Gesichtet

Die Paradiese der Wissensgesellschaft

Als Gesellschaft, Menschheit und Zeit wäre uns am besten damit gedient, wir blieben historisch anonym.

Naturwissenschaftliche Methoden befreien uns von blickverstellenden Wertungen und Vorurteilen. Der mittelbare soziokulturelle Einfluss, den die naturwissenschaftliche Methodik auf die Wissensstruktur ausübt, ist dabei höher anzusetzen als der unmittelbar wissenschaftliche. Das liegt daran, dass unsere „Zivilisation“ ganz eine naturwissenschaftliche Selbstschöpfung ist: in zunehmender Selbstabschnürung von der Vergangenheit befreit sie uns vom Ballast der Geschichte. Daher die Leichtigkeit, mit der wir „uns“ als Menschheit, Gesellschaft und Zeit selbst Namen zu geben pflegen.

Dummdreiste „Wissensgesellschaft“

Gleich die „Wissensgesellschaft“ ist keine analytische Kategorie, keine sachgerechte Selbstverortung innerhalb des „Fortschritts“, sondern eine Selbstbewertung. Diese ist ähnlich der Eins, die sich der dummdreiste Schüler des unteren Viererbereichs selbst gibt. Der Unbegriff einer „Postmoderne“ verdeutlicht „unsere“ Dummdreistigkeit noch mehr: Die inzwischen bis zum Nichts destruierte geschichtsphilosophische Einteilung nach Altertum, Mittelalter, Neuzeit – mit dem 1789er Appendix „neueste Zeit“ – ist sogar begrifflich Voraussetzung unserer materialistisch-szientistischen Postmoderne.

Es entspricht postmodernem debilen Denken, eine reine Gegenwärtigkeit und Diesseitigkeit, welche sich auf nichts anderes als auf sich selbst gestellt hat, im Sinne der alten Geschichtsphilosophie einen geschichtlichen Stellenwert – und sei er ein Unwert! – beizumessen. Und die Alternative der „reflexiven Moderne“ ist doch nur eine schlampige Verhüllung unserer eigenen Dummdreistigkeit als Gesellschaft, Menschheit und Zeit.

„Mündigkeit“ hat (auch) mit Nuss-Nougat-Creme zu tun

In der multimedialen und telekommunikativen „Ära der Echtzeit“ geschieht etwas mit dem Wissen. Das haben die Theoretiker der Postmoderne richtig gesehen. Das Wissen verändert seine Struktur dadurch, dass es als Information übertragen wird. Information, das ist der platte und missratene kleine Bruder der ehedem großen Aufklärung. Von der Aufklärung übrigens lässt sich bildlich gesprochen genau das gleiche sagen, was ein Unbekannter bezüglich Gott gesagt hat: Gott gibt euch die Nüsse, er knackt sie nicht für euch.

Die Aufklärung, die Anstöße und Kopfnüsse austeilte, das Knacken der letzteren aber aufgeklärten Menschen überließ, ist bei weitem wohlmeinender gewesen als unser „Zeitalter der Information“. Ohne dass man danach verlangt hätte, schmiert es verschwenderisch leckere, nichtsdestotrotz qualitativ minderwertige – da ist so gut wie keine Echtnuss drin! – und sogar gesundheitsschädliche Nuss-Nougat-Creme ums Maul. Kopfnüsse sind nicht schön, können aber mündig machen, indem sie Denkanstöße geben. Nuss-Nougat-Creme ist zwar lecker, hat aber etwas mit Herrschaft zu tun – über dich nämlich! Die verführerische seidige Cremigkeit, Geschmeidigkeit und Süße der Nuss-Nougat-Creme sollte zu denken geben. Wer diese Nuss für sich geknackt hat, der darf sich nicht ohne Stolz selbst mündig nennen.

Es gibt weder „Fake-News“ noch eine „Post-Faktizität“

Virtualität und Vorgekautheit und sogar Vorverdautheit sollten eigentlich Zweifel an der Echtheit und Wahrhaftigkeit der Information aufkommen lassen, und das nicht erst seit „Fake-News“ und „Post-Faktizität“. Als Schlagworte, und sie sind auch wirklich nichts anderes als das, sind „Fake-News“ und „Post-Faktizitäten“ selbst postfaktische Fake-News.

Im „Zeitalter der virtuellen Realität“ sind „Fake-News“ und „Post-Fakten“ unmöglich. Es kann in ihm nämlich weder Wahrheit noch Tatsachen (Fakten) geben, folglich auch keine „Fake-News“ und „Post-Fakten“. Man erinnere sich des Werbespruchs des „Focus“ – zweifelsohne eine seriöse Zeitung – der bekanntlich lautete: „Fakten, Fakten, Fakten“. Es war zwar „nur“ ein Werbespruch, trotzdem muss es gesagt werden: „Fakten“, im Sinne von nackten Tatsachen und nackter Wahrheit, gibt es, selbst in bzw. nach dreifacher Wiederholung, nicht.

Mit „Fakten“, d.h. der Wortverhüllung für die unverblümte Nacktheit der Tatsachen, zu werben, ist ein Widersinn, nicht nur für ein ansonsten gutes Nachrichtenmagazin. „Fakten“ treten nicht in uneigennütziger Eigeninitiative auf. Auch ist ihr Sprachvermögen das einer Bauchrednerpuppe: immer abhängig von der Geschicklichkeit des Bauchredners und Strippenziehers, am Gegenstand die Illusion des Selbst zu erzeugen.

Überhaupt hat Nacktheit, selbst als Teilentblößung, ihre Konsequenzen: „Fernsehsendungen hielten sich früher live“ zugute. Heute, in der Echtzeitära, ist die zweckmäßige Verzögerung in weiser Voraussicht und behütender Absicht von vornherein mit eingebaut, spätestens seit Janet Jacksons und Justin Timberlakes „Nipplegate“ beim 38. Superbowl 2004.

„Informierung“

Es gibt freie Meinungsäußerung wie nie zuvor. Geplärre und Gezänk, unabhängig davon, ob es sich um Absurditäten oder lebenswichtige Fragen handelt, sind an der Tagesordnung. Davon unbeeindruckt setzt sich das Gewaltmonopol des Staates in Nachrichtenmonopolen fort. Die staatlich sekundierte Kalibrierung und Uniformierung der öffentlichen Meinung breitet sich immer mehr aus auf Kosten der individuellen Meinungsfreiheit.

Dank „Fake-News“, „Post-Faktizität“ und „Hate-Speech“ bahnt sich inzwischen sogar ein Wahrheitsmonopol an. Es ist immer gut, zu wissen, wo man die lautere Wahrheit leicht finden kann. Meistens ist sie gerade da nicht zu finden, wo sie in Großbuchstaben draufsteht bzw. der rote Pfeil gebieterisch hindeutet. Das in bester Absicht oktroyierte  „Netzwerkdurchsuchungsgesetz“ liegt Papa Staat im Blut, man sollte es ihm danken und ihn unsererseits dazu einladen, ein „Hausdurchsuchungsgesetz“ zu unser aller Schutz und Sicherheit zur Anwendung zu bringen.

In privaten Mainstreammedien finden journalistische Ethik und Selbstkontrolle in Vor- und Nachbesprechungen heraus, was (vor dem Bürger? vor einer Öffentlichkeit?) zu verantworten ist und was nicht. Eine solche Prävention zeugt nicht nur von Weisheit. Sie ist lobenswert wegen der genauso freundlichen wie uneigennützigen Verantwortlichkeit, die dahinter steckt.

Neue Paradiese für neue Menschen

Die Menschheit von heute vermag Berge zu versetzen, Atome zu spalten, Gene zu manipulieren. Die meisten von uns bekommen das niemals zu sehen, „wissen“ tun sie es trotzdem. Metaphysisch gibt es nichts Heiliges, materiell nichts von Dauer mehr. Dank amerikanischer Fernsehsendungen „wissen“ wir: Las Vegas hat keine Geschichte. Es reißt sich kontinuierlich selbst ab, baut sich immer wieder selbst neu auf.

Auch wenn die meisten von uns es nicht aus eigener Anschauung wissen, plausibel ist das schon. Es gibt mythische Bilder, die perfekt für eine genussgierige und -süchtige Menschheit sind: Dubai als Ferienparadies als eine höhere, echtere und wahrere Welt zeitewigen Funs. Die Kinder, die früher brav waren, kamen in den Himmel. Bist oder wirst du reich, kommst du nach Dubai. Das ist so abwegig nicht.

Gibt es doch christliche Bekenntnisse, in denen Himmel und Paradies Platzbeschränkung und darum auch nur die „Erwählten“ Zutritt haben. Im islamisch-arabischen Kulturraum ist es eine Besessenheit aller Machthaber seit den ersten Kalifen, hier auf Erden in den Genuss des Paradieses zu kommen. Paradiese verlagern sich, kommen herunter, erschaffen sich unentwegt neu an neuer Stelle mit neuen Materialien und neuen Menschen. Das ist der Phönix, den die Erwählten haben können, den Nichterwählten zeigt er sich bloß – als Vogel. Medien, die dir zeigen, was du haben willst (sollst), aber nicht haben kannst, zeigen dir ebenfalls nur den Vogel. NTV hat mir Dubai gezeigt, gottseidank will ich Dubai nicht einmal geschenkt bekommen.

Schwindel vor dem Weltgericht?

Die Paradiesvorstellungen sind nicht vom Wissen und der mit ihm einhergehenden Entzauberung der Welt verdrängt, sondern von Informationen gespeist die über Umwege auf Wissen zurückgehen. Die echten irdischen Paradiese gründen direkt auf Wissen. Von Dubai aber „weiß“ ich aus Fernsehen und „Internet“, beides „Dinge“ – das Fernsehen mehr als „Internet“ – die eine Wissenschaft hervorgebracht hat, von der ich nicht die geringste Ahnung habe.

Die irdischen echten, aber auch die wahnsinnigen Vorstellungsparadiese, sind erfahrbarer als das Wissen, dass ihnen zugrunde liegt. Im eigenen Bereich sind Halluzinationen real. Halluzinogene haben eine Wissensgrundlage. Phantasie und Einbildungskraft, befeuert durch nüchterne Wissenschaft, sind echte Mächte, die auch tatsächlich „am Werk“ sind, indem sie sich daran machen, die Realität umzubauen. Was man fühlen und erleben kann, hat einen höheren Stellenwert als alles Wissen.

Nichts geht über das unmittelbare Erlebnis. Dieses ist nur möglich dank einer wissenschaftlichen Überwelt, von der wir so gut wie gar nichts wissen. Das sollte genügen, uns den Wahn aus dem Kopf zu schlagen, uns selbst als Gesellschaft, Kultur und Zeit einen Namen geben zu wollen. Was wissen wir denn schon? Rein gar nichts.

Angesichts dieser Tatsache des Nichtwissens wäre eine rigorose historische Anonymität dem Namengebungswahn vorzuziehen. Oder aber wir können weiterhin vorgeben, wir Ungeschichtlichen seien von der Moderne „adoptiert“. Aus dem Prestige ihres Namens lässt sich immer noch viel Kapital schlagen. Je größer das Täuschungsmanöver und die mit ihm verbundene Vorteilsbeschaffung, desto abwegiger ist, dass man dafür auch verurteilt wird. Das wäre doch ein hübscher Schwindel, aus dem man zudem noch sehr fein herauskäme vor dem – Weltgericht. Gäbe es das doch nur! Wir müssten uns nicht uns selbst etwas vorschwindeln.

(Bild: Dubai, Pixabay)

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2 Kommentare zu “Die Paradiese der Wissensgesellschaft

  1. Karl Eduard

    Ich fasse den Artikel mal zusammen: Reden ist Silber und das Schweigen ihm vorzuziehen.

  2. Carlos Wefers Verástegui

    @ Karl Eduard

    Oder der langen Rede kurzer Sinn, wie auch immer, Sie haben´s erfasst 😉

    Gruss

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