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Über die Instinktbrücke: Rilke, Celan und Jaar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Dichter Paul Celan (1920 – 1970) ist weit mehr als der ewige „Meister aus Deutschland“. Früh war sein Werk von Rilke geprägt. Nach der Lektüre von dessen Cornet schrieb das 23-jährige Ausnahmetalent Celan drei Jahre vor seiner heute so ausgeleierten Todesfuge folgendes Gedicht:

EIN KRIEGER

Hörst du: Ich rede zu dir, wenn schwül sie das Sterben vermehren.

Schweigsam entwerf ich mir Tod, leise begegn ich den Speeren.

 

Wahr ist der endlose Ritt. Gerecht ist der Huf.

 

Fühlst du, daß nichts sich begibt als ein Wehn in den Rauten?

Blutend gehör ich getreu der Fremden und rätselhaft Trauten.

 

Ich steh. Ich bekenne. Ich ruf.

Gleichfalls ein Ausnahmetalent, legte der Musiker Nicolas Jaar im gerade vergangenen Jahr nach zahllosen erfolgreichen Einzelveröffentlichungen das Album Space Is Only Noise vor, auch er ist gerade 23. Seine Kunst mit „elektronische Musik“ kategorisieren zu wollen, ist ebenso unzulänglich wie schwammig, so als wolle man Celan einzig das Prädikat „moderner Lyriker“ anheften. Rilke, wie Celan und Jaar haben eines gemeinsam: Obwohl sie Sprache in Melodiegefüge gießen, sprechen nicht die Worte allein, sondern ihr Klang. Das Verständnis entsteht nicht zuerst durch den Inhalt von Wort und Metapher, also übers Hirn, sondern über das Fühlen, subkutan über das Intuitive, den Instinkt.

Jaars von Elektro, Jazz, Kammer- und Weltmusik erfüllte, rätselhafte Musik läßt sich wiederum am besten mit einem Celan-Gedicht beschreiben:

GLASWABEN, im

Steinglanz gekocht,

kummerdurchblasen,

gastfrei,

 

du klimperst hindurch,

durch alle,

ein Öltropfen, auf

Dochtsuche, vor lauter

Verlust und Versternung.

Der Text zum Titelstück „Space is only noise if you can see“ faßt Rilkes und Celans Schaffen zudem sehr treffend zusammen. Hätte ich das eher gewußt, wäre auf dem Cover zu Felix Menzels Rilke-Buch nicht nur Celans Freundin Brigitta Eisenreich zu sehen gewesen, sondern zumindest auch Jaars Album im Hintergrund auf dem Regal. Aber das gab es damals noch nicht:

Replace the word space with a drink an forget it

Space is only noise if you can see

See I want to write a story about two long lines

Two pretty lines that fall in love

Two little spaces they’re filled with echoes

Did the lines ever intersect one another, at a moment in time?

[…]

Grab a calculator and fix yourself.

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