Gesichtet

Der Trend geht zum Zweitkevin

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung postete am 6. Mai auf Facebook: „Kevin Kühnert stellt sich eben, wie Dobrindt auch, im Grunde gar nichts Konkretes vor, sondern nur eine Welt ohne Restriktionen, in der irgendwie alle seine Werte verwirklicht werden, und nennt dieses Irgendwie dann Utopie.“

Wie kann man denn Kühnert mit Dobrindt vergleichen? Der Autor bezieht sich auf die Forderung nach der „konservativen Revolution“ durch den CSU-Mann. Dobrindt hatte vor knapp zwei Jahren gesagt: „Auf die linke Revolution der Eliten folgt eine konservative Revolution der Bürger.“ Nach einem kurzen, aber heftigen Shitstorm ruderte Dobrindt zurück. Der FAZ-Autor Jürgen Kaube erkennt einigermaßen richtig: „Was die Revolution angeht, so wurde Dobrindt schnell darüber informiert, dass die Überschrift einst vom Sekretär Ernst Jüngers für Leute aus der Abenddämmerung der Weimarer Republik ersonnen ward, gegen die der rechte Rand der AfD pfadfinderhaft wirkt.“

Abenddämmerung der Republik

Kaube kann es aber nicht lassen – typisch lückenhaft und eigentlich sogar sachlich falsch – die „KR“ auf die „Abenddämmerung der Weimarer Republik“ zu beziehen. Dass Elemente der Konservativen Revolution so alt sind, wie die augusteische Restauration vor fast 2050 Jahren und sich durch die gesamte Weimarer Republik ziehen – gegen Ende sogar eher an Schlagkraft verlieren – kann man ja mal umdichten oder weglassen. Nein. „Die KR ist die Vorstufe zu Hitler“, wie ja noch immer die linken Wald- und Wiesenhistoriker behaupten.

Tatsächlich kann man Kühnerts Vorstoß in keiner Weise mit Dobrindts Miauen vergleichen. Man kann Kühnerts Vorstoß eigentlich mit gar nichts vergleichen – außer mit den typischen Verbalergüssen, die sozialistische Jungspünde und Scheinakademiker seit 101 Jahren machen. Dieser Vergleich zwischen Kühnert und Dobrindt ist so absurd, wie eine Empfehlung Armin Mohlers an seinen „lieben Chef“, die Stahlgewitter zum 39. Mal umzuschreiben.

Fünf Punkte zum Nachdenken:

  1. Kühnert beschreibt keine Utopie. Der Juso-Chef bezieht sich auf ein politisches Terrorregime, das zu allen Zeiten der Welt Hunger, Leid und Elend über die Länder dieser Erde gebracht hat. In diesem Sinne ist Kevin Reaktionär. Ein besonders einfältiger oder perfider noch dazu.
  2. Dobrindt beschreibt keine Utopie – und schon gar kein politisches Konzept. Er hatte damals einfach nur versucht einen schlagkräftigen Satz von sich zu geben. Während Dobrindt mit der „konservativen Revolution“ vogelschissmäßig in die Sprachfalle getappt ist und den Schwanz eingezogen hatte, fordert Kühnert vollkommen bewusst und kämpferisch den Sozialismus.
  3. Kühnert schwebt eine „Welt ohne Restriktionen vor“, schreibt Kaube. Da fragt man sich doch, was der gute FAZ-Autor geraucht hat. Kühnerts Forderung nach Vergesellschaftung ist per Definition eine Forderung nach Restriktionen. Steuern sind Restriktionen, Körperschaftssteuererklärungen, Kapitalertragssteuern und doppelte Buchführung sind Restriktionen – egal, ob man masochistisch veranlagt ist und diese Restriktionen gut findet oder sie ablehnt. Eigentümern ihr Eigentum zu nehmen, ist eine Restriktion! Und bei Aktiengesellschaften trifft sie jeden, der daran noch so indirekt – etwa über die Rentenversicherung – beteiligt ist.
  4. Kühnert und Dobrindt „schwebt nichts Konkretes vor“. Dobrindt vielleicht nicht, er wusste zum Zeitpunkt gar nicht, was er da sagt, wie der Autor Kaube selbst andeutet. Kühnert hingegen schwebt das Konkreteste vor, was jemandem vorschweben kann. Eine Gesellschaft ohne private Produktionsmittel. Das ist viel konkreter, als alles, was konservative Denker jemals von sich gegeben haben. Egal, ob Edgar Julius Jung, Ernst Jünger oder eben die Eintagsfliege Dobrindt. Marxismus ist ausdefiniert. Fast alle konservativen Revolutionäre ließen das Privateigentum unangetastet und Wirtschaft Wirtschaft sein. Man zielte auf Werte, Normen, Prägung, Ideale. Selbst Arthur Moeller van den Bruck, bekennender Antiliberaler, wollte der Wirtschaft nicht an den Kragen. Sein „Sozialismus“ war auf eine Volksgemeinschaft bezogen, nicht auf eine materialistische Nivellierung, wie er heute bewusst und unbewusst falsch verstanden wird.
  5. Aber der wichtigste Unterschied ist die Reaktion der Gesellschaft: Über Kühnert wird heiß diskutiert. Die SPD traut sich nur eine zarte Distanzierung von ihrem Jungflügel. Als Dobrindt seinen Käse von sich gab, lachte man ihn entweder aus oder kritisierte ihn als Nazi. Das Agenda-Setting ist Kühnert gelungen. Dobrindt hingegen hat den Begriff „konservativ“ weiter angekokelt und das Machwerk seiner Kanzlerin fortgeführt, alles Erhaltenswerte zu verbrennen.

Kühnerts Zeitreise

„Was? Das stimmt gar nicht! Kühnert hat der SPD geschadet“, könnte Ihre Kritik lauten. Mittlerweile verweisen die Medien auf eine Forsa-Umfrage, die zeigen soll, dass Kühnert der „bürgerlichen“ SPD Prozentschaden zugefügt habe. Die Umfrage wurde allerdings zwischen dem 29. April und dem 3. Mai durchgeführt. Kühnerts Forderung erschien am 1. Mai in der ZEIT. Hinter einer Paywall wohlgemerkt und in der Printausgabe.

Es dauerte nochmal einen Tag, bis Kühnerts Aussage in der breiten Öffentlichkeit ankam. Ob die Befragten (Telefonumfrage) am Puls der Zeit leben, ist ohnehin zu bezweifeln. Dementsprechend ist es fast ausgeschlossen, dass Kühnert für den Zwei-Prozent-Verlust der SPD verantwortlich ist. Normalerweise finden sogar in den ersten Tagen der Befragung die Umfragen statt, später fasst man zusammen, bereitet auf und veröffentlicht die Zahlen. Die deutschen Journalisten scheint das wenig zu interessieren. Die nächste Umfrage wird Klarheit bringen.

„Na gut, aber die Leute regen sich doch über Kühnert auf?“, so vielleicht der nächste Einwand. Wer anhand der kritischen Stimmen denkt, Kühnert hätte dem Sozialismus und der SPD geschadet, dem muss eines gesagt werden: Die Debatte um die „Begrenzung“ (Enteignung) von Vermietergesellschaften, wie sie aktuell in Berlin geführt wird, tritt in den Hintergrund. Und diese Kollektivierung wird kommen, während sich die deutschen Scheinkonservativen auf Kühnerts Totalausfallschritt stürzen und sich als bürgerliche Bastion gegen den Sozialismus geben. Gleichzeitig aber sagt man Sachen wie: „So viel Mieteigentum ist allerdings schon sehr krass …“

Auf die Frage hin, wo die Grenze gezogen werden muss, oder ob die Flughafen-Nichtbauer vom BER die Verwaltung der Wohnungen übernehmen sollen, folgt meist betretenes Schweigen. Die ZEIT hat ihren wahlbetrügenden Chefredakteur Giovanni di Lorenzo ihre Leser fragen lassen: „Können Sie den Sozialismus-Thesen von Kevin Kühnert etwas abgewinnen?“ Die Antwort: 65 Prozent stimmen zu, 35 Prozent lehnen ab. In der ZEIT, nicht in der taz.

Die Kritik an Kevin ist eine mediale Scheinkritik. Die Bürger stehen drauf. Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, die FAZ hätte 2018 gefragt: „Können Sie der konservativen Revolution der Bürger etwas abgewinnen?“ Die Antwort wäre eine andere gewesen. Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen, sozialistischen Zeit.

FAZ-Journalismus in Zeiten der Bürgernähe

Wer noch nicht genug hat: Die FAZ selbst setzt noch einen drauf. Seit spätestens 2015, als die regierungsfreundlichen Medien nach und nach nicht mehr mit den kritischen Kommentaren der Leser zurechtkamen, kommentiert die FAZ regelmäßig ihre eigenen Artikel in abwechselnd besänftigender, informativer oder werbetreibender Manier. „Kennen Sie schon unseren Artikel zum Thema feministischen HipHop“ oder „Bitte halten Sie sich an unsere Kommentarrichtlinien“. Das Problem sind allerdings nicht die Hip-Hop-Desinteressierten oder die unhöflichen Leser – deren Kommentare werden ohnehin sofort gelöscht – sondern die Leserkommentare von Zuckerbergs Monstermedium.

Dort werden nämlich „trendige“ oder erfolgreiche Kommentare nach oben gespült. Da diese jedoch fast immer gegen die FAZ und ihr grünkonservativ-konformistisches Geschreibsel schießen, muss ein Platzhalterkommentar her. Hier schreibt die FAZ: „Mit seiner Kapitalismuskritik irritiert Juso-Chef Kevin Kühnert eine Kernklientel der SPD. Das sorgt für Kritik in den eigenen Reihen und auch für den Wahlkampf ist es Gift. Bringt es auch die Regierung in Gefahr? Jetzt lesen mit #Fplus.“

Nicht nur, dass der Zusatzkommentar noch hirnverbrannter und unbelegbarer ist, als die erste Annahme des vorherigen Intelligenzzwerges: Man muss zugleich Werbung für die eigene Pay-Wall machen. Den Zeitungen läuft nämlich das Geld davon und man versucht mehr oder weniger erfolgreich die vorherigen Umsonstleser – die heimlich von Kühnerts feuchten Träumen träumen – irgendwie zum Blechen zu bringen.

Dass sich riesige Medienhäuser wie die FAZ ohne Regierungssubventionen nicht werden halten können, ist so sicher, wie der Trend zum Sozialismus. Das Abmelken der grünwählenden Frühruheständler, die bereit sind im Neuland 2,99 Euro pro Monat zu zahlen, um anschließend ihre eigene Meinung für Geld vorgesetzt zu bekommen, die sie auf ihrem Tablett mit zugekniffenen Augen lesen, wird die großmediale Durststrecke für FAZ, SZ, ZEIT und Co. ein wenig erträglicher machen. Vielleicht werden dadurch auch weniger Leute entlassen. Vorerst.

Ändern wird sich am Ergebnis nichts. Das hat zwei Gründe: Erstens, die Leute informieren sich mehr und mehr auf kritischen Seiten und zweitens, wird pseudokonservatives FAZ-Geschreibsel durch Kühnerts Steilvorlagen auch nicht besser. Und wenn dann der Abgesang der großen Pressehäuser hörbar erschallen wird, strömen die schreibinteressierten Linkssoziologen nicht mehr zur exkonservativen FAZ, sondern direkt zu den Jusos und Julis und Grünen und fordern das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte – den Sozialismus. Denn eines muss den Leuten klar sein: Steht er in den Startlöchern, geht der Trend zum Zweitkevin.

(Bild: Kevin Kühnert, von: Rosa Luxemburg-Stiftung, flickr, CC BY 2.0)


1 Kommentar zu “Der Trend geht zum Zweitkevin

  1. Tja, die FAZ geht mehr und mehr den Bach runter :-).
    Hat sie sich redlich verdient.

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