Gesichtet

Deutscher Kolonialismus in Afrika neu gedacht

„Warum ging Jesus wohl zu dem jüdischen Zollpächter aus Jericho, der die Armen ausnahm?“, fragt eine Religionslehrerin ihre Erstklässler während meiner Hospitation.

Da möchte ein Mädchen wissen, ob es antworten soll, wie die Lehrerin denkt oder wie es selbst darüber denkt, um schließlich mit glühenden Wangen fortzufahren: „Jesus ist zu Zachäus gegangen, weil er sehen wollte, was für Vorhänge der hat. Und was für Möbel und was für Geschirr und wie schön die Frau von Zachäus war.“ Das kleine, noch dogmenfreie Mädchen behauptet gegenüber der Lehrerin ihre Autonomie. Auf den Staat und seine Bürger bezogen, steht es nicht für eine stammesgebundene bzw. geschlossene Gesellschaft, in der „80 Millionen Deutsche durch die Themenmaschine der Massenmedien ständig neu animiert, synchronisiert und integriert werden“,1Tagesanzeiger, Peter Sloterdijk, 14.03.2015. auf dass sie sich in ihrem Verhalten und ihren Emotionen gegenseitig anstecken, sondern für eine offene Gesellschaftsordnung, in der Individuen persönliche Entscheidungen treffen.

Als Bürger noch Bürger waren, da stand der Staat in ihren Diensten und ließ Kritik an seinen weltanschaulichen Ideen zu, während sich heute „die Vorstellung, man müsse die Demokratie vor den (nicht-diversen, Anm. d. A.) Bürgern schützen, wie eine Seuche in Deutschland ausbreitet“.2Neue Zürcher Zeitung, Eric Gujer, 22.02.2025.

Wir springen zu Ralph Giordanos am 5. und 6. Oktober 1966 im Ersten Programm ausgestrahlten Dokumentarfilm Heia Safari. Die Legende von der deutschen Kolonialidylle in Afrika, die gerade in vielen Städten Deutschlands wieder gezeigt wurde. Die vom Filmemacher bewusst provokant gestaltete Sendung nennt den Herero-Krieg in Deutsch-Südwestafrika von 1904 den ersten Völkermord in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie will mit der angenommenen Legende einer sauberen Kolonialmacht Deutschland aufräumen, wobei der Autor wiederholt kommentierend und schlussfolgernd auftritt, so dass er „an einen Agitator erinnert, der auf einen politischen Gegner zielt“, so der Neuzeithistoriker Eckard Michels.3Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, H. 3/2008, 467–492, hier: S. 479.

Die Reaktionen der Zuschauer waren scharf. Schon während und unmittelbar nach der Ausstrahlung des ersten Teils von Heia Safari registrierte der WDR eine ungewöhnlich hohe Zahl von Anrufern, die sich zum Teil sehr aggressiv über die Sendung beschwerten. Von 400 Zuschriften waren 75 Prozent negativ, wobei Personen, die durch ihre Erfahrungen aus erster Hand in Afrika (z. B. als Soldat, Beamter, Siedler und Kaufmann) eine dezidierte Meinung über diese historische Epoche hatten, weit überproportional an den WDR schrieben.

Um die negative Kritik aufzufangen, setzte der WDR am 9. Februar 1967 unter dem Titel „Heia Safari – Für und Wider“ eine Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung an, an der Historiker und Museumsleiter, ein Vertreter des Afrika-Vereins, der Autor Ralph Giordano und der verantwortliche Redakteur Dieter Gütt teilnahmen. Im Publikum saß eine Auswahl an Briefeschreibern, deren Vorwürfe vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Vorfeld als „sachlich und besonders qualifiziert“ bewertet wurden. Von 60 Eingeladenen folgten schließlich mehr als 30 der Einladung. Dabei konnte während der Diskussion zwölf Briefeschreibern das Wort erteilt werden.

Als der deutsche Staat noch keine ausgiebige Engführung des Diskurses praktizierte, höhlten die Briefeschreiber durch ihre (unerhörten) Sprechakte unsere Demokratie nicht von innen aus. Als deutsche Politiker Bürger noch nicht tausendfach für ihre unliebsamen Meinungsäußerungen verklagten, hatten die Geladenen zwar keine roten Wangen wie das eingangs erwähnte Mädchen, aber einige von ihnen einen roten Kopf (heute verächtlich: Wutbürger). Entsprechend engagiert und unvermittelt trugen sie ihre für unsere Ohren gefährlichen Positionen vor:

Der erste Gast verteidigt die Prügeljustiz. Man könne keine europäischen Maßstäbe für afrikanische Länder ohne Gefangenenanstalten anwenden. Außerdem wirke eine direkte Strafe, die der Tat auf dem Fuße folgt, immer besser als wochenlange Untersuchungshaft und dann Entlassung und dann das Gerichtsverfahren. „Es ist besser jemand kurzfristig abzuseifen, als ihn wochenlang durch die Gefängnisse zu schleppen.“ Auch der nächste Gast relativiert die Prügelstrafe: „Zweimal in der Woche war bei uns Gerichtstag. Wenn zehn mit Prügelstrafe bestraft worden sind, dann sind es bei zehn Bezirksämtern hochgerechnet nur 8000 körperliche Bestrafungen im Jahr bei acht Millionen Einwohnern.“

Der dritte Herr erhitzt sich mit lauter Stimme: „Wenn wir seinerzeit eine Legende von der deutschen Kolonialidylle in Afrika gehabt hätten, die zu unseren Gunsten sprach, warum galt es denn nun diese Legende zu zerstören?“ Noch lauter und mittlerweile vornübergebeugt: „Haben Sie schon ein einziges Mal etwas erfahren, dass die Franzosen hergegangen sind und die Legende von der Grand Nation zerstört haben?“ Weiter ausholend wehrt er sich auch gegen „die Legende der Alleinschuld“ der Deutschen an den Kriegen.

Laut seiner Statistik sind die Polen die größten Kriegstreiber, da sie in den letzten 1000 Jahren zu 58 % an Kriegen beteiligt gewesen seien. Wobei es Kriegsschuldartikel, welche die Vergessenheitsklausel früherer Friedensschlüsse ablöste, erst mit dem Versailler Vertrag gab. Um nach dem 2. Weltkrieg jede Kriegsschuldiskussion zu unterbinden, nahmen die Siegermächte deutsche Akten und Dokumente an sich. „Verfügbar waren darum nur die Unterlagen, mit denen die Sieger ihre eigene Schuldlosigkeit schlagend beweisen wollten“, schreibt der Publizist Hermann Eich4Eich, Hermann (1983). Die mißhandelte Geschichte. Historische Schuld- und Freisprüche. Düsseldorf: Erb Verlag.. Auf Akten als neuartige Kriegsbeute wird ebenso unten im Text eingegangen.

Der nächste Diskutant kritisiert die Machart des Dokumentarfilms von Ralph Giordano: „Ist es die Aufgabe des Fernsehens, Emotionen hochzupeitschen mit Kriminalstatistiken und zu sagen, das ist das Entscheidende oder könnte das Fernsehen nicht sagen: Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß, bitte mach dir selber ein Bild?“

Gast Nummer 5 bläst ins gleiche Horn. Er sagt, dass aus einer primitiven Legendenzerstörung eine Geschichtsverfälschung geworden sei, indem der Film bewusst die Gegenseite ausblendete, was ein verantwortungsbewusster Historiker nicht gemacht hätte. Der sechste Herr schließt sich an. Er möchte von Ralph Giordano wissen, ob das beste Mittel gegen „die Glorifizierung einer Sache eine Horrifizierung“ sei. Wohl kaum. Man braucht nur die Erforschung, Erfindung und Entwicklung lebensrettender Tropenmedizin in den Blick zu nehmen, die nicht nur durch koloniale und ökonomische Interessen begründet war.

Dabei ermöglichten die Schutzgebiete vielfach erst die Heilung von Hunderttausenden Afrikanern, die an Pocken, Ruhr, Aussatz, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Volksseuchen, Epidemien, Malaria, Schwarzwasserfieber, Lepra, Pocken, Pest, Cholera, Lungenentzündungen, Ernährungsstörungen usw. litten. Der Kampf gegen die Schlafkrankheit stach dabei heraus. „Das von den Deutschen erfundene Heilmittel gegen die Schlafkrankheit rettete Ende der 1920er Jahre in Afrika zwischen eineinhalb und zwei Millionen Menschenleben“, bilanziert Bruce Gilley, Professor für Politikwissenschaft an der Portland State University.5Bruce Gilley: Vortrag: Bilanz des deutschen Kolonialismus. Berlin 2019.

Von den medizinischen Erfolgen möchte Gast Nummer sieben allerdings nicht reden. Als ein Beispiel für die Leistung des deutschen Kolonialismus wählt er die Einführung der Nutzpflanze Sisal als Hauptträger des Exports in Ostafrika. Er fühlt sich der Wahrheit verpflichtet, wenn er sagt: „Die koloniale Sache ist eine notwendige Epoche in der Entwicklung Afrikas, da die Eingeborenen Arbeit nicht schätzten und auch nicht wollten. Zwangsarbeit war daher unabdingbar, um Afrika in den Prozess der Weltwirtschaft einzugliedern.“

Aus dem Publikum hat nun eine Dame das Wort: „Man sollte nicht Menschen mit einem Film beauftragen, die ihre Argumente ausschließlich aus dem Studium von Archiven zusammentragen und nie vorher am Schauplatz gewesen sind und dann anschließend an Ort und Stelle die Mitstreiter ihrer vorgefassten Meinung mit der Lupe suchen müssen.“ Was dahingehend zu interpretieren ist, dass in den 1960er Jahren die überwiegende Mehrheit der Menschen an den Schauplätzen positiv über die deutsche Kolonialzeit dachte. Abgesehen davon „sind schriftliche Quellen selbst Informationsträger mit Absicht, da sie von den Interessen der Schreibenden geprägt und daher häufig eindimensional auf eine Ereigniskette bezogen sind“, sagen die Autoren Gisela Graichen und Matthias Wemhoff.6Graichen/Wemhoff (2024). Gründerzeit 1200. Berlin: Propyläen Verlag.

Ein Herr aus der äußersten Ecke spricht als Neunter: „Ich habe von Bekannten aus Daressalam in Tansania gehört, dass sich Ostafrikaner dunkler Hautfarbe bei ihnen verwundert darüber beklagt hätten, dass die Herren vom Westdeutschen Fernsehen nur immer Schlechtes von ihnen hören wollten.“ Ein Mann mit rotem Schlips wehrt sich gegen die Annahme, dass es nie das Interesse der Deutschen gewesen sei, eine materielle Besserung der Einheimischen herbeizuführen und zitiert dabei aus dem Artikel 6 der Kongo-Akte: „Die Kolonialmächte verpflichten sich, die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen und an der Unterdrückung der Sklaverei und insbesondere des Negerhandels mitzuwirken.“

Der US-Historiker Bruce Gilley verdeutlicht: „Der Kampf gegen die Sklaverei war bei der Entscheidung, Ost-Afrika (größtenteils das heutige Tansania) offiziell unter Kolonialverwaltung zu stellen, ausschlaggebend. Verbote schränkten den lukrativen Sklavenhandel der Araber massiv ein. Zwischen 1891 und 1912 wurden dazu 52.000 Sklaven durch legale, soziale und finanzielle Mittel befreit. So fiel die Zahl der Sklaven in Ostafrika während der deutschen Kolonialherrschaft von etwa einer Million 1890 auf 200.000 im Jahr 1914.“7Gilley, Bruce (2021). Verteidigung des deutschen Kolonialismus. Lüdinghausen: Manuscriptum Verlagsbuchhandlung.

Aus seinem Blickwinkel heraus nennt der nächste Herr seine Gründe für den Untergang des Herero-Volkes: „Ich habe den Herero-Aufstand von Anfang bis Ende an vorderster Front mitgemacht. Von damals 65.000 bis 100.000 Herero gab es nur für etwa 40.000 Herero eine Lebensmöglichkeit. Für 5.000 bis 6.000 Gewehre aus englischer Hand mussten sie mit ihren wertvollen Ochsen bezahlen. Das war ein Mitgrund für ihren Aufstand. Wir hatten damals nicht nur gegen die Kugeln der Herero zu kämpfen, sondern gegen Pferdesterben und Rinderpest, Malaria und Typhus, Hunger und Durst. Wir konnten keine Herero mehr aufnehmen, da wir selber am Verhungern waren. Aus diesen Zuständen heraus ist der Schießbefehl von Trotha erlassen worden. Etwa 20.000 Herero sind auch während der Kriegsgeschehnisse an Typhus, Malaria und Pocken gestorben sind, da die deutsche Verwaltung erst zu einem späteren Zeitpunkt die Pockenimpfung eingeführt hat. Das ist der Hauptgrund für ihren Untergang.“

Der Gast schließt mit den Worten: „Wer wie ich an den verstümmelten Leichen seiner Kameraden stand, die bei lebendigem Leibe in die Hände der Herero fielen, dann zu Tode gequält wurden mit ausgestochenen Augen und abgehackten Händen, hat eine andere Sicht auf die Geschichte als diejenigen, die später am Schreibtisch sitzen und alles besser wissen.“ Der Spiegel schrieb 2016 dazu, dass „sich der Vorwurf eines unter der Regie von Oberbefehlshaber und Gouverneur Lothar von Trotha durchgeführten Völkermordplans der Reichsregierung nicht erhärten lässt“.8Bartholomäus Grill (2016). Der Spiegel. Gab es wirklich einen Völkermord an den Herero?

Von Trothas berüchtigter „Vernichtungsbefehl“ vom 2. Oktober 1904 würde diesen Plan auch nicht hergeben. Dort heißt es: „Ich nehme mit Bestimmtheit an, daß dieser Erlaß dazu führen wird, keine männlichen Gefangenen mehr zu machen, aber nicht zu Grausamkeiten gegen Weiber und Kinder ausartet. Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird.“ Der Erlass wurde im Dezember 1904 nach starken Protesten im Reichstag und in der deutschen Öffentlichkeit auf Anordnung von Kaiser Wilhelm II. aufgehoben. Die Bundesregierung folgt dagegen im Kern, bewusst oder unbewusst, der sozialismusgemäßen Kolonialgeschichtsschreibung der jungen DDR.9Bürger, Christiane (2017). Deutsche Kolonialgeschichte(n). Der Genozid in Namibia und die Geschichtsschreibung der DDR und BRD. Bielefeld: transcript Verlag. Unter Aktuelles schreibt sie am 28.5.2026 ganz auf Linie: „Generalleutnant Lothar von Trotha befahl die völlige Vernichtung der Herero im Oktober 1904. Dieses Verbrechen gilt als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.“

Als 12. und letzter erhält ein Herr das Wort, der selbst nie in Afrika war, sich aber „in die Heia-Safari-Materie reinkniete“ und dabei zu seinem „guten alten Lexikon“ aus den Jahren 1906/1907 griff. Aufgewühlt sagt er: „Dieses nicht radierte Lexikon muss maßgebend sein für unsere Meinungsbildung heute. Sie werden erkennen, dass es überhaupt keine Legende gegeben hat. Wer kein Lexikon aus dieser Zeit hat, geht bitte in die nächste Bibliothek!“ Die über 200.000 auflagenstarken und über 15.000 Seiten dicken Universallexika ihrer Zeit sind in der Tat interessante Quellentexte für die historische Sozial- und Kulturforschung, wobei sie selbstredend bei der Einordnung von historischen und politischen Ereignissen die jeweils geltenden Wertvorstellungen abbilden. Ein Rückgriff auf alte Lexika um die Jahrhundertwende empfiehlt sich auch, da sie die Naturwissenschaften und ihre technischen Anwendungen in der Regel zuverlässig und objektiv darstellen.

Moderator Franz Ansprenger, Politikwissenschaftler mit einem Schwerpunkt auf dem nachkolonialen Afrika und Professor in Berlin, beschließt nun den Reigen: „Ich glaube, dass es notwendig ist, die deutsche Kolonialvergangenheit in ihrer Wirklichkeit darzustellen. Denn wir stoßen tatsächlich in Afrika in den alten deutschen Kolonien immer wieder, auf Schritt und Tritt, auf Afrikaner, die von uns Deutschen etwas Besonders erwarten, weil wir Deutsche sind. Selbst wenn so viele Afrikaner, sehr viele alte, auch einige junge, in den ehemaligen Kolonien mit dieser ganz besonderen Vorstellung von der deutschen Vergangenheit ihres Landes auf uns zukommen, so ist unter Umständen die Gefahr einer Entfremdung umso größer, wenn sie nämlich ersehen, dass wir Deutsche auch nur mit Wasser kochen.“

In den Dörfern Kameruns würde man noch heute positiv von der deutschen Kolonialzeit berichten, sagt ein Freund aus der Landeshauptstadt Yaoundé, der mich in Frankfurt besucht, und schüttelt dabei den Kopf: „Woher wollen sie denn wissen, dass es eine gute Zeit war. Sie haben diese Zeit doch gar nicht erfahren.“ Doch warum sind mündlichen Überlieferungen aus der Perspektive von Afrikanern nicht zu trauen? Da schriftliche Quellen aus afrikanischer Hand nur selten vorliegen, haben sich die meisten Erinnerungen oral tradiert.

In einer reizvollen Gesamtschau, die auch ein Gespräch mit einem kamerunischen Freund am Küchentisch einschließt, gibt es Täter/Wohltäter-Kolonialgeschichten, aber nicht die Kolonialgeschichte als Monolith. Geschichte steht auch nicht als eine Ansprüche stellende Person vor einem, sondern sie tritt erst durch die Interpretation von vielfältigen Konstellationen fassbar in Erscheinung. Und hier ist schlichtweg alles möglich „bis hin zur erfolgreichen Umerziehung, wenn nämlich die Siegergeschichtsschreibung von der nächsten Generation geglaubt wird“, wie der US-amerikanische Publizist Walter Lippmann 1922 in seinem Buch Public Opinion10Lippmann, Walter (2018). Die öffentliche Meinung. Frankfurt: Westend Verlag. schreibt. Die Wenigsten wissen nun, dass die Rote Armee 1945 die deutschen Kolonialarchive in Berlin beschlagnahmte. Zudem wurde das am 1. Juni 1946 als „Zentralarchiv in der Sowjetischen Besatzungszone“ gegründete Deutsche Zentralarchiv (DZA) Nachfolger der Bestände des ehemaligen Reichsarchivs Potsdam und des Preußischen Geheimen Staatsarchivs. Diese Schlüsselereignisse machten es zum Hauptanliegen einer DDR-Geschichtsschreibung, die „teils beschönigende Apologetik“ über die koloniale Vergangenheit Deutschlands durch „gründliche Forschungen“ zu widerlegen.

„Die Forscher sollten aus den traditionellen Bindungen einer bürgerlichen Wissenschaftssystematik gelöst arbeiten“, sagt der ostdeutsche Kolonialforscher Ulrich van der Heyden.11Gilley, Bruce (2022). Böser, böser Kolonialismus. Freilich, 18, 83-89. Was bedeutet, dass alle positiven Bewertungen der Errungenschaften des deutschen Kolonialismus entfernt wurden. Hier schließt sich der Kreis zum vorfestgelegten Pranger-Journalismus Ralph Giordanos. „Die zeithistorisch-unsachliche Sendung ‚Heia Safari. Die Legende von der deutschen Kolonialidylle in Afrika‘ ist zu einer Bühne der Selbstdarstellung Ralph Giordanos ausgeartet“, kritisiert in einer internen Nachbetrachtung der damalige WDR-Intendant Klaus von Bismarck. Der Urgroßneffe des Eisernen Kanzlers konzentrierte sich auf die Eindämmung des politischen Einflusses, um das liberale Profil des Westdeutschen Rundfunks zu erhalten. Die zunehmende Einflussnahme der Parteien veranlasste ihn schließlich dazu, auf die Kandidatur für eine vierte Amtszeit zu verzichten. Was bleibt, ist das sichere und postkoloniale Wissen darüber, wie die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika in selbstbezüglichen Schuldschleifen möglichst unterkomplex zu begreifen ist.