Gesichtet

Jenseits von Afrika – eine Gegenlese der Apartheid (I)

Der Begriff erschien unpassend. Die, welche ihn prägten, spürten den Erklärungsbedarf, den er hervorrief und gerieten, je mehr sie zu erklären versuchten, in handfeste Erklärungsnöte. Dies auch deshalb, weil die, welche ihn hörten, die Umstände seiner Prägung nicht verstehen konnten oder gar nicht erst verstehen wollten. Der Neologismus „Apartheid“, ursprünglich ein Wort aus der Holländischen Reformierten Kirche (Dutch Reformed Church), bedeutet in Afrikaans, der Sprache der Buren Südafrikas, schlicht „Getrenntheit“.

Was es mit dieser Getrenntheit und der 1948 institutionalisierten Trennung der Rassen in Südafrika auf sich hatte, lohnte für den Großteil der Weltöffentlichkeit nach 1945 nicht mehr der Beschäftigung. Apartheid wurde zum Copyright, zum Label eines a priori Bösen, ja eines einzigartig Bösen, wie es der vielgeachtete Präsident Tansanias Julius Nyerere unreflektiert nannte. Die Beweggründe für die Etablierung von Apartheid fanden keine Lobby, konnten in keinen Diskurs eingebracht werden, auch wenn Südafrikas legendärer Regierungschef Hendrik F. Verwoerd (1901-1966) betonte, es ginge letztlich um eine geordnete und gute Nachbarschaft nicht miteinander kompatibler Bevölkerungsteile.

Es blieb der einsamen Stimme der Buren vorbehalten, darauf aufmerksam zu machen, dass es im real existierenden Südafrika nicht um die Vorherrschaft einer Minderheit gegenüber einer Mehrheit gehen könne, sondern um einen geregelten modus vivendi zwischen verschiedenen Minderheiten mit stark divergierenden Kulturen.

„Apartheid was never one thing“(Saul Dubow), will heißen, dass es nie die eine Theorie und Praxis der Apartheid gegeben hat. Doch eines waren alle Apartheids-Modelle zu keinem Zeitpunkt: Genozid. Niemand sollte im Apartheids-Staat vernichtet oder vollends vertrieben werden. Es scheint, dass die Weltöffentlichkeit wieder einmal nicht wahrnehmen will, was sich im jetzigen Post-Apartheids-Südafrika ankündigt. Die Stimmen der Buren jedenfalls, heute regelrechte Hilferufe, bleiben wieder ungehört.

Burische Selbstbehauptung: Leipzig in Pretoria

Der erste Reflex der Nachfahren niederländischer, deutscher sowie französischer Siedler am Kap, später schlicht Boere, Bauern oder Buren genannt, war anti-britisch. Die Annexion der Kapkolonie durch Großbritannien und die daraufhin unternommenen Trecks ins Landesinnere prägten ihr calvinistisches Selbstverständnis als gottgesandtes Volk, das, gleich den Israeliten aus der Bibel, durch die feindliche Wüste wandern müsse, um zu einer Heimstatt zu gelangen. Diese gefühlte Verwandtschaft zum Volk des Alten Bundes trug sehr viel später dazu bei, dass sich Südafrika stets an die Seite des neu entstandenen Staates Israel stellen sollte. Als erster Ausländer stattete Südafrikas Premier Daniel F. Malan von der radikalen Nasionale Party 1953 dem Judenstaat offiziell einen Besuch ab.

In die Zeit der Wanderungen und Wagenburgen fiel auch die Geburt des staatstragenden burischen Narrativs vom Großen Treck. Hatte man sich mit den wenigen Ureinwohnern Südafrikas, den Khoikhoi („Hottentotten“) und San noch verständigen können, kam mit den Zulu ein ebenfalls eingewanderter Gegner hinzu, dem bald der Ruf besonderer Grausamkeit anhing. Der Sieg der sogenannten Voortrekker über den Zulu-König Ndlela 1838 am Blood River führte nicht nur zur Schaffung der ersten Burenrepubliken (Natalia, Transvaal, Oranje Vrijstaat u.a.), die später als Ideal burischen Staatswesens gelten sollten, sondern bekräftigte auch den Mythos von einer gottgewollten Mission der Buren im südlichen Afrika.

Ihre Selbstbezeichnung Afrikaaner sollte die schicksalhafte Verbundenheit mit diesem Land kollektiv verankern. Ein Widerhall davon findet sich in einer energischen Entgegnung Verwoerds auf die Apartheids-Kritik von Seiten des britischen Premiers Harold Macmillan während dessen Staatsbesuch 1960, die lautete, Buren könnten nicht einfach woanders hingehen.

Ein monumentales Symbol dieses fast sakralen Volksempfindens erhebt sich in Pretoria. Das 41 Meter hohe Voortrekker-Denkmal weist eine frappierende Ähnlichkeit zum Völkerschlachtdenkmal von Leipzig auf. Es wurde 1949 eingeweiht und steht auf einem Hügel Pretorias, der zur 100-Jahrfeier des Großen Trecks rund 100.000 Buren versammelte.

Zum Grundgefühl der Buren gehörte es, anders zu sein als die Engländer. Während des berühmten zweiten Burenkriegs von 1899 bis 1902, der die ersten von Briten errichteten Konzentrationslager sehen sollte, zogen die tapferen Buren-Guerillas die Bewunderung ihrer Gegner auf sich. Die englische Sozialistin Beatrice Webb vertraute 1901 ihrem Tagebuch an, dass die Buren den Engländern in Würde, Hingabe und Fähigkeit überlegen seien („our superiours in dignity, devotion and capacity“).

Die Schaffung einer gemeinsamen Südafrikanischen Union im Jahre 1910 konnte die anti-britischen Ressentiments bei den Besiegten nur schwer abkühlen. Eine Ausnahme bildeten später die Buren in Ian Smiths Rhodesien. Die erste „private“ Apartheid war folglich gegen eine Vermischung mit allem Britischen gerichtet. Die fortgesetzte Unbotmäßigkeit burischer Nationalisten, ihre „redemptive resistance“ (Saul Dubow), führte zu Friktionen innerhalb des burischen politischen Establishments. 1914 rebellierten 12.000 Buren gegen die Teilnahme am Ersten Weltkrieg an der Seite Großbritanniens. Diese Spaltung führte zur Gründung der Nasionale Party, welche die versöhnliche Haltung von General Jan Christiaan Smuts, einem Helden des Burenkriegs und anerkanntem Philosophen, Großbritannien gegenüber ablehnte.

1918 kam der Geheimbund Afrikaner Broederbond hinzu, der um die 2.500 Mitglieder, allesamt aus der gesellschaftlichen Elite, zählte und der dem burischen Nationalismus den Weg ins Establishment ebnen wollte. Dies gelang insoweit, als es während der Weltwirtschaftskrise, die auch die südafrikanische Wirtschaft in Mitleidenschaft zog, zu einem Zusammenschluss der Nasionale Party mit Smuts Unionspartei kam. Doch den ersten Dissens überlebte dieses Bündnis nicht. Ähnlich wie schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs protestierten burische Nationalisten gegen den erneuten Kriegseintritt ihres Landes an englischer Seite. Dissidenten der alten Nasionale Party, unter ihnen der spätere Premier Malan, fanden, vermittelt durch den Broederbond, zu einer Übereinkunft mit der faschistischen Bewegung Ossewabrandwag („Ochsenwagenbrandwache“).

Frucht dieses Einvernehmens war ein Verfassungsentwurf, der die späteren Zielsetzungen sowie die Charakteristika des Apartheids-Systems vorformulierte. Südafrika sollte demnach ein national-christlicher, von Buren dominierter (Stichwort Baasskap „Vorherrschaft“) unabhängiger Volksstaat sein, der auch die letzten Bande zum Empire abbrechen sollte. Kommunismus, Liberalismus und imperialistischer Kapitalismus hießen die Feinde dieses Staates und nicht Xhosa, Zulu oder Tswana, also Schwarze. Sie kamen erst später in den Fokus und das vornehmlich über die wirtschaftliche Schiene.

Während der Weltwirtschaftskrise und der Kriegswirtschaft der Regierung Smuts gerieten auch viele Weiße in Armut. Sie sahen sich vor allem im urbanen Milieu mit den Massen an hereindrängenden Schwarzen konfrontiert, die jede Arbeit noch billiger machten und so die „poor white“ ins ökonomisch-soziale Abseits verbannten. In Johannesburg beispielsweise wuchs die schwarze Bevölkerung in zehn Jahren (1936-1946) um 60 Prozent. Burische Nationalisten entdeckten das Elend dieser Menschen für sich, die das Gefühl hatten, der schwarze Zustrom gerate außer Kontrolle und bilde fortan den Herd einer „swart gevaar“ („schwarzen Gefahr“).

Nächste Woche erscheint Teil 2 dieses Beitrags.

(Bild: Voortrekker von von G. S. Smithard und J. S. Skelton, 1909)


8 Kommentare zu “Jenseits von Afrika – eine Gegenlese der Apartheid (I)

  1. Klaus-P. Kurz

    Dies ist ein ausgezeichneter, kurz gehaltener Abriß der Geschichte Südafrikas. Besonders hervorhebenswert erscheint mir dabei die Tatsache, daß die Buren damals in ein menschenleeres Land vorgestoßen waren, das wegen der Malaria von Zulus, Xhosas und anderen Negerstämmen jahrtausende lang gemieden worden war. Nahezu alle später zugewanderten Schwarzen kamen ausschließlich wegen der von den Weißen geschaffenen Arbeitsmöglichkeiten ins Land, sind also diejenigen, die sich hätten anpassen sollen. Ich selbst war noch zur Zeit der »Apartheid« dort und habe die Verhältnisse mit eigenen Augen gesehen, u.a. an einem Strandabschnitt bei Durban, wo es zu Krawallen zwischen Xhosas und Zulus gekommen war. Weiße Polizisten hatten das Gebiet zur Stadt hin abgeriegelt und verhielten sich abwartend, passiv. Plötzlich kam Unruhe in die Reihen der sensationshungrigen Zuschauer. Mehrere junge Schwarze durchbrachen die Absperrung, rannten johlend vorbei und bekleckerten sich aus mitgebrachten Ketchup-Flaschen. Dann wälzten sie sich im Sand, verzerrten schmerzerfüllt die Gesichter und ließen sich von skrupellosen Reportern vor dem Hintergrund der Polizistenstiefel photographieren. Leute wie Relotius gibt es also schon lange, sie haben schon immer die Wahrheit verfälscht, und was mir damals Afrikaaner vorhergesagt hatten, ist heute eingetreten. Aus einem einst blühenden Land ist ein anderer »failed state« geworden.

  2. Die These, niederländische Einwanderer hätten bei der Ansiedlung in SAfrika ein menscheleeres Gebiet angetroffen, ist – mit wenig Aufwand verifizierbar – falsch. Besiedelt wsr das Gebiet von den San, mit denen es auch rasch zu Spannungen kam. Ist eine Ausgangsthese falsch, sehen sich auch alle weiteren Überlegungen dem Verdacht ausgesetzt, »schief« zu sein. Schade, dass sich so grundsätzlich wünschenswerte Denkanstöße selbst ein Stück weit entwerten.

  3. Klaus-P. Kurz

    @Abc:
    Nein, Ihre Einlassungen sind nicht richtig. Die San-Stämme (oder auch Buschmänner genannt), gehören zu den sogenannten »Jägern und Sammlern,« welche zum Zwecke der Jagd wandern, d.h. sie haben kein Siedlungsgebiet. Meistens umfaßten diese mobilen Jagdgruppen 20 bis 30 Angehörige, die sehr oft auf riesige Areale verteilt waren, die sie bald wieder verließen wenn sie ihnen nicht mehr ergiebig genug erschienen. Solche Landstriche dann als menschenleer zu bezeichnen ist durchaus korrekt, denn dieser Eindruck entsteht nun mal bei Zuwanderern wie den Buren, wenn sie wochenlang durch die Savanne und durch Berglandschaften treckten und dabei keine Menschenseele antrafen.
    Hinweis: Informieren Sie sich besser, bevor Sie vorschnell urteilen. Danke.

  4. Robert Wagner

    Autsch. Wer ihren historischen Befürwortern glaubt, dass es beim menschenverachtenden System der Apartheid nicht um Machtverhältnisse und Voherrschaft ging, sondern nur um eine »geordnete und gute Nachbarschaft« – der glaubt wahrscheinlich auch den Befürwortern der atlantischen Sklaverei des 17. bis 19. Jahrhunderts, dass es bei der Ausbeutung der schwarzen Sklaven letztlich nur darum ging, sie zu guten Christen zu erziehen.

  5. Manuel Ionas

    Auch Massenmigration ist ein Machtfaktor. Wer demographisch stark ist, etabliert früher oder später Vorherrschaft, jenseits von Wahlurnen. Unter den Buren gab es darüber lange Zeit einen Konsens, der zum Wahlergebnis von 1948 geführt hat. Im Fortgang gab es freilich auch kritische Stimmen unter den Buren.
    Dennoch: Macht bzw. Vorherrschaft hat viele Gesichter! Nicht nur das so altbekannte…

  6. Robert Wagner

    @ Manuel Ionas:

    Damit geben Sie doch selbst zu, dass es um Machtverhältnisse ging. Warum führen Sie dann dieses Propaganda-Gedöns von einer »geordneten und guten Nachbarschaft nicht miteinander kompatibler Bevölkerungsteile« an. Diesen Quatsch glauben Sie doch selbst nicht.

  7. Carlos Wefers Verástegui

    @ Robert Wagner

    Ging es jemals um etwas anderes als um Machtverhältnisse? Besser, rohe Gewalt und Kraft? So, wie ich sehe, sind alle ohmächtigen Menschen bis dato von der Bildfläche verschwunden, die einen früher, die anderen später. Selbst im »friedlichen Freihandelssystem« ist das nicht anders: der nicht wettbewerbsfähige fliegt aus dem grossen Rennen raus. Wir Europäer sind eine zum Untergang verurteilte Elite.

  8. Klaus-P. Kurz

    @ C. Wefers Vera’stegui:

    Chapeau! Ja, so einfach sind wir Menschen bei aller anderweitiger Komplexität tatsächlich gestrickt: Darwin’s Evolutionslehre und ihr wichtigster Grundsatz »Survival of the fittest« finden sich immer wieder bestätigt und Dekadenz führt direkt in den Untergang. Deshalb waren ja gerade die Versuche in z.B. Namibia und Südafrika, unterschiedlichen ethnischen Entwicklungsstandards per Einrichtung von Homelands für die verschiedenen Stämme Rechnung zu tragen und langfristig per föderativer Entwicklung gerechtere Verhältnisse zu schaffen, ein guter Ansatz, der leider wegen der internationalen Hysterie der üblichen Verdächtigen zum Scheitern verurteilt wurde. Schon P. Scholl-Latour wußte: »Wer Kalkutta zu integrieren versucht, macht sich selbst zu Kalkutta.«
    Doch diese Erkenntnis erfordert einen gesunden Menschenverstand, der ebenfalls durch Dekadenz verschwindet.

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