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Pay attention to our Album des Jahres 2011

Es soll ja Leute geben, die Joy Division der Musik und nicht des Ian Curtis-Totenkultes wegen hören. Manche kannten die Band sogar schon vor Control. Und es soll unter dieser Handvoll Erlesenen tatsächlich Exemplare geben, die keineswegs Interesse an Joy Division-Gedächtnisbands (Sing-and-play-as-dark-as-you-can) haben, eben weil die beiden Alben Unknown Pleasures (1979) und Closer (1980) nebst diversem Zusatzmaterial doch unerreicht bleiben.

Der Kunsthistoriker in uns weiß zudem sehr genau: Kein Zitat kommt aus ohne die Interpretation. Je weniger vom Vorbild hörbar ist, desto besser. Dem gegenüber muß die bloße Wiedergabe im neuen Zeitkontext zur Persiflage gereichen (Editors), direkt in die künstlerische Katastrophe führen (The Drums) oder  bestenfalls  zur wohlwollenden Karikatur (Interpol).

Und man ahnt es bereits: All das hat die kanadische Band Austra verstanden. Ihr Anfang des Jahres erschienenes Debutalbum Feel It Break ist mindestens so einzigartig wie der vor zwei Jahren erschiene, selbstbetitelte Erstling von The XX, ohne freilich irgendwelche klanglichen und habituellen Avancen vorweisen zu wollen…

Austra wurden deswegen in diesem Kalenderjahr mit allerhand Mißgunst bedacht. Denn wer gut ist, muß vom tendenziell schlechteren Rest erst mal per se scheiße gefunden werden und zwar so lange, bis sich die Wahrheit durchgesetzt hat. Größter Kritikpunkt war der medienkonforme Habitus der Band, die nie einen Hehl daraus machte, überall dabei sein zu wollen und den YouTube-Gaffern genau das bot, was sie sehen wollten. Der Durchbruch kam dann eben auch mit dem Video zu „Beat And The Pulse“, das nur so von nackten Brüsten und Lesbenszenen strotzte und erwartungsgemäß zensiert wurde. Darüber ließ sich das affektierte und berechenbare Abspulen von Betroffenheits- und Verurteilungsmechanismen beobachten, was Austras Bekanntheit Woche um Woche steigerte. Die humorvoll-lasziven Bühnenshows taten ihr übriges.

Heute wissen alle, die wirklich geniale Single „Beat And The Pulse“ plus zugehöriges Album wären bei YouTube einfach untergegangen. Die Tour wäre nicht derart gut besucht gewesen. Austra wäre ein Geheimtip geblieben. Trefflich streiten läßt sich nun über diese Causa. Denkbar ist aber auch, einfach die Fresse zu halten. Klar ist nämlich eins: Der provokant sinnliche Habitus der Band war nur das kalkulierte Einfallstor. Die Brüste im Clip zu „Beat And The Pulse“ sind heute längst kein Aufreger mehr, eben weil das Album Feel It Break eine so hohe Halbwertzeit aufweist und sich nicht mit einer guten Single erschöpft. Es handelt sich schlicht um höchsten Musikgenuß:

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5 Kommentare zu “Pay attention to our Album des Jahres 2011

  1. Da dem Herrn Zschoke `Austra´ gefällt, könnte ihm das hier womöglich auch gefallen:

    http://www.youtube.com/watch?v=jWOiChDfWhU

    Alt und unbekannt, aber gut.

  2. Benjamin Jahn Zschocke

    Danke!

  3. Gern geschehen, Herr Zschocke.

    Und ja, sinnliche Atmosphäre kann auch ohne Brüste und Lesbenshow erzeugt werden. Den Nachweis hierfür erbringt dieses gediegene Video, wie ich meine:

    http://www.youtube.com/watch?v=suN-TBGCHDY&feature=related

  4. Benjamin Jahn Zschocke

    …aus der Zeit, in der es noch keine Tangas gab und richtige Männer mit richtigen Frauen. Superb!

  5. Ich hab‹ Ian Curtis schon gekannt, als er in Manchester zu ABBA getanzt hat.

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