Anstoß

Mit Pappsardinen gegen Matteo Salvini?

Heiteres und Bedenkliches von der Anti-Salvini-Front und dem Wahlkampf in der Emilia-Romagna.

Die „Sardinen“ – eine „spontane“ (?) Bewegung in Italien

Wikipedia sollte nunmehr eilig den Eintrag über die Sardine ändern, denn dass dies Fischchen als „Speisefisch“, der „große Schwärme bildet“, bezeichnet wird, geht nicht mehr an! Doch machen wir uns keine Sorgen, vermutlich sitzt schon einer der politisch korrekten Bearbeiter am Werk, um diesem Fisch jeden Anschein zu nehmen, nur ein Massenprodukt zu sein.

Wie Sardinen – also jene Fische, die im Schwarm auftreten und zusammengepresst in einer Blechdose oder im Glas enden, – so eng gedrängt wollten vier Jugendliche in Form eines Flashmob den Domplatz in Bologna als Protest gegen eine Wahlveranstaltung Matteo Salvinis sehen. Statt Parteisymbolen oder Spruchtafeln sollten die Herbeiströmenden nur einen selbstgebastelten „stillen Fisch“ etwa aus Pappe hochhalten. Der Platz war am 14. November tatsächlich gefüllt, man übertraf bei Weitem die Zahl der Salvini-Anhänger.

So war über Nacht eine neue „spontane“ Bewegung, „Le Sardine“, geboren. Wie vorhersehbar wurde sie von den linken Medien Italiens wie La Repubblica oder Corriere della sera sowie mittlerweile auch von der österreichischen Die Presse oder der Süddeutschen bejubelt.

Das Ganze passt zur Hysterie des Wahlkampfes in der linken Hochburg der Provinz Emilia-Romagna. Ende Januar 2020 wird hier gewählt und es sieht nicht schlecht für das Wahlbündnis Centrodestra unter Führung von Matteo Salvinis Lega sowie den wachsenden Fratelli d’Italia unter Giorgia Meloni aus. Da braucht es natürlich eine scheinbar aus „unpolitischer bürgerlicher Mitte“, aus der sogenannten „Zivilgesellschaft“ kommende Bewegung gegen diese „Populisten“ und „Rassisten“, die sich die vermeintlich von Salvini besetzten Plätze Italiens zurückerobert. Dass dies den Regierungsparteien Partito democratico und Movimento 5 Stelle nicht gelingt, wen interessiert der Grund.

Opposition gegen die Opposition

Und so formen sich über die sozialen Medien seit jenem 14. November auch in anderen italienischen Städten die „Sardinen“, ganz „apolitisch“, „aparteiisch“, wie es heißt. Der unpolitische Student und besorgte Bürger steht auf gegen – ja wogegen? Gegen die Regierung? Nein! Gegen die Opposition! Aus deutscher Sicht – man erinnert sich aller Wahlkämpfe 2019 – nichts ganz Neues mehr, aber in Italien durchaus: Protest gegen eine nicht regierende Opposition!

Die Linke scheint irgendwie zu vergessen, dass Salvini nicht mehr als Innenminister amtiert, dass die Häfen für die ersehnten NGO-Schiffe wieder sperrangelweit offen sind und dass in Rom – wenn auch ungewollt vom popolo – wieder die Sozialisten in der Regierung sitzen und auch die Emiglia-Romagna seit Jahrzehnten regieren. Aber anstatt sich mit Sachthemen zu befassen, anstatt eine konkrete Politik ebenfalls (wie Salvini) auf den Marktplätzen dem Bürger vorzuschlagen und dafür einzutreten, lieber die Kampfansage an diese Opposition, denn man traut ihr zu, die wichtige Wahl im Januar – mit ihren konkreten Themen – zu gewinnen, so wie vor kurzem im kleinen Umbrien der linken Dauerregierung ein demokratisches Ende bereitet wurde.

Daher werden die jungen Protagonisten Greta-gleich im Fernsehen und der Mainstreampresse hofiert und als die „spontane“ Rettung, ja die einzige Kraft, die Salvinis möglichem Sieg nun wirklich gefährlich werden könnte, gefeiert.

Darum allein geht es: Die „Sardinen“ sind nur ein neuer Aufguss eines erneuten Versuchs gegen Salvini zu mobilisieren, also die allerneueste Anti-Salvini-Front.

Kurzum, nichts Neues bei der Linken

So zeigte sich schnell, dass von unparteiischem Protest nicht die Rede sein kann. Das Internet hält unsere Vergangenheiten und unsere Verbindungen viel zu lange und ehrlich fest, und so fiel es der konservativen Presse Italiens und Salvinis Stab nicht schwer, die Nähe der angeblich nicht partei-gebundenen Jugendlichen zur Partito democratico oder zu linksradikaleren Ideen nebst ihren nicht ganz so haßfreien Posts aufzudecken. Und ein kurzer Gang des Autors dieser Zeilen über den Theaterplatz in Palermo am „Sardinen“-Abend des 22. November bestätigte die Anwesenheit der ewig gleichen „Bella ciao“ singenden oder „La comune“ verteilenden Alt- und Jungkommunisten oder Sozialisten sowie auch jener Bekannten, die früher oder später bei einem Bier wieder über all die Schwierigkeiten dieser Stadt klagen werden.

Kurzum, nichts Neues bei der Linken in Italien. Die ewig gleichen Worthülsen zur Gefahr der Populisten, des Faschismus und der Sovranisten, die immer langweiliger werdende Rhetorik etwa zu „Lügen“ und „Haß“, den sie selbstverständlich selbst nie und nimmer verspüren und versprühen; die selbstgewiß lächelnden Gesichter pseudotoleranter Erasmus-Studenten, die selbstgewählte Unfähigkeit zum wirklichen Dialog, von dem sie dennoch laufend quatschen, und die blinde Verweigerung, sich mit der Realität – auch der eigenen ihres „akzeptierten Prekariats“ (Diego Fusaro) – auseinanderzusetzen.

Salvinis Follower antworten mit Kätzchen

Und was macht der so herausgeforderte, in seinem Erfolg „gefährdete“ Salvini? Während sich die „Sardinen“ mit voller Unterstützung des vereinten Mainstreams professionalisieren, ja bereits ihr Copyright erhalten haben, nimmt es Salvini – wie stets – gelassen hin. Auf Facebook antwortete er am 19. November mit dem Foto eines niedlichen Kätzchens, das ein Fischchen verspeist. Wie grausam! Unter #gattiniconSalvini (dt. Kätzchen für Salvini) rief er zur Kommentierung mit Katzenbildern auf, und tausende seiner Follower kamen dem mit Freuden nach.

Doch süße Kätzchen mögen zur Belustigung dienen. Letztendlich handelt es sich um die gleiche kindische Unreife, die man der Linken vorwirft. Das mag für den Wahlkampf genügen, aber ernster zu nehmen ist da etwa der junge konservative Schriftsteller und Verleger Francesco Giubilei (* 1992).

Auf der Facebook-Seite von „Nazione Futura“ äußert er sein Bedauern darüber, dass Italien weiterhin eine „reife Linke fehlt, mit der man in den Dialog treten kann“ – also ohne ihre „üblichen Versuche, die Rechte als ‚rassistisch‘, ‚faschistisch‘, ‚fremdenfeindlich‘ zu etikettieren“. Den mit ihm gleichaltrigen „Sardinen“ empfiehlt Giubilei: „Bevor ihr Italien verändern wollt, müßt ihr noch viel studieren.“

Passend dazu ruft auch einer der jungen Autoren von ilprimatonazionale.it, Lorenzo Zuppini, der Linken in Erinnerung, daß der „wahre Intellektuelle, der wahre Rebell“, sicherlich „nicht herumkommandieren“ will, sondern der ist, der „Zweifel am Denken der Mehrheit“ weckt.

Vom Heiteren zum Bedenklichen – Der notwendige Dialog setzt Ernsthaftigkeit voraus

Und wir, und hier? Wenden wir uns lieber vom Heiteren – denn mit mehr als einem gütigen Lächeln kann man diese „haßfreien“ Anti-Salvini-Sardinen nicht betrachten – wenigstens kurz dem Bedenklichen zu und tun wir dies einmal wie der oben genannte junge Philosoph Fusaro, der seine Texte gerne mit dem Zitat eines deutschen Denkers beginnen lässt: „Das Bedenklichste ist, daß wir noch nicht denken.“

Stellen wir diese Worte Martin Heideggers den Pappsardinen und Kätzchenfotos entgegen. Tun wir dies, indem wir uns statt mit jeder neuesten Modeerscheinung mit der Ernsthaftigkeit etwa jener oben zitierten jungen Italiener befassen. Entdecken wir die andere Nation neu. Italien hat der Denker viele und bedeutende. Wer sich, ob links oder rechts oder „zivilgesellschaftlich“, ernsthaft mit „Dialog“ und „Toleranz“ befassen möchte, dem sei zum Beispiel der Philosoph Umberto Galimberti (* 1942) empfohlen, zu dem wie so oft für Italiener ein deutscher Wikipedia-Eintrag fehlt.

Dialogare, so formulierte er in seiner wunderbaren Rede am 13. September 2019 beim Festival Rinascimeto culturale, dialogare findet nicht statt zwischen Menschen, die dergleichen Meinung sind, sondern zwischen denen, deren Denken sich in einer massima distanza befindet.

Tolleranza, sagt er, findet nicht da statt, wo man die Idee des Anderen akzeptiert – das ist Höflichkeit –, sondern wenn man annimmt, im Anderen eine höhere Wahrheit zu entdecken, die das eigene Denken verändern oder bereichern könnte. Deshalb tritt man in den Dialog ein, deshalb diskutiert man. Diskutieren, philosophieren aber heißt, criticare la opinione difusa, die verbreitete Meinung zu kritisieren.

Die verbreitete Meinung befindet sich heute in den staatlich (bzw. von uns durch eine Zwangsgebühr) finanzierten Medien sowie den von diesen geförderten linken Stiftungen, Antifas, NGOs – und nun den „Sardinen“, die damit einzig eine weitere „Protestbewegung“ sind, um „wahren Protest“ zu verhindern sowie von den notwendigen Fragen abzulenken, wie es Diego Fusaro aufzeigt.

Lassen wir uns also nicht von noch so massenhaft auftretenden „Sardinen“ ablenken, wenden wir uns dem Bedenklichen zu.


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