Rezension

Das Denken barg Gefahren: „Die Brandung“ von Yukio Mishima

Seit meinem 17. Lebensjahr begleiten mich die Werke von Yukio Mishima nun durch mein Leben. Und vielleicht war es unbewußt diesem zehnjährigen Jubiläum geschuldet, dass ich vor Kurzem noch einmal die Erzählung „Die Brandung“ zur Hand nahm.

Das 1954 erschienene Werk gilt als in vielerlei Hinsicht als ungewöhnlich für den Autor, und das zu Recht: Auf den ersten Blick findet sich hier nichts von der Todesssehnsucht, der finsteren Romantik und den Untergangsfantasien, die Mishimas Prosa sonst so sehr bestimmen. Es ist eine Liebesgeschichte mit glücklichem Ende; über zwei gesunde Menschen die gleichermaßen Zuneigung zueinander empfinden.

Einzig der Klassenunterschied zwischen beiden stellt sich dem Glück in den Weg, wird jedoch am Ende überwunden. Stilistisch ist die Erzählung hingegen klassisch „mishimaesk“: die Sprache ist blumig und bildhaft, schwelgt in Naturszenarien und ist zugleich merkwürdig distanziert. Besonders deutlich wird dies, wenn die Erzählerstimme das Innenleben der Figuren wiederholt nicht bloß schildert, sondern analysiert. Der Mensch, so scheint uns diese Stimme zu sagen, ist etwas zutiefst Bizarres und man benötigt nur ein wenig Abstand, um das in seiner vollen Blüte zu erkennen.

Instinktiv mit der Natur verbunden

Mir stachen beim erneuten Lesen Sätze und Motive ins Auge, die nicht ganz zu dem heiteren Gestus der Erzählung passen. Sätze, bei denen es mir, im Wissen um die Ideen, die Mishima in den letzten Jahren seines Lebens umtrieben, kalt den Rücken herunterlief. Shinji, der männliche Hauptcharakter, ist ein einfacher junger Fischer, der mit seiner Arbeit sich, seinen jüngeren Bruder und seine alleinerziehende Mutter versorgt. Der tägliche Kontakt mit dem Meer und der Natur hat auch ihn zu einer Art Naturerscheinung gemacht. Er ist instinktiv mit dem Meer und seinen Gezeiten verbunden und ist in seiner Wahrnehmung beinahe tierhaft auf seine Sinne fokussiert.

Das Meer regt ihn nicht zum Träumen und Phantasieren ein, sondern er empfindet „als echter Fischer: Für ihn war das Meer das gleiche wie das Land für den Bauern“. Er ist, um es mit einem Wort zu sagen, bodenständig, eine Eigenschaft, die er dabei mit den meisten Bewohnern des kleinen Dorfes teilt. Als er Hatsue kennenlernt und sie miteinander anbändeln, ist er zunächst völlig frei von Zweifeln oder Sorgen über ihre Beziehung. Die Liebe zwischen beiden findet, gleich einem Naturereignis, einfach statt, da der Intellekt fehlt, der die Dinge verkomplizieren könnte.

Entfremdung vom Dorfleben

Erst als Hatsues Vater, aufgeschreckt von Gerüchten und abgestoßen vom niedrigen sozialen Status des Jungen, seiner Tochter verbietet ihn weiterhin zu treffen, ändert sich dies. Fortan müssen sich Sinji und Hatsue heimlich treffen. Die Widrigkeiten zwingen Shinji dazu, seine Lage verstärkt zu reflektieren, obwohl dies seinem Naturell nicht entspricht. Und so macht er eines Nachts eine für ihn ungewohnte Entdeckung:

Shinji, der das Denken nicht gewohnt war, machte eine überraschende Feststellung: Das Denken vertreibt die Zeit. Trotzdem schob er jetzt entschlossen alle weiteren Gedanken beiseite; so viele gute Seiten diese neue Angewohnheit auch haben mochte, er hatte vor allem auch eine schlechte Angewohnheit daran entdeckt. Das Denken barg Gefahren.“

Den Gegensatz zu Shinji stellt dabei das Mädchen Chiyoko dar, welche ihn heimlich verehrt. Anders als Shinji hat sie in der Großstadt studiert und fühlt sich nach ihrer Rückkehr vom Dorfleben entfremdet. Scheinbar hat sie während ihrer Abwesenheit auch die neurotische Neigung entwickelt, sich selber einzureden, dass sie abgrundtief hässlich sei. Dieser ständige innere Monolog ist das Markenzeichen Chiyokos und steht in schroffem Kontrast zu der sinnlich-instinkthaften Wahrnehmung Shinjis. Es scheint, als habe Chiyoko durch ihren Intellekt eine Art Urvertrauen verloren.

Abstoßende intellektuelle Gesichter

Es handelt sich um eine Thematik, die Mishima Zeit seines Lebens beschäftigt hat. Von seinem autobiographischen Frühwerk, Geständnis einer Maske, in dem es den jungen, in einer Phantasiewelt lebenden Protagonisten zu den durchtrainierten Körpern seiner sportlichen Mitschülern hinzieht, bis hin zu einer 1955 stattgefundenen Begegnung in einer Ausstellung über Mumien, welche Mishima selbst als Erweckungserlebnis bezeichnete.

So wurde er nach eigener Aussage auf das Gesicht eines anderen Besuchers aufmerksam: „Plötzlich packte mich eine wilde Wut, weil er so hässlich war. Ich dachte: Wie abstoßend ist doch ein intellektuelles Gesicht! Was für einen widerwärtigen Anblick bietet ein intellektueller Mensch!“ In den Jahren vor seinem Tod begann der Autor schließlich beinahe wie besessen, seinen Körper zu trainieren. Dem Ideal der Schönheit, das er so oft in seinen Büchern gepriesen hatte, wollte er auch körperlich entsprechen.

In dem Werk Sun & Steel, erschienen zwei Jahre vor seinem Tod, beschreibt Mishima, wie die Erkenntnis, dass er einen Körper habe, ihn zu einem völlig neuartigen Selbstverständnis führte. Er, der gleich Chiyoko, immer in Gedanken gelebt hatte, wuchs sozusagen ohne Körper, ohne physischen Raum auf, den er einnahm. Die zerfasernde Wirkung der Gedanken untergrub sein eigenes Ich: „First comes the pillar of plain wood, then the white ants that feed on it. But for me, the white ants were there from the start, and the pillar of plain wood emerged tardily, already half eaten away.“

Aufgehen im Körperlichen

Tod und Selbstmord stellten in Mishimas Gedanken somit keine Niederlage dar, sondern das völlige Aufgehen im Körperlichen; den Weg hin zur Sonne, die, anders als die gedankenschwere und zarte Nacht, roh und gewalttätig ist. In solche Zusammenhänge gesetzt, bekommt die Brandung in all ihrer Gesundheit und Heiterkeit einen völlig anderen Beiklang. Es braucht nicht viel Phantasie um den latenten Selbsthass zu erkennen, den Mishima in Figuren wie Chiyoko versteckt in die Erzählung eingebaut hat. Das Gleiche gilt für die Verzweiflung, die er über seine eigene Natur empfunden haben muss.

Und wirkt die gesamte Problematik an sich nicht furchtbar aktuell? Die Menschheit, und vor allem die jüngeren Generationen, verbringen zunehmend einen großen Teil ihres Lebens abgetrennt von ihrem Körper, da sich sowohl Freizeit als auch Arbeit verstärkt auf digitale Medien richten. Die Naturverbundenheit Shinjis und seine gesunde Einfachheit sind Eigenschaften, die der heutigen Generation völlig unbekannt sind und höchstens noch als Phantasie über eine Vergangenheit herhalten können, die man nie auch nur im Ansatz erlebt hat. Dass sich junge Menschen wie Chiyokos entwickeln, ist hingegen geradezu der Normalzustand.


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