Rezension

Sein Kampf: Frantz Fanon und die Verdammten dieser Erde

Wer nach einem programmatischen Text Ausschau hält für das, was gerade auf dem Mittelmeer geschieht, der wird bei Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ fündig. Dem anstößigen Werk, das bei Erscheinen 1961 von der europäischen Linken wie Rechten fast einhellig zurückgewiesen wurde, geht ein Vorwort von Jean-Paul Sartre voran, das sich wie ein aufgepflanztes Bajonett ausnimmt.

Es war denn auch dieses Vorwort, das für ungläubiges Kopfschütteln gesorgt hatte und dem Text erst zum propagandistischen Durchbruch verhalf – mit Ausstrahlung auf die 68er. Sartres Vorwort ist ein Plädoyer, besser noch eine Urteilsverkündung eines befangenen Richters an die Adresse des Angeklagten, seiner „werten Miteuropäer“. Das Urteil lautet auf Todesstrafe. Mit kaum verhohlener Genugtuung macht sich der Guru der Pariser Intellektuellenszene daran, die Kernthesen Fanons wiederzugeben und zuzuspitzen.

Rache für den Kolonialismus

Die Gewalt, die Fanon als den eigentlichen Akt der Menschwerdung des kolonial Unterdrückten beschreibt, ist keineswegs ultima ratio, sondern geschichtliche Notwendigkeit, um die Ursünde Europas, den Kolonialismus, zu sühnen. Die Gewalt, die den Europäer trifft, ist seine eigene, die wie ein Bumerang auf ihn niederfährt. Und der gewalttätige Kolonisierte ist ein aus der Kontrolle ausgebrochener Frankenstein, der vom Kolonialherren selbst erschaffen wurde und nun sein Schicksal rächt.

Auch für Sartre sind im Grunde alle Europäer in nuce Kolonialherren und so versteht es sich, dass die Dekolonisierung keinesfalls bei der staatlichen Unabhängigkeit der einstigen Kolonien haltmachen dürfe. „Der Terror hat Afrika verlassen, um sich bei uns einzunisten“, schreibt er fast hellseherisch im September 1961. Und als ob das allein nicht ausreichen würde, setzt er hinzu: „Einen Europäer erschlagen heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt zu schaffen.“ Dass die klassische Linke sich damals auf die europäische Arbeiterklasse stützte und deren Interessen vertrat, verzieh Sartre ihr nicht. 1968 sollte eine Neue Linke eine fundamentale Kursänderung vornehmen und von dieser bis heute nicht mehr abweichen.

Freiwillig für de Gaulle und den FLN

Gewalt ist das Thema in Fanons Buch und war es auch in seinem Leben. Als er es 1961 verfasste, war er bereits unheilbar an Leukämie erkrankt. Der mikroskopischen Gewalt dieser Krankheit sollte er gerade einmal 36jährig erliegen. Die Jahre davor waren dem Kampf für die allgemeine Dekolonisierung der Dritten Welt, besonders dem Unabhängigkeitskrieg der algerischen Befreiungsfront FLN gewidmet.

Frantz Fanon kommt 1925 auf der Karibikinsel Martinique zur Welt, die zum französischen Kolonialreich gehört. Auf ihr sorgt die Verteilung der Pigmentierung für eine ausgeklügelte soziale Machtpyramide: Je heller, desto höher. Die Nachfahren aus Verbindungen mit Weißen, die sog. Békés stehen dabei ziemlich weit oben. Das gilt auch für die kleinbürgerliche Familie, in die Frantz Fanon hineingeboren wird. Mütterlicherseits finden sich gar Elsässer in seinem Stammbaum.

Im Zweiten Weltkrieg schließt sich Fanon den Streitkräften des Freien Frankreichs unter Charles de Gaulle an und nimmt als Soldat der Kolonialtruppen an den Kämpfen in Europa teil. Auch hier begegnet er einer rassischen Hierarchie, in welcher der Infanterist aus dem Senegal den untersten Platz einnimmt. Später wird er, der den Rassismus überall zu erkennen meint und ihm überall den Krieg erklärt, den kaum verhohlenen Rassismus der Algerier gegenüber den Schwarzafrikanern, den er auch im FLN antreffen wird, mühevoll verdrängen.

Nach dem Krieg nimmt er zunächst in Paris, wo er zusammen mit anderen Kolonialstudenten in einem leerstehenden Bordell wohnt, dann in Lyon das Studium der Medizin, mit Schwerpunkt Psychiatrie auf. 1951 ist er Dr. med. und begibt sich in ein Provinzkrankenhaus, wo er die Therapiemethoden revolutioniert, in dem er das Zusammenleben von Kranken und Gesunden fördert und fordert. 1953 wechselt er nach Algerien, um in der Garnisonstadt Blida in der dortigen psychiatrischen Klinik zu praktizieren.

Im beginnenden Algerienkrieg verlässt Fanon mehr und mehr die Medizin und stellt sich in den Dienst des FLN. Seine konspirative Nebentätigkeit umfasst in jener Zeit das Schleusen von Aufständischen durch die Infrastruktur der Klinik sowie den Transport von Material und Waffen. Ähnlich wie schon bei Che Guevara wird aus dem Arzt ein Aktivist. Frantz Fanon setzt sich ganz ab und zieht in das Hauptquartier des FLN nach Tunis, um die Öffentlichkeitsarbeit der Organisation zu übernehmen. Er schreibt Beiträge für die Zeitung El Moudjahid und entwickelt sein Programm der gewaltsamen „Entunterwerfung“ (Alice Cherki) aller farbigen Völker, besonders in Afrika. Frucht dieser Aktivitäten wie Überlegungen ist sein bedeutendstes Werk Die Verdammten dieser Erde, dessen Titel er einer Strophe der Internationalen entnimmt.

Die Gewalt als prima ratio

Aus Fanons Buch spricht kein Traum wie bei Martin Luther King, keine afro-europäische Symbiose wie in Sédar Senghors Négritude und schon gar keine Versöhnung. Es ist eine Kampfschrift, eine Kampfansage, mit der Machete geschrieben. Ihr Autor stellt sich damit eher an die Seite eines Malcolm X.

Fanon durchschreitet die Genres wie einen Dschungelpfad, mal pflegt er den analytischen Habitus eines Carl Gustav Jung, dann die Rhetorik eines Georges Sorel, um schließlich wie Mao Zedong das Hohelied auf das revolutionäre Potential der Bauernschaft anzustimmen. Fanon hat allerdings nie Marx gelesen. Keine Idee wird stringent entwickelt, viel eher wird eine Diagnose erstellt und die Therapieform ausgewählt. Und diese hat es in sich.

Die Dekolonisierung ist kein emanzipativer Prozess, sondern ein tödlicher Zusammenstoß. Fanon bricht, ohne explizite Bezugnahme, Hegels Parabel vom Herrn und Knecht auf das Körperliche herunter. Viel ist vom Körper die Rede, von der Muskulatur der Eingeborenen, die zuvor als Arbeitsinstrument missbraucht wurde und die nun als Waffe gegen den europäischen, weißen Herren gewendet wird.

Eine Art „Habeas Corpus“-Akte stellt Fanon den kolonisierten Massen mit dieser Schrift aus. Kolonisation ist ein Akt purer Gewalt gewesen und wird sich nur einer noch größeren Gewalt beugen, so seine Überzeugung, in der biologistische Ansichten dominieren. Der Kolonisierte wurde „vertiert“ und von zivilisatorischen Beziehungsgeflechten, auf die sich Europa so viel zu gute hielt, ausgeschlossen. Zur Ausbeutung seiner Arbeitskraft, musste seine Wut bis zu einem gewissen Grad aufrechterhalten werden, ohne ihre Domestizierung einen Augenblick lang zu vernachlässigen. Ganz Psychologe, verweist Fanon auf die Ersatzhandlungen, in denen der Sklave diese Wut ausagieren konnte, die ihm aber den Weg zur bewussten Auflehnung gegen ihre wahren Gründe verstellten.

Ersatzhandlungen und Islam

Zu diesen Ersatzhandlungen zählt er u.a. die Stammesfehden, die schamanistischen Rituale, überhaupt die magisch-mystische Weltsicht, wie sie von den traditionellen (oft korrumpierten) Eliten, den Ca?ds, Deys, Marabouts oder Häuptlingen vertreten wird. Auch die Kriminalität gehört hierhin. Gerade letztere erfährt allerdings bei Fanon eine revolutionäre Aufwertung, da sie für ihn die Vorstufe zur Rebellion gegen den Unterdrücker darstellt. Beim FLN, wie zuvor schon in Blida, begegnet er der „erstaunlichen nordafrikanischen Kriminalität“ (Fanon), mit welcher sich sogar ein eigener Zweig der Ethnopsychologie in Französisch-Algerien beschäftigte.

Bei allem aufklärerischen Impetus, der Frantz Fanon in diesen kulturellen Fragen leitet, übersieht er, wie sehr die Riten zur Konstituierung von Stammesgesellschaften gehören und wie alt diese sind, weitaus älter, als der Kolonialismus. Mit der gleichen Blindheit entgeht ihm der Einfluss des Islam, speziell im Algerienkrieg, der auch beim sich links gebenden FLN „hinter einem sozialisierenden Diskurs verborgen“ (Alice Cherki) wurde.

Frantz Fanon will die Gewalt von all diesen Fesseln befreien und aus solchen Nebengleisen zurückholen. Sie ist ein reich vorhandener Rohstoff der Unterdrückten und wirke im Kampf „totalisierend“. Darum eignet sich der Kriminelle am besten für diesen Kampf, da es für ihn kein Zurück ins Kolonialsystem mehr gibt. In diesem Zusammenhang erwähnt Fanon das Beispiel des kenianischen Geheimbunds Mau-Mau, in dem man nur Mitglied werden konnte, wenn man zuvor einen Mord begangen hatte.

An der Grenze der Paranoia

Im weiteren Verlauf kommt Fanon auch auf die kleine Elite der europäisch gebildeten Eingeborenen zu sprechen, die er verächtlich „freigelassene Sklaven“ nennt. Sie versuchen, zusammen mit den einstigen Machthabern Kompromisse zu finden und sind der Gewalt gemeinhin abhold. An ihr übt er verachtende Kritik. Diese kleine Schicht, zu der er selbst ja gehört, betreibe das Geschäft der einstigen Kolonialherren, von deren Bildungssystem sie einst profitiert hatte. Frantz Fanon gerät bei diesem Thema an die Grenze der Paranoia, da in seinen Augen alles, was Europa bzw. die Welt der Weißen unternimmt, letztlich immer Kolonialismus sei, sogar, wenn die betreffenden Regierungen die Dekolonisierung selbst ins Werk setzen.

Nicht zu Unrecht beklagt er zwar, dass die einheimische Bourgeoisie europäische Bildung genossen, allerdings keine ökonomische Potenz entwickelt bzw. kein Kapital akkumuliert habe, doch sind seine Schlussfolgerungen alles andere als angemessen, geschweige denn konstruktiv. Aus dieser, beinahe schon ödipal zu nennenden, Umklammerung kann sich der Ex-Kolonisierte nur durch Entschiedenheit lösen, so das Credo. Und was wäre entschiedener als Gewalt?

In einem Annex zum Haupttext hat Fanon einige Fallbeispiel aus seiner Zeit als Psychiater zusammengetragen, welche die seelischen Verheerungen des Kolonialismus illustrieren sollen. Dort findet sich etwa der unkontrollierte Tötungszwang bei Traumatisierten oder der haarsträubende Fall zweier algerischer Kinder, die einen französischen Spielkameraden kaltblütig ermordeten. „Weil er mit uns spielte. Ein anderer wäre nicht mit uns da raufgegangen“, geben die beiden als Begründung an. Verantwortlich aber soll nur einer sein: der Kolonialismus.

Die Häutung der Welt

„Die Menschheit muß, unter dem Risiko, aus den Fugen zu geraten, dieser Frage Herr werden“, verkündet der Autor der Verdammten gegen Ende seines Buches selbstgewiss. Den europäischen Kolonialismus vergleicht er an einer Stelle sogar mit dem Holocaust und macht sich für entsprechende Wiedergutmachungen stark. Von vielen Kritikern, zu denen auch einstige Freunde gehörten, wurde Fanon vorgeworfen, zu übersehen, dass es auch in anderen Kulturen Kolonialismus gegeben habe, etwa in der islamischen oder fernöstlichen. Seine dialektisch anmutenden Rechtfertigungen für die Gewalt der vormals Unterdrückten, die damit „nur“ die einst erfahrene Gewalt dem Urheber zurückspiegelten, verraten zu sehr seine eigenen Projektionen. Doch es scheint, dass sich in unseren Tagen keine andere Kultur diese radikalen Forderungen zu eigen gemacht hat, als die europäische, zumal die deutsche.

Unter der falschen Flagge der Seenotrettung wird ein Stellvertreterkrieg geführt, in welchem die überwiegend jungen afrikanischen Männer das Fußvolk bilden. Auf der Suche nach einem revolutionären Subjekt, das den Kampf gegen alle Formen des Kolonialismus, heute wäre gleichsam ein „Klima-Kolonialismus“ hinzuzuzählen, auf sich nimmt, kommen die „Überschüssigen dieser Erde“ gerade recht. Ihnen gebührt nach linker Lesart eine neue Art der Suprematie, welche die Kollektivschuld der weißen Hautfarbe tilgt, in dem sie diese verschwinden lässt. Fanon selbst hatte am Ende seines Buches vom Aufkommen einer neuen Haut orakelt. Dass hierzu die weiße abgezogen werden müsse, könnte man ihm nach der Lektüre unterstellen.

Das Fehlen jedes Innehaltens, jedes Abwägens, jedes Zweifels bei den europäischen Initiatoren des heutigen Feldzuges lässt auf ein tiefsitzendes psychologisches Knäuel schließen, das abgespult werden soll. Jede ordnungsbildende Leitidee (selbst der diffus beschworene Multikulturalismus) stört den „drive“ dieses historischen Prozesses. Das Revolutionäre ist gerade diese Besinnungslosigkeit, mit der an der Rückkehr des Naturzustandes gearbeitet wird. Mit ihm kehrt die primordiale Gewalt zurück.

Wie sehr diese Sicht auf den angeblich mäandernden Kolonialismus bis heute Pirouetten schlagen kann, verriet jüngst ein Artikel im Tagesspiegel von Brandon Keith Browns, der ausgerechnet dem Berliner Multikulturalismus vorwirft, ein Deckmantel für neuen Rassismus zu sein. Frantz Fanons Mentalität lebt also weiter.

(Bild: Fanon, Pacha J. Willka, CC BY-SA 3.0)


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