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Gentrifizierung

Schwaben raus, Schwaben raus!“, hallt es durch die engen Gassen Kreuzbergs. Es riecht nach Urin, Wände sind bekleckert und beklebt. Der Sturmtrupp kommt soeben um die Ecke, wittert neue Opfer. Ein BMW ist es, der Feuer fängt, Flammen züngeln aus den Radkästen. Ein flanierendes Lesbenpärchen flüchtet in einen Hauseingang, ein schwarzer Rauschgiftdealer drückt sich hinter den umgeworfenen Müllcontainer. Sturmführer Denis Barakesh hat seine Rotte im Griff. Gegen die Gentrifizierung seines Stadtteils kämpft er, gegen die feindliche Übernahme dunkler Rattenhöhlen durch kiezgeile Yuppies.

Barakesh weiß, daß immer mehr autonome Menschen an den Berliner Stadtrand, nach Marzahn oder Hellersdorf, flüchten müssen, weil die Alimentierungen nicht ausreichen, um zwischen Café Dada und Bionade ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Peter Hartz, als Manager Todfeind aller Linken, rückt nach Barakeshs Ansicht „zu wenig Kohle rüber“. Keinesfalls will sich der Antigentrifizist den Gesetzen des Kapitalismus unterwerfen: „Jeder Mensch soll leben können, wo er will. Yuppies raus!“ Wütend ballt er die Faust.

Nosmo King hat es bereits in Marzahn eingerichtet. Der Transsexuelle mit Migrationshintergrund fühlt sich wohl in diesem Stadtteil, der geprägt ist von Wohntürmen einfachster Art: „Ich kann mich hier entfalten“. Wegen der billigen Miete bleibt ihm sogar noch Geld für Partys übrig. Auch andere Mieter des 12-Geschossers in der Clara-Zetkin-Straße 26c sind aus dem Berliner Zentrum hierhergezogen. Da wohnt der arbeitslose Alkoholgenießer neben dem immer mal wieder freigelassenen Pädophilen, der schielende Antifaschist neben dem flachstirnigen Langzeitstudenten, der schwarze Drogenhändler neben dem blassen Nerd, die lebensfrohe Sintifamilie neben der alteingesessenen übergewichtigen Alleinerziehenden. Es sind Individualisten, es ist eine farbenfrohe Mischung, welche die schöne Vielfalt unserer bunten Republik repräsentiert.

Mittlerweile riecht es auch in Marzahn nach Urin. Man merkt: Der Kiez ist in Bewegung.

Quelle: http://eulenfurz.wordpress.com/2012/05/15/gentrifizierung/

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3 Kommentare zu “Gentrifizierung

  1. Gardeleutnant

    „Jeder Mensch soll leben können, wo er will. Yuppies raus!“

    Großartig.

    An dem Gegensatz zwischen der »Gentrifizierungsdebatte« einer- und der Flucht der letzten Deutschen aus kulturell bereicherten Bezirken und Kiezen andererseits ausgerechnet in der Hauptstadt offenbart sich die Verschiebung von Wertmaßstäben und die unsägliche Dummheit »öffentlicher« Debatten in dieser sterbenden Republik wie vielleicht nirgendwo sonst.

  2. Berlin ist überall. Ganz Deutschland hat sich in eine einzige große Jauchegrube verwandelt.

    Das Leben hier ist nurmehr unerträglich! Hier ist doch alles nur noch kaputt.

  3. Tortuga

    Klar ist ganze Deutschland inzwischen eine Klärgrube, aber Berlin ist eben doch das Abflußgitter von dem ganzen.

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