Gesichtet

Regieren!? Das Lohhausen-Experiment

Schafft es die AfD in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern erstmals in eine Landesregierung? Und wenn ja, kann sie regieren? Wir wollen uns an dieser Diskussion nicht tagesaktuell beteiligen. Dennoch sind wir davon überzeugt, daß sich die patriotische Gegenöffentlichkeit unabhängig vom Ausgang der nächsten Wahlen auf das Regieren vorbereiten sollte. Das bedeutet insbesondere, junges Personal entsprechend zu schulen. Wir erstellen deshalb für unsere Zeitschrift Recherche D gerade ein Dossier zu den theoretischen Grundlagen der Regierungsarbeit, das später als Schulungsmaterial dienen soll. Das Heft erscheint voraussichtlich im November. In den nächsten Wochen werden wir allerdings bereits einige Teile aus diesem Dossier vorab auf BlaueNarzisse.de veröffentlichen:

Was sind die größten Fehler beim Regieren?

Von 1975 bis 1983 ließ der Psychologe Dietrich Dörner mit seiner berühmten Lohhausen-Studie jeweils 24 Männer und Frauen Bürgermeister spielen. Ähnlich wie beim Computerspiel „Sim City“, das später entwickelt wurde, sollten diese Bürgermeister ihre Stadt – das fiktive Lohhausen – so gut wie möglich voranbringen. Einigen gelang das gut. Einigen gelang es nicht gut. Im Gegensatz zur Realität handelt es sich natürlich um eine vereinfachte Version: In Lohhausen mußten die Bürgermeister keine Rücksicht auf den Stadtrat nehmen und es gab keine übergeordneten Institutionen (Landkreis, Land, Bund, EU), auf die man hätte Rücksicht nehmen müssen. Darüber hinaus ging es um meßbare, harte Fakten, also vor allem steigenden Wohlstand. „Weiche Kriterien“ wie schöne Architektur und Traditionsbewußtsein blieben unberücksichtigt. Doch bereits diese vereinfachte Anordnung brachte bahnbrechende Ergebnisse, die Dörner in seinem Buch Die Logik des Mißlingens, das zuerst 1989 erschien, zusammenfaßte.

Erste Erkenntnis: Die schlechten Versuchspersonen trafen zunächst hauptsächlich Entscheidungen im Bereich der Freizeit, ehe sie sich doch noch verspätet um Produktion, Finanzen und Absatz kümmerten. Die guten Versuchspersonen „beschäftigten sich von vornherein“ mit den „tatsächlichen Problemen“ der Stadt. Gerade in einer Demokratie ist die Verführung groß, zunächst mit populären Themen zu beginnen, um sich die Zustimmung der Bürger zu sichern. Nicht nur Theoretiker wie Dörner, sondern auch Praktiker wie der langjährige Minister Thomas de Maizière (CDU) sehen darin einen schwerwiegenden Fehler, denn das führt zu einem Abnutzungseffekt der Regierung. Zudem muß sich diese Regierung dann am Ende der Legislaturperiode kurz vor den nächsten Wahlen den Problemen widmen, sofern sie sich – was wahrscheinlicher ist – nicht dafür entscheidet, diese Probleme auszusitzen. Die Probleme wachsen dann jedoch unaufhaltsam.

Zweite Erkenntnis: Die guten Versuchspersonen im Lohhausen-Experiment stellten mehr „Warum“-Fragen. Das hat übrigens nichts mit Intelligenz zu tun, wies Dörner nach. Die guten Versuchspersonen schnitten in Intelligenztests nicht besser ab als die schlechten. Selbstverständlich geht es hier um ein tiefgründiges „Warum“. Die Antwort auf die Frage, warum es ein Förderprogramm für Wärmepumpen gibt, darf sich nicht damit begnügen zu sagen: „Damit es die Bürger schön warm haben.“ Es gilt, tiefer zu bohren: Warum sollte der Staat für jedes angebliche Problem ein neues Förderprogramm kreieren? Warum meint der Staat, klügere Einzelentscheidungen treffen zu können als der Bürger? Warum sollten die Hersteller die Subvention nicht einfach auf den Preis obendrauf schlagen? Warum sollte es über Wärmepumpen, Elektro-Autos und Solaranlagen eine Umverteilung von unten – also von den „armen“ Mietern – nach oben – also zu den verhältnismäßig wohlhabenden Eigenheimbesitzern – geben? Warum kümmert sich der Staat überhaupt wie eine Nanny um so etwas und nicht ausschließlich um die existientiellen Fragen der Nation (Familie, Sicherheit, Bildung)?

Dritte Erkenntnis: „Die ‚schlechten‘ Versuchspersonen hatten die Tendenz, nicht bei einem Thema zu bleiben, sondern während der Versuchssitzungen von einem Thema zum nächsten zu ‚springen‘.“ Dörner nennt dieses Verhalten „Ad-Hocismus“. „Vielzieligkeit“ zeichne einen guten Bürgermeister zwar aus. Diese „Vielzieligkeit“ dürfe sich aber nicht auf viele Themen beziehen, die allesamt oberflächlich bearbeitet werden. Vielmehr gehe es darum, an einem Thema dran zu bleiben und dieses Thema in viele kleine Unter-Ziele zerlegen zu können. Als einfaches Beispiel nennt Dörner eine Bibliothek: Allein mit „langen Ausleihfristen“ sei sie noch nicht benutzerfreundlich. Erst wenn auch entsprechende Öffnungszeiten hinzukommen, es eine „weiche Polsterung der Sessel in den Lesesälen“ gibt und das Zeitschriftenangebot gut ist, wird diese Bibliothek als benutzerfreundlich empfunden.

An die Stelle eines Ad-Hocismus müsse folglich die „Dekomposition des Komplexziels“ treten. „Die Nichtaufteilung eines Komplexzieles in Teilziele aber führt fast notwendigerweise zu einem Verhalten, welches man ‚Reparaturdienstverhalten‘ nennen könnte“, unterstreicht Dörner. Der Politik der letzten Jahrzehnte wurde genau das des Öfteren bescheinigt. Statt die Probleme des Landes zu lösen, begnügt sie sich mit kleineren Reparaturen, die am Gesamtzustand nichts ändern.

Ein weiteres Phänomen dieses Reparaturbetriebs seien dann „Zielentartungen“. Die Gender-Politik kann man als eine solche Zielentartung begreifen. Der Feminismus hatte ursprünglich das Ziel gleicher Chancen für Männer und Frauen. Daraus entwickelte sich ein Gleichheitswahn, der dazu führte, daß auch angeblich andere Geschlechter in diese Gleichheit einzubeziehen seien. Inzwischen sind Frauen die Leidtragenden dieser Politik, wenn sie nach Einführung des beliebigen Geschlechterwechsels beim Boxen von biologischen Männern verprügelt werden oder in der Frauensauna ihre spezifischen Schutzräume verlieren.

Vierte Erkenntnis: Bevor sie handelten, verschafften sich die guten Versuchspersonen eine ausreichende Informationsgrundlage, während die schlechten Versuchspersonen eine „Kombination von Informationsverweigerung und Aktionismus“ zeigten. Die Informationsgrundlage darf sich jedoch nicht allein auf die Gegenwart beziehen, denn dann droht eine „Momentanextrapolation“ – also die lineare Fortschreibung aktueller Trends bis in alle Ewigkeit. Preise können jedoch langfristig steigen oder fallen. Und statt eines gleichmäßigen Anstiegs kann es auch zu exponentiellem Wachstum kommen, das aber – Lehre aus der Corona-Zeit – ebenfalls abrupt enden kann. Statt sich an der Prognose der Zukunft mit detaillierten Zahlen zu versuchen, hilft ein historisches Bewußtsein.