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Gott spricht gebrochen Deutsch

FRAKTURAls ich vor einiger Zeit  in unserem alten Blog auf die geheime Kraft unserer Sprache hinwies, wurde ich gerade von dem langjährigen Mitleser verdächtigt, ominöse Substanzen konsumiert zu haben, der regelmäßig für geistige Hygiene plädiert.

Doch der von mir verfolgte Ansatz ist deshalb nicht ad acta gelegt: Ich besitze eine alte Lutherbibel mit Apokryphen, die in Fraktur gesetzt ist und stelle fest, dass gerade das Schriftbild die Ehrwürdigkeit der Heiligen Schrift erhöht. Thesenhaft: Auch die Form bestimmt also untergründig den wahrgenommenen Inhalt!

Im Prinzip sind die gebrochenen Schriftarten, die eigentlich deutschen Schriften, während wir heute in Antiqua, also in lateinischer Schrift schreiben. Dass insbesondere die Fraktur nach wie vor mit dem NS in Verbindung gebracht wird, ist mir herzich egal, weil ich die Wahrheit kenne. Die gebrochenen Schriften wurden 1941 per Führererlaß (»Normalschrifterlaß«) abgeschafft, weil sie dem deutschesten Führer zu jüdisch gewesen sein sollen. Dass die Westmächte nahezu ausschließlich in romanisierter Schrift schreiben, hat diese Entwicklung begünstigt, sodass mittlerweile selbst die Lutherbibel nicht mehr in Fraktur gedruckt wird, es sei denn als Faksimile mit der Schriftsprache des 16. Jahrhunderts. Man hört, viele Drucksätze seien im und nach dem Krieg vernichtet worden. Aber all das überzeugt mich nicht. Für jeden erdenklichen (unnützen) Dreck werden Millionen ausgegeben. Auf telefonische Anfrage beim Kundenservice der Deutschen Bibelgesellschft erklärte mir die Tante am Telefon, dass die Nachfrage zu gering sei und immer weniger die alte Schrift lesen könnten. Die alten Jubiläumsausgaben von vor einigen Jahren (ohne Apokryphen) seien vergriffen, ich könnte sie mir lediglich antiquarisch besorgen. Daraufhin erwiderte ich lakonisch, dass es wohl so sei, dass in Deutschland überhaupt immer weniger Leute lesen können. Den Spass verstand sie dann nicht so recht.

Ich wage die Behauptung, dass die Umstellung des Schrifttypus die Verflachung der deutschen Identität massiv begünstigt hat. Man könnte behaupten, dass das »moderne« Schriftbild die Westbindung Deutschlands nachgerade begünstigt. Gerade weil man sich beim Lesen Mühe geben musste, und nicht jeder, der die Antiqua lesen gelernt hatte, sofort verstand, ist die gebrochene Schrift für uns Deutsche etwas konstitutiv Eigenes. Im religiösen Schrifttum des 19. Jhd. und des 20. Jhd. war die Fraktur übrigens ein spezieller Ausdruck des deutschen Protestantismus, da eben die Heilige Schrift nicht in lateinischer Schrift gedruckt wurde. Diese Wirkung übersieht man heute leicht.

Aber es gibt noch weitere Aspekte, die mich von Büchern im Fraktursatz eingenommen haben. Bei der Darlegung von Gedankengängen, bei denen der Rückgriff auf Redewendungen, Floskeln, usw. nicht-deutscher Herkunft erfolgt sind diese dann im Schrifttyp angepasst. Stellen wir uns vor dieser Blogeintrag erschiene in Fraktur, so würde das oben genannte »ad acta«, in lateinischen Minuskeln dargestellt. Dasselbe gelte für englische Phrasen. Dadurch wird automatisch ein etymologischer Bezug über das Schriftbild hergestellt, der eine durch den »modernen« Einheitsschriftsatz nicht erreichbare gedankliche Tiefe erzeugt. Im Übrigen war beipielsweise früher eine klare optische Scheidung der Worte »Wachs-tube« und »Wach-stube« durch die Verwendung des Langen-s und des Schluss-s gegeben.

Fazit: Die gebrochene Schrift ermöglicht das Denken deutscher Herkunft, von dem anderer, insbesondere dem westlichen, Denkkreise zu unterscheiden. Doch gerade dieser Umstand scheint mir der Grund für die fortgesetzte Nichtverwendung zu sein, weil er dem Gegenwartsdogma vom sogenannten »Westen« widerspricht, zu dem auch Deutschland vollumfänglich gehöre. (Ich widerspreche.)  Es handelt sich dabei besonders um eine Angst der Deutschen vor sich selbst.

Es ist nicht verwunderlich, so wird doch alle Schöne, Wahre und Gute im Sinn des Gemeinen verkehrt und das Häßliche, Kranke, Peverse für gut, wahr und schön befunden. Die Worte phantastisch, toll, geil, Wahnsinn oder übelst seien dafür ein Beispiel. Der rechte Weg ist aber der richtige. Solange aber das Wort »gemein« seinen pejorativen Charakter nicht eingebüßt hat, ist noch nicht alles verloren.

Was meint ihr?


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