitdem freier Publizist.