Rezension

Ernstes und Heiteres aus dem Buschleben

Abenteurer, Humorist und Reiseschriftsteller: Die Rede ist von Stefan von Kotze. Bis zu seinem Tod 1909 berichtete er vor allem über die damaligen deutschen Kolonien und löste die Widersprüche zwischen preußischen Kolonisationsversuchen und dem dortigen Leben in immer neuen Pointen auf.

Nun sind mit Die Antipoden sehr seltene Kurzgeschichten von ihm neu aufgelegt worden. Die Hauptrolle spielen darin Glücksritter, Zecher und abgehalfterte Weiber im damaligen Australien.

Schon in jungen Jahren wurde Stefan von Kotze seine Heimat zu eng. Geboren in Klein Oschersleben im heutigen Sachsen-Anhalt, zog es ihn in die weite Welt – und die steckte voller Abenteuer, Skurrilitäten und manchmal auch Härten des Lebens. In seinen Geschichten verarbeitet von Kotze seine Eindrücke aus Ländern wie Papua-Neuguinea, Australien oder auch den damals deutschen Afrikakolonien.

Preußen in Afrika

Und in aller Regel fügt er den Geschichten eine gehörige Pointe hinzu. Mit Spott und unerschütterlichem Humor überzog er nicht zuletzt die deutschen Versuche, die Kolonien nach preußischem Vorbild zu organisieren. Denn, man weiß es mittlerweile, diese Versuche schlugen nicht selten fehl. Doch Kotze findet daran immer das Bemerkenswerte. Zu Lebzeiten war er daher als Autor und Journalist sehr beliebt. Kurt Tucholsky schrieb über ihn: „Ihm schlug in der Brust das ewig unruhige, nie zufriedene, in Sehnsucht emporverlangende Herz des Deutschen. Und in einer Kammer dieses Herzens: Da wohnt der Humor.“

Nun wurden im kleinen Brandenburger Verlag factum coloniae seltene Kurzgeschichten von Stefan von Kotze als Jubiläumsausgabe neu aufgelegt: Die Antipoden. Sie stellen mit einem Augenzwinkern die seltsamen, harten oder köstlich-humorigen Erlebnisse von Kotzes im Australien des späten 19. Jahrhunderts dar.

Auge für die Realität

Dabei ist von Kotze kein Komiker nach heutigem Zuschnitt. Er sieht auch die harten, unmenschlichen Seiten des Lebens. Die erste Geschichte mit dem Titel „Wasser“ stellt einen irritierenden Konflikt um das lebensnotwenige Nass in der Wüste dar. Ohne Hoffnung darauf, per Zufall eine Quelle zu finden, brechen bei den Beteiligten grausame, anarchistische Züge durch. Eine Beobachtung, die einem auch heute noch lehrt, dass die Decke der Zivilisation dünn ist, wenn es ums nackte Überleben geht.

Aber in solche Situationen können Menschen kommen, wenn sie ihre Komfortzone verlassen und sich den Kräften der Natur aussetzen. Andererseits liefert die Geschichte ein mitunter erschreckendes Bild damaliger Denkmuster, die die Grenze zur Menschenverachtung nicht selten überschreiten. Doch im Folgenden wird es höchst vergnüglich. Sprachgewaltig wird Gott als lässiger Demiurg vorgestellt. Köstlich die Erzählungen um die alten Digger Jim („Aus meinem Diggerleben“) und dann Geordie mit seiner Eingeborenen in: „Ihr Lebensglück“.

Glücksritter und Goldgräber

Doch bösartigen Humor vom Feinsten bietet die Kurzerzählung „Die Kannibalen“. Insgesamt sind die Härte lebensfeindlicher Landstriche im Busch und in den Wüsten Australiens und der unvergleichliche Humor Stefan von Kotzes der Grundstoff dieser Abenteuergeschichten. Über Die Antipoden schrieb Tucholsky weiter: „Und Humor ist es, in all dem herzbrechenden Jammer, den das Wort Australien einschließt, fast sachlich und bis zum Symbol gesteigert, still den Werdegang eines Buschreiters, eines Arbeiters festzustellen, das ist mehr als eine Allegorie.“

Die Protagonisten der Antipoden: Glücksritter, Goldgräber und wer sich sonst in den Weiten Australiens niederlies. In den 17 Kurzgeschichten wird somit ein lebendiges Bild der Gegenfüßler in „Down under“ gezeichnet. Freud und Leid zaubern dabei oft ein bitteres Lächeln ins Gesicht des Lesers – ob er sich bei der Lektüre nach Australien in die Zeit der Goldgräber versetzt oder, mit dem Bewusstsein seiner wohlgeordneten Umgebung, behaglich im Sessel zurücklehnt, das bleibt ihm selbst überlassen.

Stefan von Kotze: Die Antipoden – Stimmungen von Da Drunten. Verlag factum coloniae, 2016. 160 S., Broschur. 12,90 Euro. ISBN: 978-3946878049

Verwandte Themen

Der Uganda-Report (III) „Das bedeutet Bürgerkrieg!” Carl Hildingsson ist sich da sicher. Der Unternehmer aus Schweden betreibt heute Restaurants und Cafes in Jinja, einem net...
Der Uganda-Report (II): Überbevölkerung Die Österreicherin Maria L. Prean ist die Gründerin und Direktorin von Vision für Afrika, einer international tätigen Organisation, deren Ziel es ist,...
Der Uganda-Report (I) Die Erste Welt macht die Dritte Welt kaputt? – „Es ist wie das Paradies Gottes“, antworte ich ernsthaft auf die Frage eines Einheimischen, der wissen ...

0 Kommentare zu “Ernstes und Heiteres aus dem Buschleben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo