Gesichtet

Jenseits von Afrika – eine Gegenlese der Apartheid (II)

Es war der Zweite Weltkrieg, der die Frage nach einer umfassenden Rassentrennung in Großbuchstaben auf die politische Agenda setzte. Die Kriegswirtschaft unter dem alternden General Smuts hatte der Urbanisierung des Landes völlig neue Dimensionen eröffnet.

Obgleich auch der gemäßigte Smuts zuvor rassische Segregation befürwortet hatte, etwa in der Beschränkung von schwarzem Landbesitz auf ausgewiesene Zonen („Natives Land Act“ 1913, Errichtung von Native Reserves 1936), wurde er in den Kriegsjahren resignierter. Er betrachtete die ökonomische Integration von Schwarz und Weiß als irreversibles Faktum. 1942 benannte er in einer Rede das Geschehen geradeheraus als Revolution, wie sie der Kontinent bis dahin nicht gekannt hatte („as great a revolution as has ever happened on this continent“). Das Problem verarmter Weißer, die auf keine Stammessolidarität zurückgreifen konnten und auf sich alleine gestellt blieben, drängte immer mehr ins Bewusstsein. Dieser ökonomische Fatalismus, die Bereitschaft, in allem ein quasi natürliches Vorrecht der Wirtschaft einzuräumen, traf auf den erbitterten Widerstand radikaler Buren.

In ihrem Kampfblatt „Die Burger“ wurde in den 40er Jahren erstmals eine politische Apartheid als Ersatz für die bislang geübte und nun für untauglich befundene Segregation propagiert. Der Begriff selber tauchte schon in den 20er und 30er Jahren innerhalb der neo-calvinistisch orientierten Holländischen Reformierten Kirche auf, wo er von Missionaren in die pastorale Diskussion gebracht wurde. Es ging dabei um die Vorstellung, jede Rasse solle sich innerhalb ihrer Eigenart frei entfalten können. Den kirchlichen Rahmen verließen diese Diskussionen, als es um Wege aus der Problematik um die poor white ging. Hier sollten Strategien zur Anwendung kommen, die aus der Anthropologie und Ethnologie der Universität Stellenbosch (die letzte, in der heute noch in Afrikaans gelehrt wird) stammten.

Ministerium für Einheimische

Aus ihr gingen leitende Persönlichkeiten des Apartheids-Staates, wie Hendrik F. Verwoerd, hervor. Als Minister für die Belange der Eingeborenen (Minister of Native Affairs) holte sich Verwoerd den deutschstämmigen Anthropologen Dr. Werner Eiselen als Staatssekretär an die Seite. Eiselen hatte in seinen Studien dafür plädiert, nicht einander die Lebensarten aufzuzwingen. Besonders für die schwarzen Bevölkerungsteile berge die fortschreitende Verstädterung die Gefahr des Zerfalls der gewohnten Stammesstrukturen mitsamt ihren traditionellen Autoritäten. Gerade in Konfliktsituationen sollte sich diese Erosion der Kultur verheerend bemerkbar machen. Damit schloss er keine Wertung der Kulturen ein, sondern wollte die gewachsenen Unterschiede geachtet und gewahrt wissen. Eiselen wie andere Eliten der späteren Apartheid hegten mit ihrem Ethnopluralismus zugleich einen stark ausgeprägten antiwestlichen Affekt.

Der Mann, der wie kein zweiter mit dem modernen System der Apartheid in Verbindung gebracht werden sollte, war eigentlich ein Bure mit Migrationshintergrund. Hendrik Frensch Verwoerd war von Geburt Niederländer, der mit seiner pro-burischen Familie erst 1903 nach Südafrika ausgewandert war. An der besagten Universität Stellenbosch hatte er zunächst Theologie und Psychologie studiert, bevor er sich nach kurzer Dozententätigkeit der Politik zuwandte. 1936 übernahm er in Johannesburg den Posten des Chefredakteurs der wichtigen Zeitung „Die Transvaler“. Er bewunderte die ersten Voortrekker-Republiken und verurteilte die deutsche Besetzung der Niederlande während des Krieges scharf.

In der Regierung Malan-Strijdom wurde er Minister für Eingeborenenfragen und „Chefideologe“ seiner Partei. Seinen Auftrag, eine praxistaugliche Apartheid auszuarbeiten, erfüllte er mit der Akribie eines Beamten und dem Eifer eines Apostels. Um die Apartheid als staatliche Grundordnung zu etablieren, reiste er in die Stammesgebiete, um den Chiefs und ihren Stämmen die neue Ordnung zu erläutern. Dabei zeigte sich, wie sehr er die traditionellen Autoritäten der Schwarzen anerkannte und wertschätzte. Freimütig erklärte er die Apartheid, warb um Zustimmung und hörte im Gegenzug geduldig den Anliegen der Eingeborenen zu. Zur Abstimmung wurde freilich nichts gestellt. Chiefs, die nicht kooperieren wollten, wurden vom Ministerium abgesetzt. Dennoch genoss Verwoerd wegen seiner unerschrockenen Offenheit bei den Schwarzen bald eine gewisse Achtung (ähnlich wie auch Ian Smith in Rhodesien).

Selbstverwaltete Homelands

Vereinfacht gesagt sollte Apartheid im Sinne Verwoerds sicherstellen, dass jede Rasse bzw. jeder Stamm in seinem historischen Gebiet die Suprematie ausübt. Zu diesem Zweck sollten die Stämme in sog. Bantustans leben, eine begriffliche Anlehnung an Pakistan, das sich von Indien getrennt hatte. Bantustans waren letztlich Homelands, die unter Selbstverwaltung der dort lebenden Schwarzen gestellt werden sollten und dies sogar in Hinblick auf ihre spätere Unabhängigkeit. Es zeigte sich bald, dass eine komplette, flächendeckende Trennung der Rassen nicht möglich war, da zu viele Farbige bereits in den städtischen Ballungsgebieten (dort in Townships) lebten.

Trotz manchen erzwungenen Umsiedlungsmaßnahmen, mussten in der Folgezeit komplizierte Regelungen her, die aus der Apartheid eine monströse Bürokratie mit den entsprechenden Kontrollinstanzen machte. Schwarze wurden gleichsam nur als Gäste in den weißen Lebensräumen geduldet. Sie mussten ab 1950 ein Reference Book, unter den Schwarzen bald als Dompas („Idiotenpass“) verschrien, bei sich tragen, dass kontrollierenden Beamten (in der südafrikanischen Polizei dienten auch Schwarze!) unverzüglich vorzuzeigen war.

Dieser Pass war eine Mischung aus Personalausweis, Familienstammbuch und Steuererklärung. Er enthielt alles, um eine Person detailliert zuordnen zu können. Darüber hinaus griff Verwoerd in den südafrikanischen Arbeitsmarkt ein. Unternehmen durften nur eigens für sie registrierte Schwarze beschäftigen. Mit diesen und mehr Maßnahmen, etwa im Erziehungswesen, hoffte Verwoerd die Urbanisierung der Schwarzen zu verringern und umzukehren, was ihm eine gewisse Zeit sogar gelang. Doch die Wirtschaft blieb die Achillesferse des Systems.

Unternehmen siedelten sich in der Folgezeit in der Nähe der Bantustans/Homelands an, um leichter an die billigen Arbeiter zu kommen. Verwoerd fiel als Premierminister 1966 einem Attentat zum Opfer, es war dies der zweite Anschlag auf ihn. Der Widerstand gegen sein Modell hatte sich da längst im In- und Ausland formiert.

Zu Teil 1 geht es hier. Der abschließende Teil 3 erscheint nächste Woche.

(Bild: Hendrik Frensch Verwoerd)

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