Rezension

Staatssekretär Gauland

Kennen Sie das, wenn eine Fliege im Schlafzimmer ihre Runden zieht. Die Versuchung ist groß, diese Fliege erschlagen zu wollen, um endlich schlafen zu können. Aber: Die lästige Fliege entkommt immer wieder und wieder, doch irgendwann erwischt man sie. Doch lohnt sich der Streß? Es gibt eine Netflix-Serie, die den Kampf von Mr. Bean mit einer Biene in einer Villa zeigt. Nahezu alles geht bei diesem Kampf zu Bruch. Der Schaden ist größer als der erhoffte Nutzen.

So verhält es sich häufig auch in der Politik. Der heutige AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland war von 1987 bis 1991 Staatssekretär und Chef der hessischen Staatskanzlei. Gauland, damals noch in Diensten der CDU, wollte einen roten Genossen in seiner Staatskanzlei loswerden und glaubte, ihn einfach auf eine unbedeutende Stelle versetzen zu können. Eine solche Personalrotation ist unausweichlich und bis heute üblich. Der längst verstorbene Ministerialrat Rudolf Wirtz (SPD) wehrte sich dagegen allerdings mit Händen und Füßen. Das ist metaphorisch gemeint. Die „Hände“ und „Füße“ eines Beamten sind das deutsche Recht sowie die parlamentarische und mediale Öffentlichkeit.

1995, also acht Jahre nach Beginn der Auseinandersetzung, stellte der hessische Petitionsausschuss fest, daß Wirtz zu Unrecht entlassen worden sei. Schon 1992 hatte er sein ursprüngliches Amt zurückerhalten. Ein Sieg also auf ganzer Linie für den SPD-Mann, der Gauland vorwarf, rechte Gefolgsleute einsetzen zu wollen? Steht somit die AfD bei einer möglichen Regierungsbeteiligung einer feindlich gesinnten Verwaltung machtlos gegenüber? Ähnliche Klagen waren in den letzten Jahren schließlich auch von der FPÖ zu hören …

Die „Affäre Gauland“, wie sie der 2023 verstorbene Schriftsteller Martin Walser nannte, legt keineswegs ein solch eindeutiges Urteil nahe. Im Gegenteil: Martin Walser verarbeitete die „Affäre Gauland“ auf Grundlage der ihm von Rudolf Wirtz zur Verfügung gestellten Unterlagen zu einem Roman. Der Roman trägt den Titel Finks Krieg1Martin Walser: Finks Krieg. Zuerst: 1996. Frankfurt/Main 1998. Nah an der Realität schildert Walser, wie sich ein gewisser Stefan Fink mit dem Chef der Staatskanzlei, einem Herrn Tronkenburg, in einen Kampf „David gegen Goliath“ begibt. Die Sympathie bei derlei Auseinandersetzungen liegt stets bei David. Das monierte auch der real existierende Alexander Gauland, der offen bekannte „Ich war Tronkenburg“, Walser aber ein schiefes Bild der Ereignisse vorwarf.

Mit dem nötigen zeitlichen Abstand läßt sich indes ein differenziertes Bild zeichnen. So schlecht kommt Gauland bzw. Tronkenburg gar nicht weg. Und auf der anderen Seite wird Wirtz bzw. Fink auch nicht als Held glorifiziert, sondern als ein Wahnsinniger beschrieben, der durch den Prozeß sein gesamtes Privatleben und die Freude an seiner Arbeit verliert, die mit Beginn des Machtkampfs in der Staatskanzlei keine Berufung mehr sein konnte.

Fast am Ende des Romans resümiert Fink mit leicht zynischem Unterton: „Ich hielte es nicht aus, ein Mächtiger zu sein. Zu schwach. Zu windig. Zu nichtig. Also kann ich froh sein, daß andere sich finden, die es auf sich nehmen, mächtig zu sein, die es ertragen, mächtig zu sein, die nicht daran verzweifeln, mächtig sein zu müssen. Und die muß man darum loben.“2Ebd., S. 307

Fink hat mit all seinen Anstrengungen nur einen Pyrrhussieg errungen, den er teuer bezahlen mußte. Für Gauland dagegen handelte es sich um eine aufgebauschte Randnotiz, die seinen weiteren Werdegang nicht beeinträchtigen sollte. Gauland zog 1991 weiter nach Potsdam, um die Märkische Allgemeine Zeitung zu lenken. Genau das unterscheidet einen Mächtigen von einem Machtlosen. Der Mächtige agiert und ignoriert, während der Machtlose reagiert und sich empört. Und: Der Mächtige lebt in der Gegenwart, während sich die Machtlosen an die Vergangenheit klammern – und zwar so lange, bis es keine Zukunft mehr gibt.

Martin Walsers Roman ist deshalb so grandios und bis heute lesenswert, weil er diese Dimensionen vom Einzelfall löst und insgesamt auf die Deutschen als besiegtes Volk überträgt. Fink ist unfähig, ein Kriegsende zu finden. Seinen Krieg (gegen Gauland-Tronkenburg) verliert er selbst nach den offiziellen Kampfhandlungen „immer aufs neue und immer noch furchtbarer“3Ebd., S. 292.

„Das heißt, der Verlierer hat keine Würde. Er hat vielleicht mehr Geld oder die besseren Autos, aber er hat keinen Wert mehr, weil er nicht mehr die Legitimität hat, etwas zu einem Wert zu machen.“4Ebd., S. 293

Nachtrag aus dem Jahr 2026: Jetzt haben wir auch nicht mehr die besseren Autos.

Eine Seite danach wird Walser noch deutlicher: Der deutsche Soldat habe nach 1945 „diesen Krieg zum zweiten, dritten, vierten … Mal“ verloren. „Und er hört nicht auf, ihn zu verlieren. Er ist längst diffamierbar geworden.“5Ebd., S. 294 Es sind die Machtlosen, die sich diffamieren lassen, während die Mächtigen diffamieren können, ohne tatsächliche Nachteile zu erleiden. Das gilt, so ließen sich diese Passagen deuten, sowohl auf der persönlichen Ebene als auch zwischen Staaten.

„Heute geborene Deutsche werden ins Bessersein hineingeboren. Aber jetzt stellt sich heraus: die Welt wacht über uns, als könne täglich die ganze Scheiße wieder hochkochen, ausbrechen, vulkanartig. Der Frieden, den man uns geschenkt hat, ist faul. Er stinkt.“6Ebd., S. 295

Doch kehren wir zur Ausgangsfrage und zugleich zum Romananfang zurück: Lohnt es sich, nach der Fliege im Schlafzimmer zu schlagen? Dieses Schlagen ist jetzt „nicht persönlich“ gemeint. „Allenfalls systematisch“7Ebd., S. 49, wie es im Roman heißt. Tronkenburg hielt zwar feierliche Reden über die Unabhängigkeit des Beamtentums von den übergriffig agierenden Parteien. Aber mal ehrlich, entweder man spielt das Spiel mit oder man verliert, oder?

Mit seiner unerwarteten Gegenwehr durchkreuzte Fink das übliche Spiel. Das übliche Spiel hätte darin bestanden, daß Gauland-Tronkenburg seine neuen Leute, die auch schon mal das Lied „Nur der Freiheit gehört unser Leben“ (Hans Baumann) gesungen haben, mitbringt. Die roten Finken treten derweil eine Reihe zurück, kassieren weiter ab und kehren in Reihe eins zurück, sobald die Schwarzen wieder abgewählt wurden und sich andernorts ein neues Betätigungsfeld suchen müssen. Sich an diese üblichen, ungeschriebenen Spielregeln zu halten, wäre für alle Beteiligten die gemütlichste Variante gewesen.

Eine Partei wie die AfD dürfte jedoch auf einen solch reibungslosen Ablauf nicht vertrauen können. Das liegt weniger am Vorwurf des angeblichen Rechtsextremismus, sondern vielmehr daran, daß die Zeiten der alten Bundesrepublik, in denen sich CDU und SPD an der Regierung abwechselten, endgültig vorbei sein dürften. Vorsicht also vor den roten Finken! „Wenn alle Beamten so gründlich wären wie Herr Fink, kämen wir zu nichts anderem mehr“8Ebd., S. 23, so Walser im Roman, wobei die Realität wiederum fast identisch sein dürfte.

Die große Gefahr, einen Fink auf einen sinnlosen Versorgungsposten umzusetzen, ist weniger ein Scheitern vor dem Verwaltungsgericht oder schlechte Presse. Rote Finken legen den gesamten Betrieb lahm. Die Staatskanzlei wird durch solche Typen zur Selbstbeschäftigungsanstalt. „Formalisieren, das ist die Waffe des Schwachen“9Ebd., S. 54, denkt Fink laut nach. Sie dokumentieren jede Unregelmäßigkeit, jedes Foulspiel, jede minimale Verletzung des Datenschutzes und sie ziehen dabei jeden mit rein. O-Ton Fink: „Mein Dokumentationsehrgeiz brachte auch eine Liste hervor, auf der alle Menschen, mit denen ich überhaupt zu tun hatte, eingeteilt waren in Freunde und Feinde. Die Feinde waren eingeteilt in Gegner und Feiglinge. Manchmal mußte ich einen Namen aus der Rubrik Freunde streichen und ihn bei den Feiglingen einreihen.“

Am Ende hat Fink trotz seines Pyrrhussieges überhaupt keine Freunde mehr und kann selbst seine eigene Ehefrau nicht mehr ertragen, weil sich sein gesamtes Leben nur noch um den Rechtsstreit dreht. „Mein größter Fehler überhaupt, Leute, die mir wohlgesonnen zu sein schienen, zu überfordern. (…) Und der schlimmste Effekt: wenn du die, die du auf deiner Seite glaubst, zu oft anrufst, merken sie, wie schwach du bist, wie bedürftig, wie hilfsbedürftig.“10Ebd., S. 71f Rote Finken können eine Staatskanzlei also lähmen, aber das Pendel schwingt auch zurück. Die Karrieristen in der Staatskanzlei werden gut abwägen, ob sie sich mit den Nervensägen verbünden oder sie ignorieren – wie das die Mächtigen machen.

„Machthaben muß eine Säure produzieren, die die Empfindungsfähigkeit zerfrißt. Ohne zerstörte Empfindungsfähigkeit könnte einer mit Macht nichts anfangen. Und eine Macht, die man nicht ausübt, hat man nicht. Also muß man sie, schon um zu prüfen, ob man sie noch hat, ausüben“, legt Walser Fink in den Mund.11Ebd., S. 164 Politiker müssen diese Bereitschaft zur Skrupellosigkeit mit guten Manieren kaschieren. Darin sei Gauland-Tronkenburg ein Meister gewesen. Tatsächlich skizziert Walser die Charakterzüge von Gauland und dessen Argumentationsmuster brillant. Gauland-Tronkenburg präsentiere einen „Konservativismus“ mit einer feinen Brise Mißtrauen gegen den deutschen Sonderweg – erst den rechten, seit jüngerer Zeit auch den linken des Selbsthasses. Vorgetragen werde das mit einer Bewunderung für England und Frankreich mit der „schaumlosen Sprache historisch-politischer Bildung“. Gauland-Tronkenburg präsentiere sich so als Intellektueller mit dem „Zeug zum Mehralsdeutschen“.12Ebd., S. 188f

„Er spielte den Engländer. Und das nicht nur mit seinen Anzügen und Manieren. Auch was er über Politik verfaßte, war immer aus feinstem englischen Stoff. (…) Herr Tronkenburg war aber aus der DDR zu uns gekommen. Ein Sachse ohne Akzent. Wenn er überhaupt einen Akzent hatte, dann einen rheinischen. Das empfand ich sofort als eine Anmaßung. Obwohl ich mein heimisches Rheinisch sonst nicht hervorkehre, ihm gegenüber ging ich in die vollen, demonstrierte, was Rheinisch sein kann. Ihn als Imitator zu entlarven. Hat der doch gar nicht gemerkt. Der merkte nur, was ihm guttat. Er war ein Sieger. Ich nicht. Noch nicht. Er war an der Macht.“13Ebd., S. 9f

Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle von 2005 bis 2010. Seitdem freier Publizist.